Der Big Mac, der Doppelstockburger der US-amerikanischen Fast-Food-Kette McDonalds ist weltweit bekannt und gilt als Symbol für amerikanischen Kapitalismus und Dekadenz.
Die Kulturwissenschaftlerin und SN-Kolumnistin Andrea Maria Dusl
über eine amerikanische Ikone.
Für die Salzburger Nachrichten vom 4. Juli 2026.
Geschrieben am 23. Juni 2026.
Ist es der Dollarschein mit dem Konterfei George Washingtons? Das Weiße Haus in der nach ihm benannten Stadt? Ist es das Star Spangled Banner, die Flagge mit den 13 Streifen und den 50 Sternen? Die Freiheitsstatue im Hafen von New York? Welches ist das Symbol für die USA, die Vereinigten Staaten von Amerika. Mächtigste Demokratie der Welt, militärische Superpower, kultureller Hegemon der letzten sieben Jahrzehnte?
Alles an den „US of A“, wie sie Borat, die luzide Kunstfigur von Comedian Sascha Baron Cohen liebevoll nennt, ihre ökonomische Verfasstheit, ihre ästhetischen und kulinarischen Zwänge, ihr Drang nach Übertreibung und Vereinfachung kulminieren in einem gastronomischen Produkt. In ihm ist gültig zusammengefasst, was das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ausmacht. Der Hang zum Großen und Übergroßen, Triumphalen, zum perfekt Ausgeklügelten, jede Seitengasse des Markts Bespielenden. Des Weltmarkts wohlgemerkt.
1965 antworte Jim Delligatti, italienischstämmiger Betreiber einer McDonald’s-Filiale in Uniontown im US-Staat Pennsylvania auf eine Werbeinitiative der konkurrierenden Hamburgerkette Burger King. „Je größer der Burger, desto besser der Burger“ war deren Marketinglinie zum Grillfleischbrötchen „Whopper“. Jim Delligatti antwortete mit einem Doppelstockburger. „Doppelt ist doppelt gut“, war die mitschwingende Botschaft. Im April 1967 begann Delligatti, den Big Mac für 45 Cent zu servieren. Im kulturell prägenden Jahr 1968 stand der Big Mac auf der Speisekarte jedes amerikanischen McDonald’s. Ein Jahr später machte er schon ein Fünftel des Gesamtumsatzes aus. Nach Österreich kam der Kultburger im Juli 1977, als am Wiener Schwarzenbergplatz das allererste McDonald’s-Restaurant des Landes eröffnet wurde.
In einem ganz und gar amerikanischen Interview mit der Los Angeles Times im Jahr 1993 gab Delligatti zu, gar nicht Erfinder des Doppeldeckerburgers zu sein: „Das war nicht wie die Entdeckung der Glühbirne. Die Glühbirne war ja schon da. Ich habe sie nur in die Fassung geschraubt.“
Erfunden oder eingeschraubt, der Big Mac war in die Welt gekommen. Sein Name Programm und Herkunft zugleich. Big war er, also groß, der größte Hamburger der namensstiftenden Marke McDonald‘s. Die war mem-technisch erkenntlich an den gelben Doppelbögen und dem Maskottchen, dem grell geschminkten Kindergeburtstags-Horrorclown Ronald McDonald.
Der Big Mac ist längst Legende, weltweit. Seine Rezeptur ist einfach, aber perfektioniert. Auf dem Boden des in Spezialtoastern gerösteten Weichbrötchens, dem sogenannten „Bun“ wird spezielle Big-Mac-Sauce (eine Variante der Thousand-Island-Dressing) aufgetragen, darauf Zwiebelwürfel aus rehydrierten, durch Gefriertrocknung hergestellten Zwiebelflocken, in Streifen geschnittenem Eisbergsalat, einer Scheibe Cheddar-Schmelzkäse, und dann: Die erste von zwei Poteinbomben, eine Scheibe gebratenes Rinderhackfleisch, „Beef Patty“ genannt. Auf der dritten Etage, dem Mittelteil des Brötchens kommen wieder Sauce, Zwiebel und Salat zum Einsatz, diesmal vermehrt um Salzgurken-Scheiben. Nun folgen der obere Beef Patty und schließlich der Big-Mac-Deckel, weich und griffig zugleich, flockig mit Sesam bestreut. 232 feiste Gramm ist der dicke Mac schwer, mit 545 kcal steht er kalorisch zu Buche.
Gewiss, es gibt andere Bombergeschwader im amerikanischen Ernährungsprogramm – Subway, Starbucks, Coca und Pepsi Cola, Kentucky Fried Chicken, Burger King, Pizza Hut und Taco Bell. In den mit US-Amerikanischen Superheldenepen bespielte Kinosälen der Welt regieren die Großpackungen mit Popcorn und Kartoffelchips. Die Devise: Groß, größer, übervoll. McDonalds wird als Marktführer der amerikanischen Fast-Food-Ideologie wahrgenommen und mit ihm der große Bomber Big Mac. Er macht alles aus, was an Amerika groß, beliebt, und ja: übertrieben ist.
Der amtierende Präsident des Landes hat seine Liebe zu den Produkten aus dem Hause McDonalds schon früh festgezurrt. Wir dürften nicht ganz falsch liegen, die Namensgleichheit der Marke mit seinem eigenen Vornamen „Donald“ dafür verantwortlich zu machen. Donald Trump trat schon 2002, lange vor seiner Präsidentschaft in einem McDonald’s-Werbespot auf. Damals noch New Yorker Immobilienhai ohne präsidentiale Ambitionen bewarb er für seine Lieblings-Fleischlaberlfirma deren viertelpfündigen “Big N‘ Tasty”, das Herzstück des „Dollar Menus“.
Trumps lebenslangen Vorliebe für Fast Food kulminierte in spezifischen Burger-Bestellungen in sein jeweiliges Büro. Die Bestellung bei McDonald umfasst in der Regel zwei Big Macs, zwei Filet-O-Fish und einen großer Schokomilchshake. Andere Trump-Favoriten für ein gesundes Mahl: Eine Portion Egg McMuffin, heiße Pommes und als Unterlage ein „Quarter Pounder with cheese“ (bei uns als Hamburger Royal bekannt). In der Regel ordert der Don dazu extra Ketchup und Diät-Cola. Gurkerl sind nicht seine Sache und müssen weggelassen werden. Die Mac-Diät wird von Mitarbeitern besorgt oder direkt in den Dienstflieger Air Force Nr.1. geliefert.
In einem viel beachteten (und überaus erfolgreichen) Wahlkampfauftritt im Jahr 2024 half Trump kurzzeitig an einer McDonald-Fritteuse in Pennsylvania aus. Mit schwarzgelber Schürze und halbwegs gelungenen Handgriffen. Schließlich stand er gar am Drive-in-Schalter der Filiale und gab Menü-Päckchen aus. Im Januar 2019, während seiner ersten Amtszeit bewirtete Donald Trump die Football-Mannschaft der Clemson Tigers. Wegen des teilweisen Regierungsstillstands (Government Shutdown) und beurlaubtem Küchenpersonal bezahlte der Präsident das Fast-Food-Buffet aus eigener Tasche.
Am 13. April dieses Jahres ließ sich Trump abermals anekdotenwirksam eine Fast-Food-Lieferung ins Oval Office kommen. Die beiden McDonald’s-Sackerl nahm der 79-Jährige persönlich entgegen. Vor laufenden Kameras. Als inszenierter Presserummel für seine Initiative zu steuerfreien Trinkgeldern („No Tax on Tips“).
Die Geschichten um Präsidenten und Burger künden nicht nur davon, wie die amerikanische Ökonomie funktioniert, wie sich politische Erzählungen über social media platzieren lassen, sie gibt auch Zeugnis über den Zustand des US-amerikanischen Bildunsgssystems. Eine vielerzählte Burger-Anekdote geht so: In den 1980er-Jahren versuchte die Fast-Food-Kette A&W den äußerst erfolgreichen Quarter Pounder von McDonald’s mit einem größeren und hochwertigeren Hamburger herauszufordern. Der Drittelpfünder von A&W floppte, weil die Kunden fälschlicherweise annahmen, ein Drittelpfund sei kleiner als ein Viertelpfund. Verwirrt über den gleich hohen Preis fragten sie sich, warum sie für einen „kleineren“, wen auch besser schmeckenden Drittelpfünder denselben Betrag wie für den faden, aber „schwereren“ Viertelpfünder bezahlen sollten.
Dass Wording alles ist, hat der Vollamerikaner Donald Trump verstanden. Die Formel funktioniert:
Big Mac equals Big President.
Andrea Maria Dusl. Für die Salzburger Nachrichten am 4. Juli 2026.