Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 42/2026 vom 14. Oktober 2026
Liebe Frau Andrea,
bitte erklären Sie mir die Herkunft der ungeduldigen Kritik, die ich als
vor vielen Jahren eingewanderte Deutsche schon mal zu hören bekam: „Bis du mit [dem und dem] fertig bist, vergeht in Böhmen ein Viertel.“
Vielen Dank!
Mariana Potocnik, 1220 Wien
Liebe Mariana,
unser Sprichwort reicht tief in die gemeinsame Geschichte Böhmens (tschechisch Čechy) als Kronland und Einzugsgebiet Wiens. Auf der Reise in den heutigen Gebrauch der Redewendung haben sich mehrere semantische Ebenen vermischt – die vom Eingehen von Leinwand, jene vom Vergehen eines Landesteils, sodann eine Zeitangabe und ein Flächenmaß.
Der Vorwurf der „eingehenden“, also schrumpfenden böhmischen Leinwand stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, als die Nebenerwerbsbauern Böhmens, Mährens und Schlesiens traditionelle Produzenten von Leinengeweben für Wäsche und einfache Kleidung aus Flachsgarn waren. Wegen schlechterer Appretur war böhmische Leinwand weniger beliebt als schlesische. Sie geriet vollends in Verruf, als die böhmischen Weber nach englischem Vorbild Baumwoll-Flachs-Mischgarne verwebten, denen Konkurrenz und Abnehmer nachsagten, zu schrumpfen, also „einzugehen“. Das „Vergehen“ eines Böhmischen Viertels wird auch mit einer Zeitangabe verbunden, lautete das Sprichwort doch ursprünglich anders. Um anzudeuten, dass jemand furchtbar lange brauchte, sagte man im Wienerischen: „Bis dea/die an Finga riad“ (bis der/die einen Finger rührt), „faged in Béman a Fiadl“ (vergeht in Böhmen ein Mond-Viertel, also eine ganze Woche).
Tatsächlich dürfte das Eingehen eines Viertels aber ein fernes Echo aus Wüstungen und Ackerverlust in Folge des Dreissigjährigen Kriegs sein. Der „Böhmische Strich“, tschechisch „korec“ war ein altes österreichisches Feld- und Ackermaß – die Hälfte eines Jochs, jener Fläche, die von einem Ochsen beziehungsweise einem Ochsengespann an einem einzigen Tag gepflügt werden konnte. Ein „Böhmisches Viertel“, der vierte Teil des Strichs entspräche nach heutiger Berechnung 720 m2. Soviel Acker fällt also in Tschechien brach, wenn in Wien jemand trödelt.
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