Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 23/2026 vom 3. Juni 2026
Liebe Frau Andrea,
seit zwei Wochen hab ich einen Gipsfuß, und von Zeit zu Zeit, wenn ich nicht genug Ruhe geb, „dogazt“ der. Also der Fuß pocht, wird warm und „arbeitet“. Meine Mama und ich haben gerade sehr über dieses alte Wort „dogazn“ gelacht, das uns plötzlich wieder eingefallen ist, bzw. im Mostviertel doch immer wieder verwendet wird. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns über den Wortursprung aufklären könnten!
Liebe Grüße,
Tina Hofm, Wien, per Email
Liebe Tina,
auch im alten Wien war das Zeitwort bestens bekannt und weit verbreitet. Die Schreibweise ist niemals normiert worden, weswegen es in den spezifischen Wörterbüchern (und ihren Online-Derivaten) schwer zu finden ist. „Dogatssn“, „dockatssn“, „dogetssn“ bezeichnet das pulsierende, hämmernde Schmerzen, das Fühlen des eigenen Pulses in einer Wunde, einer Geschwulst, besonders in eiternden Verletzungen oder kranken Zähnen. Bisweilen auch „togerzn“, „togazen“ geschrieben zirkulierte es in Redewendungen wie: „In mia togazd ois vua Zuan“ (in mir hämmert alles vor Zorn), „Mei Heads togazd“ (Mein Herz pocht), „Mei gschwiariga Finga fangd dsan dogazn an“ (mein eitriger Finger beginnt zu pochen.)
Nach spärlicher Expertise der Etymologen ist das Wort eine lautmalende Bildung, die entweder von italienisch „toccare“ (stoßen, drücken) kommt, oder vom sehr ähnlichen mittelhochdeutschen „tuc“, „duc“ (Schlag, Streich, Stoß, schnelle Bewegung, Gebärde, Handlungsweise, Gewohnheit, listiger Streich, Kunstgriff, Arglist). Im italienischen Herkunfstfall kommt das „togazn“ vom vulgärlateinischen *toccare, das wiederum auf die lautmalende Silbe „tok“ für den Schlag oder das Klopfen, wie beim Anschlagen einer Glocke zurückgeht.
Aus dem deutschen „Tuck“ (boshafter Streich) wurde jedenfalls dessen singularisierter Plural „Tücke“, „Dücke“. Die Tücke, petrifiziert im Sprichwort „Mit List und Tücke fängt man eine Mücke“, verwenden wir nur mehr in den Adjektiven „tückisch“ und „heimtückisch“.
In Verblendung des Gesagten könnten wir im „Togerzen“ die körperliche Hinterlist sehen, uns auch im Falle von gut heilenden Verletzungen mit pochendem Hinweisen zu bemühen.
„Heilung ist Arbeit“, sagen die Esoteriker. „Arbeit ist Heilung“ die Exoteriker.
comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social
instagram.com/comandantina


