Absagen, aber richtig

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 07/2026 vom 11. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meinem Alltag als Künstlerin gibt es viele Herausforderungen. Nun häufen sich die Anfragen, bei diesem oder jenem mitzumachen, dort oder da aufzutreten. Es werde super, heißt es dann, es wäre ein Boost für mein Werk, mein Standing als Künstlerin. Gage oder Honorar gäbe es keines, man sei selbst am Limit. Dennoch freue man sich. Wie teile ich diesen Leuten mit, dass das so nicht geht?

Freundinnenschaft,
Tina Tsornigg, Leopoldstadt, per Insta-DM

Liebe Tina,

es gibt Pfade aus dem Dilemma, die rückgratsvoll beschritten werden können – die paradoxe Intervention und die sarkastische Distanz. Wir sprechen von Arbeitsanfragen, die unsere künstlerische Seele eigentlich mit den Kurzformeln „Nein“, „sicher nicht“ und „fickt euch“  bedienen würde. Indes, es geht auch schärfer. Paradoxe Antworten auf künstlerische Gratisarbeit könnten so lauten: „Gewiss, holder Anfrager, gerne missbrauche ich mein Talent. Ich darf fordern, dass ich bei Ihnen zuhause auch den Großputz mache und die Wäscheberge wegbügle. Es wäre mir eine Ehre!“ Auch gut treffen Antworten dieses Kalibers: „Holla, die Waldfee! Ich habe noch etwas Geld auf die Seite gelegt für Notfälle. Darf ich mein Engagement bei Ihnen noch extra vergüten? Ich zahle gerne drauf. So schön, wahrgenommen zu werden!“ Nehmen die Anfragenden solches ernst und schlagen ein, erhöhen Sie den Einsatz! Interessante Mailkorrespondenzen werden sich ergeben. Sie werden einst ihren Memoiren dienlich sein, und schon jetzt Lacher und Likes auf Instagram generieren.

Weniger Aufwand, aber ebenso große Freude bereitet die sarkastische Distanz, hier dürfen Spuren von kritischer Wut und exzentrischer Gelassenheit eingestreut werden. Antworten Sie auf künstlerische Missbrauchsversuche mit dieser Formel: „Meine Therapeutin ist auf Urlaub. Ich bin zu Unsinn größter Dimension bereit. Ich liebe Folter.“ Best practice auf diesem Feld aber ist folgender Hinweis, den sie auch als Mailsignatur abspeichern wollen:

Vielen Dank für Ihre Anfrage! Ich darf mit Phoebe Buffay-Hannigan aus „Friends“ antworten: „I wish I could, but I don’t want to“ Beste Grüße,
Tina Tsornigg.


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Opernball

Fall jemand fragt (die Staatspolizei hat es gewiss in einem Akt). Ich war bei der ersten großen Opernball-Demo dabei. Wer sich erinnert: Es ging um die Teilnahme des bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß. Nicht um die Walzerklänge des Namensoheims. Bei der Arena-Besetzung war ich auch dabei. Ich habe gegen Zwentendorf gestimmt, saß im Burggarten, weinend, und habe Hainburg verteidigt. Ohne Zelt, im Freien. Ich war sogar verhaftet worden. Spalo und Ägidi habe ich ausgelassen, weil mir die Punks zu bürgerlich waren. Ich habe mit Christian Rainer und Doron Rabinovici das riesige Heldenplatz-Transparent gemalt. In der Arena natürlich. Beim Lichtermeer war ich. Bei den Donnerstags-Demos natürlich auch. Jedesmal. Jeden Donnerstag. Und jeden 1. Mai gehe ich von draußen zum Rathaus. Mit meiner Fahne. Sie ist groß und rot, „Comandantina“ steht drauf.

Berufe und Benennungen

Da werde ich gefragt, in Fragebögen und für Kurzbiographien, welchen Beruf ich denn wohl hätte, und die Antwort fällt schwer, weil ich keinen Beruf habe. Ja, aber Sie müssen doch einen haben, kommt es dann, und sogar in mir schallt es leise, als Reflex auf den gesellschaftlichen Bekenntnisdruck. Sagen Sie etwas. Dann sage ich: Ich denke nach.

Dennoch hier eine Liste. So bin ich, in eigener oder fremder Zuschreibung:

Achilla Douglas
Amelia Natt och Dag
Apollonia Tillbakaseende Ulv
Architekturbewunderin
Art Directrice
Asporina
Atheistin
Ausstatterin
Autorin des Unendlichen Panoramas
Bibliothekarin eines Handapparats
Buchbinderin
Bühnenbildnerin
Chloé Hamilton
Comandantina beim Bureau für Information Wiederbeschaffung
Cousine
DJane
Doktorin der Philosophie
Drehbuchautorin
Empirikerin der Vorzukunft
Essayistin
Feuermacherin
Flâneuse
Forscherin zu Riten in Räumen
Freischaffende Sozialdemokratin
Geliebte
Gitarristin
Greenlighterin
Großsekretärin für Inneres
Hermeneutikerin
Hextilda FitzUchtred Tynedale
Information Wiederbeschafferin
Inkompetenzkompensationskompetente
Instrukteurin
Jachin-und-Boasologikerin
Kolumnistin
Komplizin (gewesen)
Kulturwissenschaftlerin
Lehrende
Liebende
L’infiammata
Magistra Artium
Malerin
Maschinenmaria
Maschinistin
Meisterin vom Stuhl
Morgaine Pendragon
Musikerin
Nachdenkerin
Österreichkundlerin
Otrovertierte
Papierblumenmacherin
Past Master
Photographin
Plakatdesignerin
Poetin
Pythia
Realisatrice
Regisseurin
Reisende
Rhizomatische Enzyklopädistin
Romanautorin
Sammlerin
Satirikerin
Scat Guitarist
Scheiternde, Scheiternde, besser Scheiternde
Schülerin
Schwedin
Schwester
Sezierkundige
Sporadikerin
Stachelschützin
Super-Recognizerin
Transzendentalbelletristikerin
Universitätslektorin
Verbündete
Viennologin
Wirkungshistorikerin
Wortvulkan
Zeichnerin
Zirkusprinzessin

 

 

 

 

Unterschungsausschüsse, die fehlen

Untersuchungsausschuss ist, wenn alle ahnen, was passiert ist, aber niemand was weiß. Mit „niemand“ ist die Öffentlicheit gemeint und ihre medialen Lieferanten. Nicht selten dient der Untersuchungsausschuss aber der Kanalisierung von politischem Unmut. Über den Gegner im gesellschaftlichen Diskurs, über den Partner in der Koalition. Dann entfalten sich sämtliche Mechanismen eines Rosenkriegs. Befragungen werden anberaumt, Dokumente und Akten herbeigeschafft. „Wer vorbereitet wen“ ist die Frage, die außerhalb der Untersuchung gestellt wird. Die Antwort dazu würde viele Rätsel lösen. Wenn aber die Vorbereiter selbst aus dem Weg fallen, durch eigenes Stolpern oder durch fremde Hand, wird der Untersuchungsgegenstand zur Möbisusschleife. Freunde der topologischen Spielereien kennen den Streifen, der an einem Ende verdreht ans andere geklebt wird. Dieser Gegenstand hat nur eine Seite. Selbst, wenn die Wahrnehmung anderes vorschlägt. Um die Öffentlichkeit vollends zu verwirren, wird den Teilnehmern des Untersuchungsausschusses Personal vorgeführt, dass zu allen Vorgängen und Zusammenhängen Wahrnehmungen hatte, nur nicht zu den relevanten. Akribische Akteure erinnern sich an nichts mehr, herbeigeschaffte Akten sind an den interessanten Stellen geschwärzt. In Summe ist das so lohnend wie die Lektüre eines fesselnden Kriminalroman, aus dem die letzten Seiten herausgerissen wurden. Im Wissen um das fehlende Ende lesen wir dennoch jede Seite mit größtem Genuss. Vielleicht steht ja zwischen den Zeilen das Eigentliche.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 7. Februar 2026.

Wieviel Schweiz ist im Bernerwürstel?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 06/2026 vom 4. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
ich schätze Bernerwürstel als Seelentröster am Donnerstag. Freunde von mir, zum Beispiel Franz lehnen diese unverständlicherweise nicht nur Donnerstags ab. Gibt es Kulturhistorisches von der Bernerwurst zu berichten?

Liebe Grüße,
Harald Stöffelbauer, per Email

Lieber Harald,

bevor wir uns in Herkunft, Zusammensetzung und Zubereitung verlieren, wollen wir Semantisches klären. Die Bernerwurst tritt niemals als singuläres Grillereignis auf. Wir sprechen daher von den Bernerwürstel, der Mehrzahl also. Schweizer, die auf den beliebten österreichischen Hüttenkostklassiker angesprochen werden, schütteln verwundert den Kopf. Nie gehört, nie gegessen. Stammen die fetten Magenversiegler doch nicht aus Bern, nicht aus der Schweiz, ja nicht einmal aus alemannischen Landen, sondern aus Zell am See im Herzen Salzburgs. Nach gängiger Mythologie wurde der kalorienreiche Speisekartenhit nach ihrem Erfinder benannt. Der Hotelgastronom Erich Berner senior soll die beliebten Würstel in den 1950er-Jahren als schnell zuzubereitende Wegzehrung für die Sänger der Zeller Liedertafel ersonnen haben. Der größte Männerchor Salzburgs stärkte sich nach der allwöchentlichen Probe in Berners Tiroler Weinstüberl in Zell am See.

Das Berner Wurstbrät besteht, anders als das der nah verwandten Frankfurter aus Schweine- und Rindfleisch. Als Füllung dient Emmentaler Käse, der beim Erhitzen aus der Längsfurche tritt und knusprig anschmilzt. Zusammengehalten werden die Bernerwürstel von einer Wickelung aus Hamburgerspeck. In der Regel werden die „Berner“ gegrillt oder in der Pfanne bei mittlerer Hitze angebraten, bis der Speck knusprig und der Käse geschmolzen ist.

Als gäbe es noch nicht genügend Verwirrung über Name und  Herkunftsvermutung der Kalorienbomben, zirkulieren längst vegane Versionen aus Erbsenprotein, Wasser, Rapsöl und Verdickungsmitteln, umwickelt mit veganem Bacon, gefüllt mit einer Käse-Alternative auf Kokosfett- und Stärkebasis.

Ob die „Blanne Jang“, eine um das Jahr 2000 erstmals verkaufte Luxemburger Variante Inspiration in österreichischen Hütten erfuhr, gilt es noch zu klären.

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Der gute alte Tschusch

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 05/2026 vom 28. Jänner 2025

Liebe Frau Andrea,
woher kommt der „Tschusch“? Hier kenne ich nur die Version, es käme von „Čuješ!“, also dem kroatischen „Hörst Du!“ – wahlweise von kroatischen (Unter)offizieren bei der Ansprache der Untergebenen verwendet, bzw. von Vorarbeitern auf der Baustelle gegenüber deren Untergebenen.
Über Aufklärung freut sich mit herzlichen Grüßen,
Georg Richter, per Email

Lieber Georg,

als das Wirtschaftswunder Momentum erfuhr, verlangte das deutsche und österreichische Kapital nach billigen und mobilen Arbeitskräften. Die enorme Kohorte der jugoslawischen Gastarbeiter war an ihrem Zungenschlag (und an den Schnurrbärten) erkennbar und trug das Herz in der Hand. „I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric. Warum sogns zu dir Tschusch?“ Eine Initiative der Aktion Mitmensch holt das Wort 1973 mit einer provokanten Plakataktion von der Straße in den öffentlichen Diskurs. Das Etymon „Tschusch“ gilt als orientalisches Wanderwort für Dummkopf.

Eine genauere Deutung kommt vom Balkan selbst. Demnach leitet sich der Begriff von čuješ (ausgesprochen: tschujesch) ab, dem Präsens der 2. Person Singular des kroatischen und serbischen Zeitworts čuti (hören). Tschusch bedeutet also „Heast“, oder etwas höherdeutsch „Hörst du?“ Der Zuruf soll sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter den südslawischen Bauarbeitern der Südbahnstrecke etabliert haben. Eine ältere Variante dieser Theorie leitet Tschusch von der Interjektion ćuš (tjusch) her, mit der früher Ochsen und Lastgäule angetrieben wurden. Möglicherweise haben die serbokroatischen Partieführer der frühen Gastarbeiterzeit ihre eigenen Leute am Bau auch mit dem Tschusch/Tjusch-Zuruf motiviert. Das slowenische Schimpfwort čúš (ausgesprochen: Tschusch) kommt der pejorativen Bedeutung am nächsten. Es soll vom türkischen çavuş (tschawusch), soviel wie Sergeant, Unteroffizier kommen. Die çavuş waren ursprünglich Herolde und Hofbeamte des Sultans. Das Wort war in den von Osmanen eroberten Gebieten des späteren Jugoslawiens verbreitet.

Das Russische eröffnet eine neutrale Deutungsperspektive. Im Vielvölkerstaat bedeutet „tschuschoi“ schlicht „fremd“.
 

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Die österreichische Hand

Es war eisglatt, finster und schneeverweht, fast wie heute, damals in den 80erjahren. Die Autorin dieser Kolumne studierte auf der Wiener Kunstakademie. Einem Institut von blendendem Ruf, aber breiten Gehsteigen. Sie waren nicht alle und nicht immer gestreut. Wenn wir zum Würstelstand bei der Sezession rutschen, konnte es schon passieren, dass ein zu flotter Schritt in einer Wiener Schneewächte endete. „Dr Hand always helps“, sagte mein Kollege und Würstelstandgefährte dann, „Dr. Hand hilft immer.“ Er streckte mir seine Rechte entgegen, und half mir auf. Dann rochen wir beide nach Firnis, dem Duft der Akademie. Der Spruch hätte gut in einen New-Wave-Song der Zeit gepasst. Dr. Hand half, wo sie konnte. Ohne großen Genderaufwand kann die Hand als hilfreiche Dame indentifiziert werden, selbst wenn ein Männerarm sie lenkt.

Im Falle kommunaler Hilfestellungen sprechen wir von der „Öffentlichen Hand“. Damit ist der Bund gemeint, das Land oder die Gemeinde. Ist die öffentliche Hand eine Linke oder eine Rechte? Wir wissen es nicht. Und auch nicht, ob sie als Gliedmaßenpaar gibt. Niemals hat jemand von „den öffentlichen Händen gesprochen“. Die öffentliche Hand ist offenbar alleine. Und sehr österreichisch. Und trotzt ihrer Österreichischkeit existiert ihr Gegenteil nicht, jedenfalls sprachlich nicht, denn weder die „private Hand“, noch der „öffentlicher Fuß“ oder dessen privates Gegenüber finden je Erwähnung. Wieviele Finger die öffentliche Hand hat, ist auch unbekannt.

Schreiben aber kann die öffentliche Hand. Nicht selten freundliche, aber bestimmte Ablehnungen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 24. Jänner 2026.

Wenn der Gramanzer kommt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 04/2026 vom 21. Jänner 2025

Liebe Frau Andrea,
seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag kam mein Haupt-Arbeitgeber unlängst ausgerechnet in den „Seitenblicken“ nach, als unser Bürgermeister Michael Ludwig anlässlich eines wohltätigen Events, bei dem Promis karitativ als Kellnerinnen und Kellner tätig waren, berichtete, er sei bereits in seiner Jugend als Gramanzer tätig gewesen. Dass es sich dabei um eine gastronomische Hilfskraft handelt, die für den wenig trinkgeldträchtigen Dienst des Abräumens der Tische zuständig ist, lässt sich im Internet finden. Nicht aber die Herkunft dieses Begriffs. Sie kennen sie sicher.
Mit Dank im Voraus,
Peter Blau, ORF

Lieber Peter,

wie viele andere Ausdrücke aus dem alten Wien hat der Gramanzer (Gramándsa, Gramántssa) eine lange, grenzüberschreitende Reise hinter sich. Dass der Begriff heute weitgehend unbekannt ist, darf bedauert werden, wenngleich alle Versuche ihn zu bewahren, vergeblich sind. Dem Bürgermeister ist für den empathischen Rettungsversuch zu danken. Wie der „Schani“, der Jean, der um die Tische schasselt, eilfertig und mit federndem Schritt, ist der Gramanzer eine schlecht bezahlte, aber mit Aufstiegshoffnung versehene Hilfskraft im Wirtshaus, im Rang weit unter dem Ober oder Zahlkellner, dem Servier-Fräulein oder dem Speisenbringer. Nur den Abwäschern geht es schlechter. Im Einklang mit seiner Rolle als öffentliche Dienstkraft, musste der Gramanzer Geschicklichkeit mit Eilkraft und einem gastfreundlichen Gschau verbinden. Nicht selten führte dieser Anspruch zu übertriebener Gesichtsgymnastik und einer Gestik, die höfisches Verhalten zu imitieren versuchte.

Woher kommt das Wort Gramanzer oder Kramanzer? Die „Gramasse“, der Gesichtausdruck des meist männlichen Gramanzers ist eine veraltete, mundartliche Form von „Grimasse“. Sie bezeichnete ursprünglich eine absichtlich verzerrte, komische oder hässliche Mimik. Beide Ausdrücke kommen vom französischen „grimace“ und dieses vom altfranzösischen „grimuche“, Fratze, ihrerseits eine Ableitung des altfränkischen, also westgermanischen Wortes „grima“, Maske, verwandt mit unserem „Grimm“ und dem „grimmigen Schauen.“

 

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Namen, die fehlen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 01.02.03/2026 vom 14. Jänner 2025

Liebe Frau Andrea,
am Eisenerzer Friedhof gibt es eine Gedenktafel mit den Namen ermordeter Jüdinnen und Juden. In Lydia Mischkulnigs Kolumne in der Furche wird darauf hingewiesen, dass auf der Tafel immer noch eine große Zahl von Namen Ermordeter fehlt. Welche Bedeutung hat im Judentum die Nennung der Namen der Toten?
Liebe Grüße,
Dr. Peter Daniel, Wien I., per handschriftlicher Serviettennotiz

Carissimo dottore,

Lydia Mischkulnigs Kolumne referiert auf ein Desiderat des Dichters Stephan Eibel, dem die Nennung der Namen der Ermordeten ein vehementes menschliches und politisches Anliegen ist. Der Massenmord an ungarischen Jüdinnen und Juden am obersteirischen Gebirgspass Präbichl gehört zu den sogenannten „Endphasenverbrechen“. In den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945 wurden von den nationalsozialistischen Machthabern zehntausende ungarische Jüdinnen und Juden zur Zwangsarbeit am sogenannten „Ostwall“ gegen die heranrückende Rote Armee gezwungen. Angesichts der Sinnlosigkeit des Unterfangens wurde versucht, diese Menschen auf sogenannten Todesmärschen ins KZ Mauthausen zu „treiben“. Dabei fanden ungezählte Erschießungen statt. Das größte dieser Massaker verübten Angehörige des „Eisenerzer Volkssturms“ am 7. April 1945 in unmittelbarer Nähe der Passhöhe des Präbichls. Dabei wurden über 200 Jüdinnen und Juden ermordet. Um deren vollständige Namensnennung geht es in Eibels, Mischkulnigs und nun auch meinem Anliegen.

Die Nennung der Namen Verstorbener ist für Rabbi Eliezer Zalmanov aus Brooklyn eine Möglichkeit, die Vorfahren zu ehren. Indem Kinder nach ihnen benannt werden, wird ihr Andenken bewahrt. Auch Jaron Engelmayer, Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien erinnert an die Bedeutung der Nennung der Namen der Toten im Judentum. Komme doch im Namen die Seele und Offenbarung eines Menschen zum Ausdruck. Das „Jiskor-Gebet“ gedenke der verstorbenen Verwandten namentlich. Aus einem Vers des Propheten Jesaja leitet das bekannte Institut in Jerusalem zum Andenken an die Opfer der Schoa seinen Namen ab: Yad Vashem.
 

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Neues Jahr – Neue Werkzeuge

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Der Gebrauch von Werkzeugen. Die Ansicht war lange und weit verbreitet, bis die Biologie intelligenten Gebrauch von Hilfsmitteln auch bei diversen Säugetieren, bei Krähen und anderen Vögeln studierten. Stimmt nicht, ich habe zwei linke Hände, entgegnen jetzt Betroffene aus dem Publikum, sie könnten jederzeit den Gegenbeweis erbringen. Auch die Unfallchirurgien landauf landab sprechen dem Menschen, meist dem männlichen, den intelligenten Gebrauch von Werkzeugen ab. Das ist ganz und gar ungerecht, denn die Heerschar der Unbeholfen, österreichisch der „Patscherten“ trägt keine Schuld am falschen Gebrauch von Geräten, Instrumenten und Utensilien. Die Werkzeuge selbst sind es, die fehlerhaft funktionieren. Apparate und Maschinen versagen, nicht der bedienende Mensch! Geschicklichkeit und Behändigkeit werden überbewertet.

Wie in der Computer-Industrie muss auch beim Anwenden von Schraubenziehern, Zangen, Sägen und Hämmern, erst recht in der Bedienung von Bohrmaschinen, Stichsägen und Winkelschleifern vom DAU ausgegangen werden, vom Dümmsten Anzunehmenden User. Dass diesem der DAK, der Dümmste Anzunehmende Konstrukteur, und in allen Fragen der Software der DAP, der Dümmste Anzunehmende Programmierer gegenüberstehen, darf und muss an dieser Stelle in Evidenz gerufen werden. Alle, die je versucht haben, sich für das Verzweiflungsspiel „ID Austria“ anzumelden, Österreichs elektronischem Identitätsnachweis für den digitalen Zugang zu Behörden, werden dem vorbehaltlos zustimmen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 10. Jänner 2026.

Silvester

Der Jahreswechsel naht im Sauseschritt und mit ihm das Runterzählen der Tage, Stunden, Minuten und Sekunden. Sobald das große Krachen und der Raketenregen beginnen, jaulen die Hunde auf und verstecken sich unter den Tischen und Sofas. Die Traumatisierten aus realen Bombennächten halten sich Ohren, Augen und Herzen zu. Der Rest, die große feiernde Mehrheit aber schmeißt sich mit großem und gut geübtem Elan dem Neuen Jahr entgegen, wiegt sich und allfällige Anwesende im Donauwalzer, köpft die Sektflaschen und sprudelt die Glaskelche voll. 2026 wird dann noch unschuldig sein, ohne neue Erlebnisse, schwanger mit den alten. Die Luft in den ersten Minuten des Neuen Jahrs aber wird schon bald sehr würzig riechen, nach bengalischem Schwefelrauch aus Raketen und Funkenspritzern.

Tatsächlich dauert der Einzug des Neuen Jahres ganze 24 Stunden. Seit nunmehr dreissig Jahren beginnt er in der Zeitzone UTC+14, bereits am 31. Dezember elf Uhr unserer Zeit – auf den 33 Korallenatollen Kiribatis. Wer es also den Einwohnern der zentralpazifischen Inselrepublik gleichtun möchte, begeht den Jahreswechsel schon mit einem spätmorgendlichen Palmweinfrühstück. Feinspitze nehmen dazu Palusami zu sich, mit Kokoscreme gebackene Taroblätter, das Nationalgericht von Kiribati. Oder Beachside Fish Fry, marinierten und frittierten Mahi-Mahi, hierzulande als Große Goldmakrele beannt.

Der Klimawandel, fern von Kiribati, hier bei uns erzeugt, wird dem Paradies übrigens bis zum Ende des Jahrhunderts den Untergang bescheren. Zeit für gute Vorsätze also.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 27. Dezember 2025.

Comandantinas Weihnachts-Wünsche 2025

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 52/2025 vom 24. Dezember 2025

Der Advent hat sein müdes Haupt in Alkohol und Endmucke ertränkt. Das Wetter, ein unsympathischer Gefährte, sorgt für Melancholie, die Weltlage dystopiert. Innenpolitisch dominiert Verblödung, außereuropäisch der Trumpismus. Ideale kränkeln, Vorbilder weinen, nur das Böse juchzt. Intelligente und Interessierte idealisieren Institutives. Influencer·innen infizieren, Illuminierte irriteren, Illiberale implodieren. Das Ich irrt indigniert in Innenräumen, der Istzustand inkommodiert. Immerzu. Irgendwie.

Das Licht kommt wieder! Glandula pinealis, die Zirbeldrüse weiß das schon seit drei Tagen und freut sich auf das Kommen des Frühlings. Zeit für Tradition. Seit nunmehr 25 Jahren beantwortet die Comandantina Fragen an dieser Stelle. Eine Ausnahme davon erlaubt sie sich am Ende des Jahres, da fordert sie Uneingelöstes. Auch heuer ergeht eine Liste mit Wünschen an eine würdige Wiener Institution: Das Salzamt!. In seinen dunklen Gängen duftet es nach „Terre d’Hermès“, nach den süßen Schwaden frischoxiderter „Cohibas“, nach Weihrauch, Myrrhe, und den betörenden Speyside-Äthern in Cragganmores Single Malt. Unsere Freunde von der Wunscherfüllung haben sich zur Desiderat-Annahme eingefunden: Tief in den Damenspitz gerutscht der goldgelockte Engel: Das Christkind! Ihm zur Seite der dicke Sugardaddy im roten Wams, Joulupukki, der Weihnachtsmann! In knisternder Höchstlaune der elegante Herr in Possanners nachtblauem three-piece herringbone suit. Genagelt sind die Norweger, eau-de-toilette-betäubt die Schläfen, Konfetti staubt von seinen Schultern. Es ist der Cavaliere Corrado di Molinalibera, auch bekannt als die Jahresendperson.

Hier die Eingabe:

Liebes Christkind, lieber Weihnachtsmann, Carissimo signore di fine anno! Dies wünsche ich mir, wie schon so oft, zum Lichterfest:

1. Die Wiederauferstehung der Zukunft,
2. Die Rehabilitierung von Visionen.
3. Die Solidarität mit Abgehängten und Vulnerablen.
4. Die Umverteilung von Oben nach Unten, und
5. von Dumm nach Gescheit.
6. Die Trennung von Kirche und Staat.
7. Die Separation von Staat und Bosheit.
8. Ein Musikgedudelverbot in Gaststätten und Geschäften.
9. Die Einführung von 24-Stunden-Delis nach New Yorker Vorbild.
10. Die Fortführung des „Unendlichen Panoramas“ in einer Stadtzeitung von Welt.


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Arnulf Rainer +

1985. Seit einem halben Jahr amtierte Erich Wonder als Professor der Meisterschule für Bühnenbild. Sein Lehrer Lois Egg, der auch mich aufgenommen hatte, der mich liebte und förderte, und dessen Assistentin ich seit einigen Jahren war, war in Pension gegangen. Wonder mochte mich nicht, er mochte niemand von Lois Eggs Schülerinnen. Und er wollte uns kein Diplom geben. Entgegen der Zusagen, die er Lois Egg noch vor kurzem gegeben hatte. Niemandem von uns. Mir besonders nicht. Es wäre mein aus gewesen nach vier Jahren Studium. Das sei kein Bühnenbild, maulte er über meine 15 Faust-Bilder. Das sei Illustration. Bei der Diplombegehung des Meisterkollegiums redete er auf die anderen Professoren ein, sie mögen das nicht ernst nehmen, was da zu sehen sei, das sei alles Schund, wertlose Unkunst. Es war Arnulf Rainer, der vor meinen Sachen verträumt stehen blieb. Und widersprach. Das sei doch sehr gut, sagte er, sehr gut. Es war Arnulf Rainer, der mein künstlerisches Leben rettete. Danke, Meister Arnulf, danke Dir!

Schindeln am Dach

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 51/2025 vom 17. Dezember 2025

Liebe Frau Andrea,
letztens habe ich in einem Buch die Redewendung „Schindeln am Dach“ gelesen und war sehr überrascht, da ich das davor nie außerhalb meiner Familie gehört habe. Zu uns wurde das als Kinder immer gesagt, wenn wir in einen Raum kamen, wo die Erwachsenen gerade über Dinge sprachen, die für Kinderohren nicht bestimmt waren. Ich konnte leider nichts zur Herkunft der Redewendung finden. Können Sie mir da weiterhelfen?
Liebe Grüße,
Hannah Diethard, per Email

Liebe Hannah,

die von Ihnen erinnerte Redewendung ist im bairisch-österreichischen Sprachraum gebräuchlich, wenn auch eher im ländlichen, denn urbanen Raum. Sie zirkuliert auch in der Form „es seien Schindeln unterm Dach“. In der Regel sind Kinder gemeint. Die Metapher bezog wohl ursprünglich alle ein, die an einem Gespräch nicht zuhören sollten. Die gängigen Wörterbücher heimischer Ausdrücke und Wortbildungen kennen die Redewendung, liefern aber keine Erklärung. Das wundert nicht, kommt die Metapher doch aus ganz anderem kulturellen Zusammenhang als dem heimisch-bäuerlichen.

Die Freimaurerei, insbesondere die englische, kennt das Amt des Tylers, als jenes, in sämtliche Geheimnisse eingeweihtes Mitglied, das für die Deckung der Loge zu sorgen hat, dass also nichts vom Tempelgeschehen nach draußen dringe. In Zeiten, in denen humanistische Zusammenkünfte als staats- und klassengefährdend kriminalisiert wurden, war Geheimhaltung von essentieller Bedeutung. Wieso aber nannte man den Schutzbefohlenen der Arkana Dachdecker? In masonischen Kreisen zirkuliert dazu die Erklärung, dass die Metapher darauf referiert, dass sich ungebetene Zuhörer aufs Dach legten, eine Schindel (oder mehrere) abhoben, um Einblick in das Geschehen zu erlangen. Der Tyler (Dachdecker) sorgte also dafür, dass sämtliche Schindeln und damit die sogenannte Deckung gewährleistet war, die maurerische Arbeit in Sicherheit ablief.

Von unserer Redewendung stark abzugrenzen ist der Ausdruck „nicht alle Schindeln am Dach zu haben“ was synonym dafür ist, „nicht alle Tassen im Schrank zu haben“. Neuerdings „fährt der Lift“ bei den so Bezeichneten „nicht ganz nach oben“.


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Frohe Weihnachten

Alles dreht sich um die Familie. Die Familie ist das ein und alles. Kein Fest „kann mehr Familie“, als Weihnachten. Besonders familiär geht es an den Punschständen des Landes zu. Einkaufsgestresste, von Betriebsweihnachtsfeiern und Jahresabschlüssen Gehetzte finden Trost und Einkehr an der wärmenden Mutterhütte. Es dampft der Jagatee, es knistern die Maroni, es köchelt die Gulaschsuppe. Nach eineinhalb Bechern rumgetränkter Würzmischung werden die Zufallsbekanntschaften zu Familienmitgliedern. Griassdi, i bin da Franz, seawas, i die Samantha. Gemeinsames Stehen im Lichterkettenschein macht glücklich und müde. Betroffenheit weicht Besoffenheit, der Alltag fällt vor die Füße, schmilzt dahin im salzigen Matsch. Es ist Zeit, die Geschenke zu besorgen, sie heimlich zu verpacken und unheimlich zu verstecken. Um den großen Heiligen Abend anzusteuern, an dem sich alles entlädt, was das Jahr vor sich hergeschoben hat. Mut und Unmut, Freude und Leid. Die Krippe (so es eine gibt) erzählt die ewige Geschichte von der Heiligen Familie. Sie darf und muss im Schoß der Kernfamilie erzählt werden. Als Kulisse für das Märchen von der heilen heiligen Welt dienen der kugelbehängte Lichterbaum (auch wenn die Leuchtkerzen aus China kommen), der Geschenkeberg (auch wenn er klein ist, und nachher die Hälfte umgetauscht wird). Engste Familienmitglieder erzählen einander von früher. Als alles besser war. Vater, Mutter, Kinderschar. Herkunft ist indes nicht alles. Gehören wird doch längst zu anderen Familien. Familie Google, Familie Amazon, Familie Facebook, Familie YouPorn, Familie Netflix.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 13. Dezember 2025.

Die Pumpernella

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 50/2025 vom 10. Dezember 2025

Liebe Frau Andrea,
meine in Oberösterreich geborene Mutter erzählte mir unlängst, dass keine der Damen aus ihrem Englischkurs das Wort Pumpernella als Bezeichnung einer nicht gerade erotischen – eventuell sogar langen – Unterhose gekannt hätte. Eine kurze Umfrage meinerseits in der Hochsteiermark ergab, dass sich gerade einmal einer an den lange zurückliegenden Gebrauch durch Wiener Feriengäste erinnerte. Woher kommt dieser schöne Ausdruck denn?
Liebe Grüße,
Beate Mayer, per Email

Liebe Beate,

die praktischen, aber weitgehend unerotischen Dessous sind dem Publikum älterer Semesterkohorten auch als Liebestöter bekannt. In der Regel wurden die ballonartigen, oft bis ans Knie reichenden Hosen nicht aus Gründen der Sexualattraktion angezogen. Frühere Zeiten sahen das übrigens anders, wie zahlreiche erotische Darstellungen beweisen. Im Englischen wird die besagte Hose als Bloomers bezeichnet. Das Mehrzahlwort reflektiert die Tatsache, dass Hosen immer als Paar bezeichnet verstanden wurden.

Die Etymologie der Pumpernelle (Wienerisch Bumpanölla) ist noch nicht hinreichend geklärt. Mit einiger Wahrscheinlichkeit haben sich Wörtlichkeiten vermischt, die das Thema tabureich umzukreisen. Die Botanik kennt den Kleinen Wiesenknopf (Sanguisorba minor), eine Pflanzenart aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Die Bauchigkeit seiner Blütenstände erinnert an jene der besagten Hosen. Diese Blume wird Pimpinelle oder Pimpernell genannt. Das „u“ kam wohl in die Pumpernelle, weil das Wienerische und seine provinziellen Ableger mit der bauchigen Hose das lautmalerische Pumpern (oder Bumpan) verband, das Geräusch undezent abgehender Winde. Anbumpan bedeutet in Wien überdies soviel wie anklopfen. Die glockenartge Form kennen die Wiener·innen auch von der Pummerin, der legendären Riesenglocke im
Nordturm des Wiener Stephansdoms.

Die winters wärmende, dicke Flanellhose, stets unter bauschigen Röcken getragen, ist mit dem Modeeinzug enger Jeans fast verschwunden. Manche kennen sie auch unter dem Namen Pumpinger. Ein Schelm, der dabei Assoziationen erfährt.


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Weisat und Wäschpaket

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 49/2025 vom 3. Dezember 2025

Liebe Frau Andrea,
eine liebe Nachbarin im Salzkammergut weiht mich Zugezogene laufend in oberösterreichische Mundart ein. Letztens beim Kaffee hat sie zur Einkaufsliste dazu geschrieben: Waiset kaufen. Meine ratlosen Blicke haben sie erklären lassen, dass ein Kind geboren wurde und es Brauch ist ein „Waiset“ zu bringen. Kinderlos kenne ich mich mit Brauchtum bei Neugeborenen nicht wirklich aus. Gibt es ein österreichisches Brauchtum bei Geburten? Hat ein „Waise“’ mit Waisenkinder zu tun? Haben Sie eine Erklärung dazu?
Ganz liebe Grüße aus Ohlsdorf,
Helga Komposch, per Email

Liebe Helga,

das Weisat oder Weisert ist ein Geschenk bei besonderen Anlässen. Das Wort hat sich in der heutigen Schriftsprache nicht erhalten. Es kommt vom althochdeutschen wisod, abgeleitet vom Zeitwort wison (weisen), soviel wie besuchen (und dabei ein Geschenk machen). Nach anderer Deutung soll es vom lateinischen „visitare“ (besuchen) kommen. Im Mittelalter war das wisat, wisot, wisoede ein freiwilliges Feiertags-Geschenk für Kirche oder Grundherrn – zu Ostern Eier, zu Pfingsten und Weihnachten Käse. Ab dem 19. Jahrhundert entwickelte sich das Wisat, Weisat vor allem in Süddeutschland und Österreich zum Brauch für Pat·innen, Müttern und ihrem Neugeborenen in den ersten Tagen nach der Geburt stärkende Speisen mitzubringen. Huhn für eine kräftige Suppe, Eier, Brot, Kaffee, Zucker, Wein. Sublim schwingt dabei die biblische Weihnachtserzählung mit, in der die drei Weisen aus dem Morgenland Geschenke für das neugeborene Jesuskind mitbringen, Gold, Weihrauch und Myrrhe. So schön es auch wäre, die Weisen aus den Evangelien haben keinen sprachlichen Einfluss auf die Bezeichnung Weisat genommen.

Wiener Mütter erinnern sich an das legendäre Wäsch(e)paket, 1927 vom sozialdemokratischen Gesundheitsstadtrat Julius Tandler als kostenlose „Erstausstattung“ für Neugeborene eingeführt. Es wurde 1934 von den Austrofaschisten abgeschafft und erst nach dem Krieg wieder etabliert. Heute überreicht die Stadt Wien bei Vorlage des Eltern-Kind-Passes die weisatartige Säuglingsausstattung in Form eines Wickelrucksacks für werdende oder junge Eltern.


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Advent

Als ich ein Kind war, im Nonneninternat der Schulschwestern verdingt, war alles katholisch. Die Gespräche, deren Inhalte, die Geschichten, die von Bestrafung, Sünden, Vergebung und Heil handelten. Sogar das Denken war unter Beobachtung gestellt. Sobald die Nächte länger wurden, die Welt dunkler, tat sich Hoffnung auf. Weihnachten! Der Geschenkeflug des Christkinds. Advent hieß die Zeit, in der wir eingestimmt wurden auf das edle Weihnachtsfest. Advent, erklärten die Schwestern, sei lateinisch und bedeute Ankunft. Und die einzige Ankunft, die es für sie gäbe, fände nicht am Bahnhof statt, sondern in den Herzen der Guten, sei die Ankunft des Herrn. Damit wir eine Vorstellung von der Länge des Wartens auf den Ankömmling hatten, ein vorfreudiges Hinsehnen, hatten sie einen riesigen Adventkranz aufgehängt. Über der Treppe des Eingangs. Alle Tannen Wiens hatte man aufgeboten, um ihn zu flechten, hieß es. Aus dem Wachs aller Bienen des Landes hatte man Kerzen gezogen. Kurz, nichts war schöner, edler, kostbarer, katholischer als der Weihnachtskranz in meiner Volksschule. Seine Lichter wurden von Engelshand entzündet. Nie sah ich sie brennen, denn Sonntags waren wir nicht in der Schule. Aber die angebrannten Dochte sahen wir, Beweis für das Fortschreiten der Ankunft! Nichts war katholischer als dieser enorme Adventkranz mit seinen drei roten Kerzen und der einen rosafarbenen.

Erst viel später sollte ich erfahren, dass der Adventkranz eine Erfindung war. 1839 in die Welt gebracht. Von einem evangelisch-lutherischen Theologen im evangelischen Hamburg. Der erste Kranz war übrigens ein Wagenrad.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 29. November 2025.

Darf ich mitreden?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 48/2025 vom 26. November 2025

Liebe Frau Andrea,
in der Bim, im Bus, in der U-Bahn, auf der Straße. Manchmal im Cafè. Im Zug sowieso. Es passiert so oft, dass ich ungewollt Mithörerin fremder Handy-Gespräche werde. Darf ich dem Impuls nachgeben, mitzureden?
Liebe Grüße,
Fiona Elffencamp, Leopoldstadt, per Email

Liebe Fiona,

in der Frage telefonischer Öffentlichkeit gibt es noch keine endgültigen Normen. Der Knigge und andere Benimmratgeber würden Ähnlichkeiten mit Tischgesprächen in Restaurants sehen und empfehlen, die Konversation und seinen Umfang auf die Teilnehmenden an der gemeinsamen Tafel zu beschränken. Mit dem Personal spreche man leise, wenn auch deutlich, mit den Sitznachbar·innen in angenehmer Lautstärke. Toast und Ansprachen gestalte man für alle hörbar. Das wären auch die einzigen Momente, wo die Diskretion in Maßen verletzt werden dürfe.

Öffentliche Telefonie mit Handapparaten zerrt die Benimmregeln ihrer jeweiligen Anwendenden ins Gemeine. Das gefällt nicht allen. Telefonierende aus Balkanländern, österreichischen Fremdenverkehrsgegenden und afrikanischen Nationen tendieren zu Gesprächen in großer Lautstärke. Dem schließen sich Panelteilnehmer·innen, Kommunikationsfuzzis und Immobilienhenrietten an, um es einmal ungegendert und salopp auszudrücken. Wie also verfahren? Comandantina empfiehlt das Mitsprechen in gleicher Lautstärke, notabene wir durch die Eingebundenheit in die Gesprächsverläufe ungewollt zu Mitwisserinnen und Mitfragenden werden. Von da zum Mitsprechen ist es nur ein kleiner, inividueller Schritt. Das Teilnehmen an fremden Lautgesprächen löst innere Konflikte und bringt sie nach außen. Manchmal verstummen die laut Telefonierenden, oft aber mäßigen sie ihre Lautstärke. In Liften und engen Stehungen in Öffis kann das auch anderen, weniger Mutigen unerwartete Hilfe stellen, Unmut dämpfen und Linderung verschaffen.

Die sehr ähnlichen Fälle der Vergesellschaftung von Gerüchen durch mitgebrachte Speisen müssen in einer anderen Kolumne erörtern werden. Vielleicht erwachsen hiezu Fragen aus der Leser·innenschaft!


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Mehr von den Häuten

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 47/2025 vom 19. November 2025

Vor zwei Wochen behandelte diese Kolumne eine Frage von Leser Wilhelm Ockermüller, in der es um den abwertenden Ausdruck „Heita“ für junge und freche Mädchen und Frauen ging. Frau Andrea antwortete im Sinne einer wienerischen Etymologie des Begriffs, wonach eine sprachliche Nähe zu „Haut“ als Begriff für die Prostituierte und eine Verwandtschaft mit „heidln“ für schlafen, beischlafen vorläge. Das war indes nur ein Teil einer Möglichkeit, den Begriff zu deuten. Es erreichten die Comandantina Zuschriften aufmerksamer Leser aus dem Westen des Landes. Leser Peter Koerner führt ins Treffen, dass „Heita“ im Pinzgauerischen einen bedauernswerten Menschen bezeichnet. Leser Hans-Peter Kircher berichtet aus einem Beitrag in der aktuellen Tiroler Jagdzeitung, der für den Begriff des „Häuters“ eine alternative Entstehungsversion anführt. Demnach komme „Häuter, (…) der geläufige Ausdruck des Mitleids von den Bärenhäutern unserer Vorfahren, welche sich gerne auf den Hauten erlegter Bären ausruhten“. Leser Armin Staffler aus Tirol schließlich hat den, stets männlich gebrauchten Ausdruck „armer Heita“ oft gehört, auch in der Kombination „Heitabua“. Vom „Heia gehen“ (zu Bett gehen) könne das wohl nicht kommen. Käme es, wie Leser Kircher meint, vom „Häuter“ (Abdecker)? Oder vom Hüter und dem Hütebub?

Das Bairische, in allen Fragen österreichischer Dialekte eine gute Adresse, kennt den Heiter, Haidda, Häuter als Begriff für das alterschwache, ausgemergelte Pferd, die Schindmähre, die nur mehr zur Verwertung durch den Abdecker taugt (und Knochen für die Leimsieder liefert). Es wäre dann der „ame Heiter“ synonym mit dem armen geschunden, an die Ketten der Knechtschaft Gefesselten.

Noch nicht aus dem Fokus der spezifischen Beschau unseres Begriffs ist die „Haut“ für die arme Frauensperson, kennen es doch ältere Lexika des Kärntnerischen (die sprachlich auch die nahen steirische Gegenden erfassen) als „Scheltwort für Weiber“. Hauta ist dort die Bezeichnung „für den weiblichen Cretin“, Häutar, Häutarin für die blutarme Person. In eine andere, nicht uninteressante Richtung weist der pinzgauerische Ausdruck Heut für die steile Hutweide. Ist der arme Heita vielleicht doch der bettelarme Steilwiesen-Cowboy? Wir forschen weiter.


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