Wenn in Böhmen ein Viertel eingeht

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 42/2026 vom 14. Oktober 2026

Liebe Frau Andrea,
bitte erklären Sie mir die Herkunft der ungeduldigen Kritik, die ich als
vor vielen Jahren eingewanderte Deutsche schon mal zu hören bekam: „Bis du mit [dem und dem] fertig bist, vergeht in Böhmen ein Viertel.“

Vielen Dank!
Mariana Potocnik, 1220 Wien

Liebe Mariana,

unser Sprichwort reicht tief in die gemeinsame Geschichte Böhmens (tschechisch Čechy) als Kronland und Einzugsgebiet Wiens. Auf der Reise in den heutigen Gebrauch der Redewendung haben sich mehrere semantische Ebenen vermischt – die vom Eingehen von Leinwand, jene vom Vergehen eines Landesteils, sodann eine Zeitangabe und ein Flächenmaß.

Der Vorwurf der „eingehenden“, also schrumpfenden böhmischen Leinwand stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, als die Nebenerwerbsbauern Böhmens, Mährens und Schlesiens traditionelle Produzenten von Leinengeweben für Wäsche und einfache Kleidung aus Flachsgarn waren. Wegen schlechterer Appretur war böhmische Leinwand weniger beliebt als schlesische. Sie geriet vollends in Verruf, als die böhmischen Weber nach englischem Vorbild Baumwoll-Flachs-Mischgarne verwebten, denen Konkurrenz und Abnehmer nachsagten, zu schrumpfen, also „einzugehen“. Das „Vergehen“ eines Böhmischen Viertels wird auch mit einer Zeitangabe verbunden, lautete das Sprichwort doch ursprünglich anders. Um anzudeuten, dass jemand furchtbar lange brauchte, sagte man im Wienerischen: „Bis dea/die an Finga riad“ (bis der/die einen Finger rührt), „faged in Béman a Fiadl“ (vergeht in Böhmen ein Mond-Viertel, also eine ganze Woche).

Tatsächlich dürfte das Eingehen eines Viertels aber ein fernes Echo aus Wüstungen und Ackerverlust in Folge des Dreissigjährigen Kriegs sein. Der „Böhmische Strich“, tschechisch „korec“ war ein altes österreichisches Feld- und Ackermaß – die Hälfte eines Jochs, jener Fläche, die von einem Ochsen beziehungsweise einem Ochsengespann an einem einzigen Tag gepflügt werden konnte. Ein „Böhmisches Viertel“, der vierte Teil des Strichs entspräche nach heutiger Berechnung 720 m2. Soviel Acker fällt also in Tschechien brach, wenn in Wien jemand trödelt.


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Das gute alte Wienern

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 41/2026 vom 7. Oktober 2026

Liebe Frau Andrea,
gerade haben wir in kleinerer Runde das Verb „wienern“ im Sinne von putzen, polieren und so weiter diskutiert. Es stellte sich die Frage, ob es eine Beziehung zu Wien gibt und wie diese aussehen könnte.
Bitte um Ihre Hilfe. Vielen Dank vorab. Liebe Grüße,
Hermann Tophof, Wien 18, Gymnasiumviertel, per Email

Lieber Hermann,

das Wort „wienern“ stammt aus der deutschen Soldatensprache des späten 19. Jahrhunderts und leitet sich vom Reinigungsmittel „Wiener Kalk“ ab. Kasernierte Soldaten nutzten ihn, um ihr weißes Lederzeug und ihre Riemen einzufärben und zu reinigen. Aus der Tätigkeit „mit Wiener Kalk putzen“ etablierte sich bald der Barras-Ausdruck „wienern“. Aus dem rein mechanischen Säubern von weißem Leder mit diesem speziellen Putzmittel wurde eine allgemeine umgangssprachliche Bezeichnung für intensives Putzen, Schrubben oder Polieren, um Dinge auf Hochglanz zu bringen – den Fußboden, die Schuhe, die Fenster. Die ursprüngliche Bezeichnung des Produkts und der militärische Zweck wurden vergessen.

Ältere Lexika bezeichnen „Wiener Kalk“ als „Schlämmkreide in Stücken“. Damit konnte auch gebrannter, sandfreier Kalk für Metallpolitur gemeint sein. Heute bezeichnet „Wiener Kalk“ meist fein gemahlen Dolomit (Calcium-Magnesium-Carbonat), oder gebrannten Dolomit (überwiegend Calcium- und Magnesiumoxid). Schlämmkreide dagegen ist im engeren technischen Sinn feinst gemahlenes und geschlämmtes Calciumcarbonat (CaCO₃), also im Wesentlichen gereinigte Kreide bzw. Kalkspat (gemahlener Calcit).

Eine Publikation des Instituts für Angewandte Geologie der BOKU Wien beschreibt die historische Herstellung von „Wiener Kalk“, im Fernhandel auch als „Vienna Limestone“ bekannt. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde dieser als Poliermittel für Metalle verwendet. Als ursprüngliche Vorkommen werden Triasdolomite in niederösterreichischen Gaaden, nahe Mödling bei Wien genannt. „Wiener Kalk“ und damit das „Wienern“ haben also tatsächlich einen handelstechnischen und damit etymologischen Bezug zur Donaumetropole.


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Das österreichische Nähkästchen

Ein Nähkästchen dient als tragisches Requisit in Theodor Fontanes Roman Effi Briest (1895). Das frauenzimmerliche Utensil ist das geheime Versteck für Effis Liebesbriefe vom charmanten Major von Crampas. Jahre nach der ausserehelichen Affäre werden die kompromitierenden Schriftstücke von Effis Ehemann Baron Geert von Innstetten entdeckt. Der kompromitierende Zufalls-Fund im Handarbeitsbehälter löst eine Kaskade von Katastrophe aus. Vom Ehrenkodex der Zeit und des Standes gezwungen fordert Innstetten Crampas zu einem Duell. Der Major wird getötet, Effi verstoßen. Sie verliert das Sorgerecht für ihre Tochter und wird von der Gesellschaft isoliert. Schwer krank und gebrochen kehrt Effi auf das elterliche Gut zurück, wo sie kurz darauf gebrochenen Herzens stirbt.

„Jedes Schriftl is a Giftl“ würden die politische Akteure des gegenwärtigen Österreich antworten. Die Produktion und das Aufbewahren von Kompromaten gelten als übliche Praxis. Unachtsamkeit, Vergesslichkeit, Unordnungsliebe und Patschertheit sind dabei nur die lässlichen Motive. In der byzantinischen Performation von Amtsstuben, Politbüros und Redaktionen kommt dem Giftschrank (so das Nähkästchen für Fortgeschrittene) eine wichtige Funktion zu. Dabei muss das „Giftl“ nicht explizit veröffentlicht oder strategisch in Anschlag gebracht werden. Die schiere Möglichkeit seiner Existenz kann genügen.

„Die Rache der Journalisten an den Politikern ist das Archiv“ lautete in weniger toxischer Absicht der Leitspruch des legendären österreichischen Journalisten und Zeit-im-Bild-2-Anchorman Robert Hochner.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 3. Oktober 2026.

Das herzige Bagschierlichsein

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 40/2026 vom 30. September 2026

Liebe Frau Andrea,
heutzutage scheint es ausgestorben: Das lautmalerische „bagschierlich“, die Beschreibung eines Mädchens, einer jungen Frau mit einer Zwirnspulerlfigur (Busen und Hüften weiblich ausgeprägt, dazwischen eine deutliche Taille), die mit beiden Beinen im Leben steht. Eine Sopherl vom Naschmarkt könnte so gewesen sein. Können Sie das Wort „übersetzen“, die Bedeutung erklären? Vielen Dank, auch für Ihre Texte, ich liebe sie!
Mit herzlichen Grüßen,
Elfi Jirsa, Hetzendorf, per Bernsteinfunkennachricht

Liebe Elfi,

als „Sopherl vom Naschmarkt“ zirkuliert im Wiener Mythenkosmos eine Kunstfigur des Feuilletonisten Vinzenz Chiavacci (1847-1916). In seinen Essays in der Österreichischen Volkszeitung nahm die Wiener Marktfrau „Sophie Pimpernuß“, kurz „Sopherl“ regelmäßig zu Wiener Angelegenheiten Stellung. Chiavacci beschrieb die resolute Obst-Standlerin als robuste, wohlgerundete Gestalt mit warmherzigem, von Gesundheit strotzendem Gesicht. Sopherls kluge, muntere Augen und ihr energischer Mund waren in ewiger Bewegung, braunes Haar, von Silberfäden durchzogen, lugte unter einem buntgeblümten Kopftuch hervor. Das Amalgam aus Reschheit und Gutmütigkeit sprach derbes Wienerisch und den volkstümlichen „Spruch“. Insoferne ist die Sopherl nicht typisch für das „bagschierliche Mäderl“.

Unser Begriff wurde „bagschíali(ch)“ ausgesprochen und bedeutete bei kleinen Kindern „possierlich“, „niedlich“, „drollig“. In der Fernbekundung von weiblichen Wesen transportierte es die Genderqualitäten „herzig“, “anmutig“, „schön anzusehen“. Die Sprachforschung leitet das Wort von „patschen“ (dem kindlichen Klatschen) ab, weshalb es in manchen Dialekten „patschierlich“ lautet. Nach anderer Etymologie kommt es vom Eigenschaftswort „beigeschirrig“, das ein zusätzlich eingespanntes, kleineres Zugtier im „Geschirr“ eines Wagens bezeichnete.

Ein weiteres „bagschialich“ in der Bedeutung „streitsüchtig“, “grob“ entspricht der „Sopherl“ eher, kommt es doch von mittelhochdeutsch *bâgesgiric, zusammengesetzt aus „bagen“ (schreien, streiten) und dem Vorläufer von gierig, fordernd.


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Wie Du darf es sein?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 39/2026 vom 23. September 2026

Liebe Frau Andrea,
in Lokalen und Geschäften, immer öfter passiert es. Unbekannte sind per du mit mir. Manchmal ist das okay, manchmal aber auch verstörend, bisweilen sogar unangenehm. Was kann man da machen? Kann man was machen?
Vielen Dank für Ihren wertvollen Rat,
Maja Ennser, Meidling, per Insta-DM

Liebe Maja,

in österreichischen Geschäften und Lokalen galt bis in die Sechzigerjahre gegenüber fremden Erwachsenen das grundsätzliche „Sie“. Das traditionelle „Du“ existierte zwar, besonders auf dem Land, im Wirtshaus, unter Bekannten und in bestimmten Milieus, war aber an persönliche oder soziale Nähe gebunden. Mit der Studenten-, Jugend- und Gegenkultur veränderte sich die Bedeutung des „Du“. Es stand zunehmend für Gleichheit, Ungezwungenheit und die Erosion von Hierarchien. In alternativen Buchläden, Plattengeschäften, Studentenlokalen, Jugendzentren, Szenebeisln, WGs- und auf Demos wurde das Du ganz normal. In politischen Parteien war es längst etabliert. Wurden die so Angesprochenen doch als mutmaßliche Mitglieder desselben Milieus behandelt. Ähnliches galt seit jeher in der Aristokratie, deren Mitglieder zudem auch noch eng oder zumindest weitschichtig miteinander verwandt waren.

Als eigentliche Zäsur gilt der 1. September 1977. IKEA flutete Österreichs Wohnräume. In Schweden, dem Mutterland des Selbtbaumöbelkonzerns war das allgemeine Duzen bereits gesellschaftliche Norm geworden. Schon Jahre zuvor hatte meine schwedische Großmutter über Ihre Verwunderung berichtet, dass der Stockholmer Taxifahrer mit ihr, alter Dame, per Du war und den König im Cab-Talk gar flapsig als „killen“ (der Kerl) bezeichnete. Das legendär moderne IKEA-Du etablierte jedenfalls eine neue, bewusst informelle Begegnungskultur. In den 90ern wurde das Marketing-Du schließlich endültig als Signal für Jugendlichkeit, Modernität und Kundennähe entdeckt.

Wie gehen wir damit um, wenn uns das Du zu nahe kommt? Comandantina empfiehlt die siezende Distanzfrage: „Ähm, verzeihen Sie, woher kennen wir einander?“. Im akuten Wienfall wird das kaum nutzen. Stechen Sie die Nähe ab. Als Waffen der Wahl empfehle ich die kostbaren Dolche „Oida“ und „Heast!“


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Sonnensystem Österreich

Zwei prägende Gestalten, männlich gelesen, großväterlich verklärt, dominieren den österreichischen Mythenhimmel. Hie Kaiser Franz Joseph, der uniformierte Habsburger, nach eigener Bezeichnung „erster Beamter des Staates“, da Bruno Kreisky, der sozialdemokratische Nachkriegsimperator, Sonnenkönig genannt, oder schlicht „der Alte“. An Kaiser Franz Joseph imponierte die Konsistenz seiner Erscheinung und die schiere Länge seines Wirkens, Bruno Kreisky wiederum exaltierete das Deviante, Revolutionäre und verkehrte es in sein bürgerliches Gegenteil. Ohne die Döblinger Regimenter und Teile der strammen Rechten wäre ihm die Kanzlerschaft verwehrt geblieben. Wie seine roten Amts-Buddys Olof Palme und Willy Brandt katapultierte er die Gesellschaft in ein anderes, ein richtiges Jahrhundert, seine Reformen gelten noch heute, und werden nur mühsam von den Gegener allen Egalitären abgetragen. Von seinem Ruhm und der Würde seiner Durchsetzungskraft (Grant hin oder her) zehrt die selbstverzwergte SPÖ noch heute.

Warum aber gilt Bruno Kreisky auch Rechten und gesellschaftpolitisch Fernen als Lichtgestalt, Vorbild und politischer Heiliger? Der Nimbus des reformfreudigen Jahrhundertkanzler nährt sein Leuchten aus der schieren Tatsache seiner Alleinherrschaft. Die absolute Mehrheit, erst mit parlamentarisch-wahlpolitischer Trickserei eingefädelt, später mit wirklichem Votum affirmiert, wurde nie wieder erreicht. Bruno Kreiskys Absolute war die letzte, die das Land erinnert. Die seines Vorgängers Josef Klaus ist vergessen. Das Gedächtnis des Landes dominiert einzig der letzte große Rote.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 19. September 2026.

Die Sieben Zwetschgen

Liebe Frau Andrea,
meine Frau meinte neulich: „bis die J. kommt, dauert’s noch ein bisserl, muss erst ihre Sieben Zwetschgen einpacken!“ Wieso „Zwetschgen“ und warum „sieben“?

Vielen Dank,
Christian Breyer, Währing

Lieber Christian,

die Siebenzahl ist eine überaus beliebte semantische Formel, um eine hinreichend große, aber notwendig kleine Anzahl zu bezeichnen. Die Sieben gilt als Zahl mit wirkmächtigem Nimbus. Aus dem Märchen kennen wir die Sieben Zwerge hinter den Sieben Bergen, die Zauberkraft der Siebenmeilenstiefel, und das Verwünschen von Sieben Söhne zu Sieben Raben. Das tapfere Schneiderlein erschlägt gleich Sieben auf einen Streich.

Die Antike kannte Sieben Weltwunder, Sieben Weltmeere, und die Sieben Hügel Roms. Die christliche Tradition warnt vor Sieben Todsünden und spricht Sieben Sakramenten Heiligkeit zu. Der Hinduismus überliefert die Lehre von den Sieben Chakren, der Islam heiligt den Tawāf, das siebenmalige Umrunden der Kaaba in Mekka (den zentralen Ritus der islamischen Pilgerfahrt Hadsch). Die Freimaurerei schließlich fordert die Siebenzahl als die Mindestanzahl an Meistern, die eine Loge „vollkommen und gerecht“ machen. Abgeleitet von den sieben biblischen Schöpfungstagen haben sich die sieben Wochentage etabliert, die tatsächlich den historisch sieben beobachtbaren Himmelskörpern der Antike zugeordnet wurden, praktischerweise auch gleich die Mondphasen und den damit verbundenen weiblichen Zyklus strukturierten.

Dass wir beim Zusammenpacken von Kind und Kegel von unseren „Sieben Sachen“ sprechen, wundert also nicht. Wieso aber nennt das Österreichische Mitzunehmendes „Sieben Zwetschgen?“ Die Antwort ist banal. Ein altes Wort für „Zwetschge“ ist „Quetsche“. In anderer Bedeutung ist Quetsche – das Gequetschte – das Zusammengepackte der Händler, und Reisenden. Das Wienerische kennt für das kleine Geschäft, die mobile Bude, das Gaunerquartier noch das Wort „Quetschen“. Irgendwann auf der österreichischen Sprichwortreise wurde aus den ursprünglichen „Sieben Quetschen“, den „Sieben Sachen“ der Deutschen unsere „Sieben Zwetschgen“.


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Podcast Alte Schmiede

Das Literatur- und Musikhaus Alte Schmiede startet heute in seine 52. Programmsaison mit dem neuen podcast „Werkstattgespräche“. Erster Gast von Oliver Scheiber bin ich, Andrea Maria Dusl, Autorin, Regisseurin und Zeichnerin.

Hier kann man den podcast abonnieren:

https://youtu.be/z6kitkQKTLo

https://open.spotify.com/episode/2Bi1pQkUuYTWQcYRu3plqc?si=e6966e16203b42d9

Lieber Oliver, vielen Dank, dass Du die podcast-Reihe mit mir eröffnet hast!

Wie abgedreht ist bummerwitzig?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 37/2026 vom 9. September 2026

Liebe Frau Andrea,
als Jahrgang 1944 Geborener sind mir aus Gesprächen mit Großeltern und anderen älteren Verwandten noch viele frühere Wörter und Redensarten geläufig. Ich lese daher gerne mit Interesse Ihre Kolumne, der ich viele wertvolle Hinweise verdanke. Unlängst fiel in einem Gespräch der Satz „da wirst du ja „bummerwitzig“. Ich interpretiere dieses Wort im Sinne von verwirrt, unsicher, unrund, durcheinander u.ä. Ich bitte Sie um Ihre Meinung zu Sinn und Herkunft dieses Wortes.
Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen,
Dr. Gerhard Lindemann, Währing, von meinem iPhone gesendet

Lieber Herr Doktor,

unser Begriff zirkuliert(e) in heimischen Breiten für eine breite Palette an Gemütszuständen. Seine Aussprache changierte zwischen „bumawitssi“ und „pummerwitzig“, und nahm Bedeutungen zwischen „dasig“ und „benommen“ an, „verkatert“ und „schlofgrodn“ (übernachtig). Bummerwitzig konnte aber auch das schnippische, naseweise, abweisende oder hoppertatschige Verhalten junger Mädchen bezeichnen, nicht selten das aberwitzige, vorlaute, bisweilen auch zornmütige. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm nennt als alte bairisch-österreichische Bedeutung explizit „mutwillig“ und „übertönt albern“.

In der Form „bummelwitzig“ kennen es die norddeutsch-mittelelbischen Mundarten (insbesondere die Altmärkischen Mundart im heutigen Sachsen-Anhalt und Brandenburg). Dort wird es allerdings eher für „verrückt“, „geistesgestört“ oder „dusselig“ benutzt, im Mittelelbischen für die „scherzhafte oder trügerische Verführung“, die jemanden „verrückt“ und geradezu „schwindelig vor Freude und Sinnlichkeit“ mache.

Im Wienerischen dürfen wir auf verwandte, wenn auch weitgehend anderslautende Zuschreibungen der akuten psychischen Devianz ausweichen, etwa „deppat“, „guggi“ und „narrisch“. Die mutwillig Übermütigen, überdreht Lebhaften, die mit einem „Huscher“ oder „Poscher“ kennt das Wienerische auch als „aufzuckert“, „odraht“, oder schlicht „durchanand“. Wer sich manisch zerfahren und verstört hyperaktiv geriert, „schurlt umandand wia gstochn“, ist in liebevoll-spöttischer Zuschreibung „A gschossans Afferl“.


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Die neuen Herbstfarben

Die österreichische Farbe ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Ohne große historische Debatten hat sich die Republik auf Rot-Weiß-Rot geeinigt, die flaggengewordene Streifenkombinaton aus dem österreichischen Bindenschild. Schon das Kern-Bundesland Niederösterreich schert aus und führt traditionellerweise die Farben blau und gelb als Identitätskolorierung. Die anderen Bundesländer haben es schwieriger. Deren Landesfarben sind nur den dort Geborenen und volksschulisch Sozialisierten geläufig. Dass sie bei ministerialen Pressekonferenzen in Großwimpelformation die Rednerpulte begleiten, hat den heraldisch-sphragistischen Wirrwar eher vergrößert.

Leichter haben es die politischen Himmelsrichtungen. Die ehemals großen Bewegungen Österreichs sind die Schwarzen und die Roten, benannt nach der Habitfarbe der Benediktiner und dem Blutrot der Jakobiner und Arbeiter. Und alle wissen, wer mit diesen Farbzuschreibungen gemeint ist. Später kamen die Blauen dazu, tingiert nach der Kornblumenfarbe der Freiheitsbewegten und Deutschnationalen. Nach Hainburg etablierte sich das selbsterklärende Grün und sehr viel später das pinke Magenta der NEOS. Den Aufbruch ins Kurzzeitalter versuchte der Basti der Herzen mit der Farbe Türkis auszudrücken. Das Experiment, dem Schwarz der Volkspartei zu entkommen, war nur von kurzer Dauer.

Welches aber ist die wirkliche Farbe des Landes? Wonach sehnen sich fern der Heimat lebende? Nach übereinstimmender Befindlichkeit ist es Rosa. Im Wienfall die Farbe der Kaffeehauskette Aida, jedenfalls aber das zarte Rosé der Männerschnittenpackung und das bräunliche Rosa der Landesnahrung Leberkäse.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 5. September 2026.

Stanniol und so

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 36/2026 vom 6. September 2026

Liebe Frau Andrea,
unsere jüngere Generation wußte letztens nicht, wovon wir reden. Woher kommt eigentlich der Ausdruck „Stanniol-Papier“? Und ist da wirklich die Alufolie gemeint?
Herzlichen Dank,
Monika Steiner, per Elektrofunkennachrich

Liebe Monika,

um Schokolade, Butter, Tabak oder Kaugummi bruchsicher zu verpacken, klebte die Industrie früher hauchdünne Metallfolien auf Trägerschichten aus dünnem Papier. Dieses echte Verbundmaterial nannte man Stanniolpapier. Stanniol selbst hat aber nichts mit Papier zu tun, und unterscheidet sich signifikant von der Aluminiumfolie. Seine Bezeichnung kommt über das italienische “stagnolum” vom lateinischen stannum (Zinn), und wurde aus reinem Zinn hergestellt. Echtes Stanniol, das zu Weihnachten auch an den heimischen Jahresend-Tannen hing, wurde aus Kostengründen fast vollständig durch Aluminiumfolie ersetzt. Dennoch zirkuliert in unseren Breiten noch immer der Begriff Stanniol, auch wenn wir damit normale Alufolie meinen. Stanniol und Alufolie lassen sich leicht unterscheiden, weil sich die Metalle physikalisch und chemisch völlig anders verhalten. Alufolie knittert laut, hell und metallisch. Sie behält nach dem Zerknüllen scharfe Kanten, und reißt sehr leicht in scharfen, geraden Linien ein. Stanniol dagegen war zäher, klang weich und dumpf. Beim Einreißen dehnte es sich ein wenig und hinterließ eine weichere, faserige Abrisskante. Zinn ist überdies dreimal so schwer wie Aluminium.

Der Umstieg von Stanniol auf Aluminiumfolie hatte wirtschaftliche und geschmackliche Gründe. Als häufigstes Metall in der Erdkruste ist Aluminium wesentlich günstiger als das relativ teure Zinn. Seine Massenproduktion wurde ab der Mitte des 20. Jahrhunderts durch moderne Herstellungsverfahren extrem billig. Für Verpackungen von Schokolade oder Butter wurde Stanniol also bald zu unwirtschaftlich. Weil es empfindlich auf Säure und Feuchtigkeit reagierte, schmeckten Schokolade oder Käse oft unangenehm metallisch. Aluminiumfolie hingegen wird bei der Herstellung hauchdünn beschichtet oder bildet von Natur aus eine schützende und geschmacksneutrale Oxidschicht, die zudem licht- und gasundurchlässig ist.


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Lost im Endpreis

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 35/2026 vom 26. August 2026

Liebe Frau Andrea,
hat sich schon jemand wissenschaftlich mit der Sitte/Unsitte der 99-Cent-Preise auseinandergesetzt? Haben Gegner Aufrufe zu geraden Preisen erlassen? Haßschriften verfasst, Proteste organisiert?
Ich frage natürlich für eine Freundin! Liebe Grüße,
Rudi Krock, per Insta-DM

Lieber Rudi,

wir alle kennen das. Wir stehen im Supermarkt, haben ein Produkt aus unserer Einkaufsliste gefunden. 2,99 sagt das Preisschild. Nicht viel, aber doch billiger als 3,00, der (gedachte) runde Preis. Wir nehmen das Produkt. Warum eigentlich? „Psychologie“, sagen die Experten, die Wissenschaft habe bewiesen, dass die Umsätze steigen, wenn die Preise auf die nächstkleinere 99er-Endung abgerundet werden. So erzählen es die Glaubensschulen der ökonomischen Theologie. Tatsächlich kommt die Wissenschaft zu ganz anderen Ergebnissen. Belastbare Studien zeigen, dass runde Preise weder den Umsatz über alles senken, noch, dass der Verkauf der redlich bepreisten Artikel einbricht. Ganz im Gegenteil, kommt es doch zu einem leichten Anstieg beider Parameter. 99-Cent-Preise und ihr scheinbar positiver Impakt auf die Wirtschaft gilt mittlerweile als selbsterfüllende Prophezeiung und ökonomischer Unsinn. Wie so viele populäre Wirtschafts-Märchen kommt der Mythos vom gewinnstiftenden 99er-Preis-Ende aus dem Land der Tellerwäscher und Millardäre. Und da er noch nicht gestorben ist, wird er heute noch erzählt. Proteste gibt es keine. Und wenn, verhallen sie in den Gängen der Supermärkte.

Wären runde Preise die Lösung, ein brauchbares Ideal? Keineswegs. Hat doch die Wissenschaft noch ganz andere Mechanismen zwischen Preis und Käufer entdeckt. So vertrauen wir, weil wir runde Preise zurecht als “gemacht” und willkürlich bewerten, eher unrunden Preisen, in denen die Zahl neun fehlt. Einem Preis wie 312.- also eher, als der runden Summe 300. Dabei spielt es, so die Wissenschaft, keine Rolle, dass diese Preise ebenfalls willkürlich bestimmte sind. Mehr noch: Der Trick mit den unrunden Preisen funktioniert sogar bei denen, die den psychologischen Mechanismus kennen. Auch dagegen hat sich übrigens noch keine Bürgerbewegung formiert.


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Das österreichische Haar

Die österreichische Frisur hat eine lange, wenn auch einfache Geschichte. Im Wesentlichen gab es Jahrhunderte hindurch nur zwei Ausdrucksformen für das heimische Haupthaar. Der Begriff für die Häufigste davon hat sich bis heute gehalten und zirkuliert als Beleidigung – die frisurtechnische Statusmeldung „geschead“, soviel wie geschoren. War es den unfreien Bauern doch seitens der Obrigkeit schlicht nicht erlaubt, das Haar lang zu tragen. Noch heute gefallen sich Städter darin, die Menschen vom Land als „Gscheade“ zu bezeichnen. Was aber, wenn sich die Genetik nicht an die Mode hielt? Auftritt Perücke. Sie kompensierte den natürlichen Haarverlust der Besitzenden und Begüterten. Allgemeines Vorbild dafür war Sonnenkönig Ludwig XIV. Männliche Haarlänge hatte mit Freiheit zu tun. Mit Macht, mit Ansehen. Als die Karolinger ihre Vorgänger, die Merowinger der Königsmacht beraubten, schoren sie ihnen das lange Haar, bisheriges Zeichen ihrer Souveränität.

Als einziger weltberühmter Österreicher, der in moderner Zeit mit seinen Haaren experimentierte, darf Sebastian Kurz gelten (Pomadentenor Falco ist ausgenommen). Der Jungbundeskanzler etablierte den gegelten Haarhelm aus achtsam zurückgekämmtem Stirnhaar. Keiner seiner Nachfolger im Kanzleramt hat den Style übernommen. Brigitte Bierlein nicht, Karl Nehammer nicht, Alexander Schallenberg und auch Christian Stocker nicht.

Bastis Frisur erfuhr dennoch prominente Nachahmung. Ausgerechnet der Sohn eines Frisurkünstlers trug bei dessen zweiter Inauguration die Kurz-Coiffure: Trump-Spross Baron. Als Halbslowene irgendwie schon auch Österreicher.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 22. August 2026.

Die gute alte Pawlatschen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 34/2026 vom 19. August 2026

Liebe Frau Andrea,
gestern waren wir mit einem deutschen Gast beim Silberwirt zum Abendessen. Der wunderbare Gastgarten ist mit alten Pawalatschen geziert. Die Frage unseres Gastes, woher das Wort kommt, konnten wir allerdings nicht beantworten. Bitte um Ihre Hilfe.Herzliche Grüße,
Stephan Pesendorfer, per Email

Lieber Stephan,

die „Pawlatschen“, bisweilen auch „Bawlátschn“ oder „Pablatschen“ geschrieben, ist nach traditionellem Usus ein Mehrzahlwort. Die einzelne „Pawlatsche“ gibt es, jedenfalls im Wienerischen so nicht. Die Pawlatschen bezeichnet den Umgang am Haus, in Altwiener Häusern die offenen, balkonartigen Gänge der Innenhöfe, aber auch die primitive Bühne, die aus zwei Fässern und einem darüber gelegten Brett bestand. Nach gängiger Etymologie kommt das Wort aus dem Tschechischen, wo „pavlač“ (Gang, Zugang) den offenen Hauseingang und auch die Zugangsbalkone (Laubengänge) im winkeligen Innenhof bezeichnet.

In Teilen Österreichs, insbesondere in Wien und Graz, aber auch in einigen anderen Städten des ehemaligen Österreich-Ungarns wird und wurde der Begriff für die umlaufenden Laubengänge der Innenhöfe benutzt. In den sogenannten Pawlatschenhäusern erfolgt der Zugang zu den Wohnungen ausschließlich über die Pawlatschen im Innenhof. Pawlatschenhäuser unterscheiden sich von den modernen Laubenganghäusern in Nordeuropa, den traditionellen in Lateinamerika, aber auch von den großen Loggien im Mittelmeerraum dadurch, dass hier die Zugangsbalkone zu den Mietwohnungen nicht an der Vorderseite des Hauses, sondern an der winkligen, engen Hofseite errichtet wurden, besonders vor den Wohnungen im angebauten Hinterhaus.

Durch den Bau oft mehrstöckiger Pawlatschen ersparten sich Hausherren die Anlage von Gängen und Stiegenhäusern innerhalb des Hauses. Pawlatschen waren kostengünstig und platzsparend und konnten als Balkon genutzt werden. Sie boten Schatten und Schutz bei Regen und Schnee und fungierten als Plattform für Begegnungen aller Art.

Als Konsequenz des Ringtheaterbrands am 8. Dezember 1881 wurde die Neuerrichtung von Pawlatschen verboten. Die wenige, die es noch gibt sind ein Blick in die Wiener Vergangenheit.


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Blauer Rauch

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 33/2026 vom 12. August 2026

Liebe Frau Andrea,
eine Freundin hat am Wochenende über ihre Schwester gesagt: „Die geht überall hin, wo’s blau ausse raucht.“ Sie meinte natürlich, dass ihre Schwester mit einem Hintern auf vielen Kirtagen tanzen würde. Was hat es mit dem „blau ausse rauchen“ auf sich? Woher kommt das? Das habe ich noch nie gehört. Vielen Dank im Voraus für Ihre geschätzte Hilfe!
Herzliche Grüße,
Tanja Rosenberger, Landstraße, per Email

Liebe Tanja,

im wesentlichen sind es Papas Grill, der Holzofen im Wochenendhaus, und diverse Buben-Zündeleien, die Rauch erzeugen. Die Manosphere kennt Blauen Rauch aus der Automobilistik, wo er fast immer bedeutet, dass Öl im Motor mitverbrannt wird. Die Mitfahrt in schlecht gewarteten Fahrzeugen kann nicht der Ursprung der Redewendung sein, mit der Ihre Freundin das gesellschaftliche Verhalten ihrer Schwester taxiert. Forschen wir weiter. Farblich eminenten Rauch kennen wir aus dem Vatikan. Weißer Rauch (lateinisch fumus albus) und schwarzer Rauch (fumus niger) während des Konklaves kennzeichnen die Ergebnis der Wahlgänge bei einer Papstwahl. Ausgezählte Wahlzettel wurden traditionell zusammen mit Stroh beziehungsweise Werg in einem Kanonenofen verbrannt, heute sorgen chemische Zusätze für die Farbe. Für Schwarzen Rauch werden Kartuschen mit Kaliumperchlorat, Anthracen und Schwefel, für Weißen Rauch Kaliumchlorat, Lactose und Kolophonium eingesetzt. Schwarzer Rauch zeigt an, dass keine Entscheidung für einen neuen Pontifex zustande kam. Der berühmte Weiße Rauch hingegen signalisiert eine erfolgreiche Papstwahl.

Woher kommt nun unser Blauer Rauch? Ebenfalls von Männern, wenn auch nicht von solchen in scharlachroten Soutanen. Dünner Blauer Rauch gilt als die ideal zum Räuchern von Fleisch in Smokern und Barbecue-Öfen, als Blauen Dunst bezeichnen wir die gemütlichen Abgase jeder gesellige Rauchrunde.

Mit größter Wahrscheinlichkeit ist der Blaue Rauch aber älter. Als Blauen Dunst verstand früher man den falschen Schein, die lügenhafte Vorspiegelung. Wo auch immer er aufstieg versprach er den Aufenthalt in schlechter Gesellschaft.

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Love

Die wunderbare Kati Bruder hat mich für ihr
WIR ANDEREN – auf der Suche nach der „idealen“ Gemeinschaft
fotografiert.

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www.katibruder.com

Dinge, die genau dann ausgehen, wenn man sie gerade braucht

„Die Arbeit geht aus, wer geht mit?“ Der Spruch war in die Pulte von Gymnasialtischen geritzt, in die Bankreihen des Audimax, er wurde mit Kugelschreiber auf Mädchenjeans gemalt und prangte von den Klotüren der Studenten-Lokale. Irgendwann titelte Doppeldoktor, Club-Zwei-Moderator und Journalisten-Gewerkschafter Günther Nenning damit, in seinem Hausorgan, der legendären Diskursgazette FORVM. Vielleicht war es auch umgekehrt, so genau weiß man das nicht mehr. Die Mikrogedichte (heute würde man sie „Meme“ nennen) zirkulierten in den Siebziger- und Achtzigerjahren, einer Zeit poetischer Zügellosigkeit. Dem, was der kalifornische „Summer of Love“ des Jahres 1967, der Höhepunkt der Hippiebewegung ins graue Österreich gespült hatte. Der Scherzspruch reihte sich ein in ein ganzes Universum an launigen Einzeilern, die da kalauerten: „Lieber arm dran als Arm ab“, „Keine Macht für Niemand!“, „Lieber krank feiern als gesund arbeiten.“ Mit der beliebtsten Feriendestination der Zeit spielte „Ouzo statt Juso.“ Die Studentensprüche stammten aus der linken und autonomen Szene der sogenannten „Spontis“. Die hielten die „Spontaneität der Massen“ für das legitime revolutionäre Element der Geschichte.

Als ältester und weitest verbreiteter Spruch darf der Antikriegsslogan „Make love, not war“ gelten, Anfang 1965 von radikalen Aktivisten in Berkeley, Kalifornien in die Welt gesetzt, wahrscheinlich aber nur vom politischen Theoretiker Herbert Marcuse geklaut. Wer den dazu passende Spontispruch „Schreiben ist Silber, kupfern ist Gold“ ersann, harrt noch der Erforschung.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 8. August 2026.

Das Peckerl im Magnet

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 32/2026 vom 5. August 2026

Liebe Frau Andrea,
unlängst musste ich ein MRT machen lassen. Der nette Assistent hat mich gefragt, ob ich tätowiert bin. Ich habe bejaht (auf meinem linken Handgelenk befindet sich ein kleines Tattoo, das ich seit meinem 20. Lebensjahr stolz trage). Der Assistent mußte sehr lachen, als er mein kleines Tattoo sah, er meinte, das sei kein Problem. Problematisch wären sehr große flächige Tätowierungen. Blöderweise habe ich mich nicht getraut, zu fragen, woran das liegen könnte? Beeinflussen Tätowierungen eine Magnetresonanztomographie? Und was würde passieren, wenn ich tatsächlich den ganzen Rücken tätowiert hätte?
Herzliche Grüße aus Penzing sendet
Katharina Fratella, per WhatsApp-DM

Liebe Katharina,

der klassische Magnetresonanztomograph (MRT) ist ein Gerät mit einer tunnelartigen Röhre, in der ein konstantes, extrem starkes Magnetfeld erzeugt wird. Die Patient·innen liegen auf einem Schiebetisch, der für die Messung automatisch durch die Röhre gezogen wird. Die im Körper reichlich vorhandenen Wasserstoffatome richten sich im Magnetfeld wie winzige Kompassnadeln parallel aus. Radiofrequenzimpulse, in den Körper gesendet, bringen die Atome kurzzeitig aus dem Takt. Spezielle Spulen im MRT messen nun die elektromagnetischen Signale, die die ausgelenkten Atome aussenden, wenn sie in ihre ursprüngliche Position zurückkehren. Weil die verschiedenen Gewebearten unterschiedlich viel Wasser enthalten, klingen diese Signale unterschiedlich schnell ab, ein Computer errechnet daraus präzise Schnittbilder.

Im ultrastarken Magnetfeld können sich bestimmte Metalle gefährlich erhitzen oder zu Projektilen werden. Während einer MRT-Untersuchung können in einem tätowierten Bereich zudem Irritationen, Ödeme, Brennen auftreten. Sechs Wochen sollte ein Tattoo mindestens alt sein, um zu verhindern, dass ferromagnetische Partikel in manchen Tinten von den starken Magneten bewegt werden. Wenn ein Tattoo frisch ist und vom Gewebe noch nicht unverrückbar fixiert, kann, wie ein kompetenter Radiologe erzählt, die Dame mit den neuen Augenbrauen nach dem MRT anders aussehen als vorher, das schöne Tribal Tattoo zu abstraktem Farbbrei verschmolzen sein.


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Berufe und Benennungen

Da werde ich gefragt, in Fragebögen und für Kurzbiographien, welchen Beruf ich denn wohl hätte, und die Antwort fällt schwer, weil ich keinen Beruf habe. Ja, aber Sie müssen doch einen haben, kommt es dann, und sogar in mir schallt es leise, als Reflex auf den gesellschaftlichen Bekenntnisdruck. Sagen Sie etwas. Dann sage ich: Ich denke nach.

Dennoch hier eine Liste. So bin ich, in eigener oder fremder Zuschreibung:

Achilla Douglas
Alessia Santandrea
Altstuhlmeister
Amanda D’Arreluis
Amelia Natt och Dag
Apollonia Tillbakaseende Ulv
Architekturbewunderin
Art Directrice
Asketin
Asporina
Atheistin
Ausstatterin
Autorin des Unendlichen Panoramas
Bibliothekarin eines Handapparats
Boireannach Albannach
Buchbinderin
Bühnenbildnerin
Chloé Marie Hamilton
Comandantina beim Bureau für Information Wiederbeschaffung
Cousine
Dardania Lamurés
DJane
Discarded by avoidant
Doktorin der Philosophie
Drehbuchautorin
Empirikerin der Vorzukunft
Essayistin
Feuermacherin
Flâneuse
Forscherin zu Riten in Räumen
Freimaurerin
Freischaffende Sozialdemokratin
Geliebte
Gesellin
Gitarristin
Greenlighterin
Großsekretärin für Inneres
Heiße Quelle
Hermeneutikerin
Hextilda FitzUchtred Tynedale
Information Wiederbeschafferin
Inkompetenzkompensationskompetente
Instrukteurin
Jachin-und-Boasologikerin
Jag-Afficionado
Kolumnistin
Komplizin (gewesen)
Kulturwissenschaftlerin
Lehrende
Lehrling
Liebende
L’infiammata
Magistra Artium
Malerin
Margit Siemens
Maschinenmaria
Maschinistin
Meisterin
Meisterin vom Stuhl
Miranda Leda Saur
Morgaine Pendragon
Musikerin
Nachdenkerin
Nerd
New Yorkerin
Österreichkundlerin
Otrovertierte
Papierblumenmacherin
Parisienne
Past Master
Photographin
Plakatdesignerin
Poetin
Pythia
Realisatrice
Regisseurin
Reisende
Rhizomatische Enzyklopädistin
Romanautorin
Sammlerin
Sara Edna Almudir
Satirikerin
Scat Guitarist
Scotswoman
Scheiternde, Scheiternde, besser Scheiternde
Schülerin
Smeraldina D’Uraa
Svensk flicka
Schwester
Sezierkundige
Sporadikerin
Stachelschützin
Super-Empath
Super-Recognizerin
Transzendentalbelletristikerin
Universitätslektorin
Verbündete
Viennologin
Wirkungshistorikerin
Wortvulkan
Zeichnerin
Zirkusprinzessin

 

 

 

 

Ober, Unter, Alter

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 31/2026 vom 29. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
meine bundesdeutsche Kollegin hat mich unlängst auf die widersprüchliche Aussprache der Wiener „Laas“ aufmerksam gemacht, die ihr nach ihrer Übersiedlung nach Österreich Probleme bereitet haben. Warum sagt man Alt-Erlaa, aber nicht Unt-Erlaa bzw. Ober-Laa, aber nicht Alter-Laa? Und was ist eigentlich ein Laa oder Erlaa? Vielleicht können Sie Licht in die Sache bringen.
Beste Grüße, Therese Thaler, per Email

Liebe Therese,

gehen wir die Sache gemütlich an. In „Landtmann’s Original Café & Tortenshop“ im Center Alterlaa im 23. Bezirz laaben wir uns an einer Erdbeer-Pistazien Torte, einem Orangen Guglhupf oder einer Marvella, der extrafeinen Torte für Menschen mit Schluckstörung. Unsere etymolgische Reise geht nun 10 Kilometer nach Osten, wo wir in der „Kurkonditorei Oberlaa“ von der Schweizer Apfel Torte naschen, von der Schoko-Mousse Torte oder der Schwarze Ribisel Torte.

So nahe die beiden Orte patisserietechnisch liegen, so wenig haben sie sprachgeschichtlich gemein. Oberlaa, im Süden Favoritens gelegen, ist ein ehemaliges niederösterreichisches Dorf, heute Teil des 10. Bezirks. Ursprünglich bildete der Ort mit dem flussabwärts der Liesing liegenden Unterlaa eine Einheit unter dem Namen „Laa“, in Aufzeichnungen erstmals 1140 erwähnt. Der Heurigenort Oberlaa, aus einem Zeilendorf hervorgegangen, wurde erstmals 1324 urkundlich genannt. 1969 wurde dort eine Schwefel-Thermalquelle in Betrieb genommen. Seit 2017 mit der U1 erreichbar, firmiert sie heute als „Therme Wien“.

Die Satellitenstadt „Alterlaa“ ist eine der größten Wohnanlagen Österreichs, eine Stadt in der Stadt. Der Komplex liegt nicht im ehemaligen Dorf „Erlaa“, ist aber nach dem nahe gelegenen Schloss „Alt-Erlaa“ benannt.

Klären wir die Aussprache der Orte. „Laa“ leitet sich vom althochdeutschen „lâ“ oder „lō“ ab, soviel wie Lache, Sumpf, feuchte Niederung oder Sumpfwiese. Ganz anders „Erlaa“, das erstmals um 1114 als „Erila“ genannt wird, um 1170 als „Erlahe“, soviel wie Erlen-Ache, also Erlengewässer. Wir sprechen die Orte Óberlaa, Únterlaa und Láá aus, aber Érlaa und Ált-Érlaa.


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Die drei Welten

Es gibt die reale Welt, es gibt die Traumwelt, und dann gibt es eine Welt, in der noch niemand war. Eine Welt, die noch niemand gesehen hat. Eine Welt, die es noch nicht gibt. Die einzigen, die Zutritt zu allen drei Welten haben, die von einer in die andere wandeln, und aus allen dreien berichten können, sind die Künstler·innen. Das macht sie so gefährlich wie unfassbar. Und das ist gut so. 

AMD, Café Einfahrt, 28. Juli 2026

Der österreichische Schmerz

Die Freunde dunkler Pädaogik gefielen sich zuletzt in der Affirmation der „gesunden Watsche“, einem pädagogischen Relikt aus unschönen Zeiten. Schmerz als Strafe möge motivierend wirken, ist der falsche Gedanke dahinter. Der Gitarrelehrer der Autorin war noch in den Siebzigerjahren stolz darauf, als Volksschulkind vom Philosophen Ludwig Wittgenstein persönliche eine Ohrfeige erhalten zu haben. Schmerz und Demütigung tauschte er gegen die anektdotische Prominenz der Tortur ein. Die Vermischung von Schmerz und Erinnerung reicht weit in die Geschichte zurück. Dorfgrenzen wurden noch in jüngster Vergangenheit mit Milchbärten begangen. An den Grenzsteinen wurden den Knaben feste Maulschellen verpasst. Die Erinnerung an den Ort des Schmerzes sollten sie ihr Lebtag nicht vergessen.

Das Wort Zeuge, unverdächtig jeder Schmerzerfahrung kommt direkt aus dem Mittelalter. Der Brauch der sogenannten „Zeugenziehung“ ist unter anderem im bairischen Recht, der Lex Baiwariorum aus dem 8. Jahrhundert belegt. Etymologisch leitet sich der Rechtsbegriff „Zeuge“ vom Verb „ziehen“ ab. Wer wurde gezogen? Und wohin? Der meist männliche Zeuge vor Gericht, und zwar schmerzhaft, am Ohr.

Auch wenn den Befürwortern der österreichischen Ohrfeige diese Zusammenhänge weitgehend unbekannt sind, stellen sie sich doch in eine Tradition, die Schmerz mit Erkenntnis verbinden wollen. Die Medizin im Land tut sich schwer mit Schmerzvermeidung. Wohl und Weh werden für Geschwister gehalten. „Au Backe“, würden die Floskeljongleure sagen, die beiden sind nur in Österreichs Hinterzimmern noch innige Verwandte.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 26. Juli 2026.

Band, Scheibe, Vorfall

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 30/2026 vom 22. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
als ein Team, in dem die meisten zwischen 25 und 40 Jahre alt sind, war das Thema in der Mittagspause kürzlich der in diesem Alter erstmals auftretende Bandscheibenvorfall. Dabei haben wir gemutmaßt, ob das Wort vom Vorfall als Ereignis kommt, oder der Vor-Fall die geometrische Verschiebung der Bandscheibe beschreibt. Können Sie uns da helfen?
Liebe Grüße, Simon Klausecker
Von meinem/meiner Galaxy gesendet

Lieber Klaus,

in der Medizin ist die einzelne Bandscheibe als „Intervertebralscheibe“, „Zwischenwirbelscheibe“, lateinisch „Discus intervertebralis“ bekannt. Papers, Studien und Fachbücher kennen sie englisch als „intervertebral ligament“, „intervertebral disk,“ „intervertebral cartilage“, oder schlicht „disk“, „disc“. Die Wirbelsäule des Menschen hat 23 Bandscheiben, deren Dimensionen zum Kreuzbein hin zunehmen und insgesamt ein Viertel der Gesamtlänge der Wirbelsäule ausmachen. Die einzelne, zwischen drei und zehn Millimeter hohe Bandscheibe ist eine knorpelige Verbindung (daher der Wortbestandteil „Band“) zwischen zwei Wirbelkörpern der Wirbelsäule. Sie besteht aus dem faserknorpeligen Ring (Anulus fibrosus) und dem inneren Gallertkern (Nucleus pulposus). Beide werden makroskopisch als Scheibe wahrgenommen, daher der zweite Wortbestandteil. Im Zusammenspiel mit den Wirbelgelenken gewährleisten die Bandscheiben die Bewegungen zwischen den Wirbelkörpern und damit der Wirbelsäule insgesamt. Durch die Elastizität ihrer Gallertmasse wirken sie als Puffer, dämpfen Stöße und Biegungen der Wirbelsäule.

Der unbeliebte „Bandscheibenvorfall“, englisch „intervertebral disc prolapse“ ist eine Verlagerung (Vorfall) beziehungsweise der Austritt von Gewebe des Gallertkerns der Bandscheibe. Der resultierende Druck auf Nerven oder das Rückenmark führt zu plötzlichen, in Arme oder Beine ausstrahlenden Schmerzen, Kribbeln, Taubheitsgefühlen, Muskelschwäche. Die Symptome sind davon abhängig, welcher Teil der Wirbelsäule, und welche Nervenbündel betroffen sind.

In Zusammenschau des Gesagten ist der Vorfall also nicht das anekdotische Ereignis, sondern die anatomische Mechanik des krankhaften Geschehens.


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Wenn das Tor fällt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 29/2026 vom 15. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
bei der Fußball-WM ist mir eine Frage wieder eingefallen, die mich schon früher sehr bewegt hat: Wenn der Ball ins Tor kommt, ist ein Tor gefallen! Aber eigentlich steht das Tor noch, es ist nicht umgefallen. Und wenn das Match ohne Treffer endet, ist kein Tor gefallen – beide Tore stehen, da passt es. Ich hoffe, Sie können Flutlicht in diese Sache bringen.
Danke und liebe Grüße,
Elisabeth Hammerer, von meinem iPad gesendet

Liebe Elisabeth,

„das Runde muss in das Eckige“, heißt es in der Fußballverstehkunde, „alles andere ist primär“ (@Hans Krankl). Linguisten haben zuletzt 185 Synonyme für das Erzielen eines Tores ausgemacht. Weil kein Torerfolg dem anderen gleicht, zirkulieren für das Schießen eines Tores Synonyme wie „abstauben“, „einbunkern“, “einlochen“, „einnetzen“, „einschenken“, „einschlagen“, „einschweißen“, „erzielen“, „treffen“, „verwandeln“, „vollstrecken“, oder schlicht: „reinmachen“. Etwas lyrischer wird es, wenn „eingezuckert“ wird, „die Butter gecremt“, „die Torte gehoben“. Wenn der Ball, die Kugel, das Leder (wienerisch „die Frucht“) „im Kasten versenkt“, „in die Maschen gejagt“, „über die Linie gedrückt“ wird, wenn „das Netz ausgebeult wird“, ein „Doppelpack geschnürt“, also zwei Tore in einem Spiel erzielt werden, oder der „Hattrick erzielt“ wird (drei Goals in Folge in einer Halbzeit). Unaufholbaren Spielstand quittierte der eingangs erwähnte Goleador sehr rapidlerisch mit „der Hafer ist geschnitten.“ Traurig ist das „Markieren von Ehrentreffern“ (von Toren bei hoher Niederlage), schändlich ist das Eigentor.

Die semantische Befindlichkeit, ein Tor würde fallen, hat ihre sprachliche Herkunft in der mittelalterlichen Kriegskunst. Der Torwart, die Torwärtin ist metaphorisch der Wächter des Stadt- oder Burgtores. Sobald er überwunden ist,„fällt das Tor“ – in die Hände des angreifenden Gegners.

Legendär ist der „Torfall von Madrid“, geschehen am 1. April 1998 vor dem Anpfiff des Halbfinal-Spiels der UEFA Champions League in der Saison 1997/98 zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund im Santiago-Bernabéu-Stadion. Durch ein umgefallenes Tor verzögerte sich der Beginn des Spiels um 76 Minuten.


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