Im persischen Garten

Was geht es uns an, heißt es, wenn die Nachrichten aus dem Iran kommen, spärlich, zeitverzögert, verstörend, unglaublich. Der Iran, heißt es am Stammtisch und in der Postingmanege, ist weit weg, ganz weit weg, ist uns fremd. Wir hier in Schnitzelland haben keinen Bezug zu diesen Leuten. Gemeint sind da wohl die Bösewichte mit den Mullahbärten, die tiefverschleierten Sittenwächterinnen, die Schlägertrupps auf ihren Mopeds, die krawattenlosen Hardliner mit ihren grauen Gesichtern. Die sind uns allzu fremd. Die anderen, die Ermordeten, die Geschändeten, die von den Baukränen Hängenden, die Vergewaltigten und Hingerichteten, das sind die, uns nahe sein sollten, und vielen auch nahe sind. Ihre Verwandten und Freundinnen und Freunde leben hier. In der Diaspora, im Exil. In ständiger Angst um die Zurückgelassenen. Und in fortwährender Verstörung. Sie leben hier bei uns, weil sie Teil des Westens sind und immer Teil des Westen waren. Orientalische Westler und westliche Orientalen, wenn man das so flapsig sagen möchte.

Die Iraner·innen haben keinen Humor, jedenfalls nicht unseren, heißt es dann. Stimmt doch garnicht, antworten die Fans von Michael Niavarani und Aida Loos. Sie singen seltsam und tanzen anders. Stimmt doch garnicht, ruft uns Freddie Mercury aka Farrokh Bulsara von seinen Platten und aus seinen Videos zu.

Perserinnern und Perser, Iranerinnen und Iraner sind Leute wie wir. Sie sind nicht weit weg. Auch wenn wir das glauben sollen. Hoffen wir, dass Ihnen der Krieg des Donald Trump bessere Zeiten bringt und nicht nur neues Leid.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 7. März 2026.

Hatte Gatte – Die ganze Wahrheit

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 10/2026 vom 4. März 2025

Liebe Frau Andrea,
wir plagen uns schon den ganzen Abend, das Schimpfwort „Hattegatte“ zu ergründen! Die Oma meiner Frau hat dieses Wort im Salzburgischen verwendet, meine Mutter aus Tirol hat eher zu „Harteguggi“ geneigt. Können Sie uns dabei etymologisch auf die Sprünge helfen?
Verbindlichsten Dank und Liebe Grüße,
Peter Haigermoser, von meinem iPhone gesendet

Lieber Peter,

der gesuchte Begriff zirkuliert vor allem im Tirolerischen, ist aber über die alpinsportlichen Aktivitäten auch in die benachbarten westlichen Bundesländer übergeschwappt. Der Kärntner Millionenshowmoderator Armin Assinger verwendet den saftigen Ausspruch regelmäßig im Hauptabendprogramm. „Hardigatti“, wie es sich am besten schriebe (und auch meist ausgesprochen wird) ist allerdings kein Schimpf-, sondern ein Fluchwort.

Die Tiroler vermeinen, in „Hardigatti!“ erstmal die „Gattihose“ genannte Unterhose und eventuell den „Herrgott“ herauszuhören. Wie alle guten Flüche hat auch „Hardigatti!“ zwar mehrere scheinbare, aber eine tatsächliche Bedeutung. Das Tiroler „Hardigatti!“ entspricht ungefähr unserem „verflixt!“. „Harschgatt!“ oder „Harsch di Gatten!“ erinnert nicht zufällig an den „Arsch“. Fluchende Pinzgauer kennen „Hardiguggi!“, ausflippende Osttiroler „Hardimizzn!“, mit der sie Marien (Mizzen) zürnen. Der liebe Gott, die Mutter seines Sohnes und die männliche Unterhose sind aber nur Masken, hinter denen sich die wahre Bedeutung von „Hardigatti!“ verbirgt. Der Fluch, den es auch im alten Wienerisch als „Hardek!“ oder „Hardex!“ gibt, kommt tatsächlich vom ungarischen „ördögatta“. Das „atta“ der Magyaren, mit heutiger Rechtschreibung „adta“, ist das Partizip Perfekt des Wortes „ad“ – „geben“ und kommt in mehreren Redewendungen vor: „Istenadta“ (gottgegeben), „ebadta“ (Kreatur eines Hundes) und „ördögadta“ (Ausgeburt des Teufels). Heute milde Schimpfworte, waren das früher mittelschwere Beleidigungen. Die schweren Kanonen „teremtette“, gar „bassza teremtette“ – „der Kreator“, das heißt Gott, „soll seine Kreatur ficken“ sind allerdings noch nicht ausgestorben.


comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Berufe und Benennungen

Da werde ich gefragt, in Fragebögen und für Kurzbiographien, welchen Beruf ich denn wohl hätte, und die Antwort fällt schwer, weil ich keinen Beruf habe. Ja, aber Sie müssen doch einen haben, kommt es dann, und sogar in mir schallt es leise, als Reflex auf den gesellschaftlichen Bekenntnisdruck. Sagen Sie etwas. Dann sage ich: Ich denke nach.

Dennoch hier eine Liste. So bin ich, in eigener oder fremder Zuschreibung:

Achilla Douglas
Amelia Natt och Dag
Apollonia Tillbakaseende Ulv
Architekturbewunderin
Art Directrice
Asporina
Atheistin
Ausstatterin
Autorin des Unendlichen Panoramas
Bibliothekarin eines Handapparats
Buchbinderin
Bühnenbildnerin
Chloé Hamilton
Comandantina beim Bureau für Information Wiederbeschaffung
Cousine
DJane
Doktorin der Philosophie
Drehbuchautorin
Empirikerin der Vorzukunft
Essayistin
Feuermacherin
Flâneuse
Forscherin zu Riten in Räumen
Freischaffende Sozialdemokratin
Geliebte
Gitarristin
Greenlighterin
Großsekretärin für Inneres
Hermeneutikerin
Hextilda FitzUchtred Tynedale
Information Wiederbeschafferin
Inkompetenzkompensationskompetente
Instrukteurin
Jachin-und-Boasologikerin
Kolumnistin
Komplizin (gewesen)
Kulturwissenschaftlerin
Lehrende
Liebende
L’infiammata
Magistra Artium
Malerin
Maschinenmaria
Maschinistin
Meisterin vom Stuhl
Morgaine Pendragon
Musikerin
Nachdenkerin
New Yorkerin
Österreichkundlerin
Otrovertierte
Papierblumenmacherin
Parisienne
Past Master
Photographin
Plakatdesignerin
Poetin
Pythia
Realisatrice
Regisseurin
Reisende
Rhizomatische Enzyklopädistin
Romanautorin
Sammlerin
Satirikerin
Scat Guitarist
Scheiternde, Scheiternde, besser Scheiternde
Schülerin
Schwedin
Schwester
Sezierkundige
Sporadikerin
Stachelschützin
Super-Recognizerin
Transzendentalbelletristikerin
Universitätslektorin
Verbündete
Viennologin
Wirkungshistorikerin
Wortvulkan
Zeichnerin
Zirkusprinzessin

 

 

 

 

Ins Kraut gehen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 09/2026 vom 25. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner sprachlichen Welt kommt – noch immer – die Formulierung „låss mi im Kraud“ vor, wenn ich zum Ausdruck bringen will, Ruhe zu benötigen bzw. nicht belästigt werden zu wollen. Wieso ist davon auszugehen, dass gerade im Krautacker Ruhe herrscht? Oder stammt dieses Kraut von einem ganz anderen Wort altertümlicher oder fremdsprachlicher Herkunft ab? Ich bitte um Ihre Einschätzung und danke schon im Voraus für Ihren kundigen Ratschlag.
Mit freundlichen Grüßen,
Wolfgang Sabella, per Email

Lieber Wolfgang,

das Wort „Kraut“ kommt nach Befund der Etymologen vom althochdeutschen „krût“. Es war ursprünglich eine spezifische Bezeichnung für nicht verholzende Blattpflanzen, im engeren Sinne für „nutzbares Gewächse“ oder „Gemüse“. Im deutschsprachigen Süden, zu dem auch wir gehören verengte es seine Bedeutung zu Kohl, aber auch zu Gartengemüse, Küchen- und Heilkräutern, und sogar zu Schießpulver. Unkraut ist bekanntlich alles Grünzeug, dass an der falschen Stelle wächst, oder nicht genutzt wird. Im Wienerischen ist mit Kraut, Graud meist das Weißkraut gemeint, aus dem auch Sauerkraut gemacht wird. Kräuter heißen in Wien hingegen „Greida“ und „Greidl“. Die Krautfischer an der Unterelbe haben ihr Kraut aus *kravet (Krabbe, Krebs) verschliffen. Hat das alles mit dem Kraut zu tun, das im altwienerischen Satz „Loss mi in Graut“ oder richtiger „Loss mi ausn Graut“ vorkommt?

Wie die Grot (die Kröte), die in Fällen von ohnmächtiger Akzeptanz geschluckt werden muss, hat das Kraut (eigentlich Graud) keinen Bezug aus der Natur. Es wurde um 1300 als „crot“ in der Bedeutung Belästigung, Beschwerde, meist als Folge einer verhängten Strafe, eines anstrengenden Weges üblich. „Sunder crot“ hieß „ohne sich beschwert zu fühlen“. Im 15. Jahrhundert war die „crot“ schließlich die Last der Verstörung, der Strafe, der Pein, des Leidens, verinnerlicht für Sorge, Betrübnis, Kummer. Nach Vergessen der ursprünglichen Bedeutung, hat sich das botanische „Kraut“ in das alte „Crot“ geschmuggelt. „Loss mi ausn Graut“ wäre demnach zu übersetzten: „Verschon mich mit Kummer und Pein.“ Oder neuwienerisch kurz: „Oida, ned!“


comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Schön war’s

Noch schmerzen die Füße vom allerletzten Tanz, klingeln die Ohren vom Humpta der Ballkapelle. Nach dem Kehraus stieg Österreich aus den Kostümen, schüttelte den Flitter aus dem Haar, und staubte das Konfetti von den Schultern. Die fünfte Jahreszeit senkte ihr Haupt in einen Polster aus Fremdscham und Wehmut. Es vorbei und das ist gut so. Die närrischen Tage haben alles konsumiert. Die Lust auf Laune, die Unbeschwertheit der Grenzauslotung, die Eskalation des Gesamtzusammenhangs. Alles wurde gesagt. Vielleicht sogar von allen. Auch die Unkatholischen und Areligiösen finden sich in der Wirklichkeit wieder. Die Häuslwitze des Villacher Faschings, die Büttenscherze des Mainzer Karneval haben ihre Schuldigkeit getan, die da war, die jeweils beliebteste Fernsehsendung des Jahres zu besichern, Nabelschau zu sein, Innensicht, Tiefenreinigung. Nationale Gruppenverzwergung.

Stabile Beobachter wollten das alles nicht so genau wissen. Alle anderen werden sich nicht mehr erinnern können. Da war doch was! Aber was? Fasching ist der große Bruder der Firmenfeier. Was dort nicht passierte, wurde jetzt nachgeholt. Richtiges wurde von Falschem ausradiert, Falsches von Richtigem.

Denen, die Gefallen am schlichten Großspaß hatten, wägen ihn gegen das Brummen im Schädel ab. Photographische Evidenzen werden Geschehens berichten, aber keinen Zusammenhang mit der Erinnerung herstellen. Das Feld der Lustigkeit beackern wieder Comedians (Deutschland) und Kabarettisten (Österreich). Aus Spaß wurde Ernst, sagen die Zyniker·innen, denn Ernst ist jetzt wahlberechtigt.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 21. Februar 2026.

Im Leo sein

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 08/2026 vom 18. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner Vor- und Volksschulzeit, also etwa 1970-1977, war unsere Hauptbeschäftigung, in Ermangelung eines 24/7 Kinder-Fernsehprogrammes, das Spielen im Hof der Wohnhausanlage. Wir spielten „Völkerball“, „Der Kaiser schickt Soldaten aus“, „Versteinere mich nicht“ und „Fangerl“. In diesem Spiel gab es einen klar benannten Ort, wo man nicht „abgeklatscht“ werden durfte, sobald man ihn mit einem Körperteil berührte – das „Leo“. Nun rästseln mein Bruder Stephan und ich, woher der Ausdruck „Leo“ kommt.
Hochachtungsvoll,,
Georg Richter, per Email

Lieber Georg,

Leopoldstädter·innen kennen das Leo als kleines, aufgewecktes Café in der Leopoldsgasse, das ehemalige „Leopoldistüberl“. Die Comandantina kehrt dort gerne ein. Im deutschen Sprachraum kursieren sehr unterschiedliche Bezeichnungen für das Asyl im Fangenspiel – Aus, Bahne, Bedeut, Biet, Boot, Bord, Bude, Frei, Friede, Halu, Hamme, Haus, Heim, Hola, Horre, Inne, Kelle, Klipp, Kobi, Leo, Los, Lou, Mal, Mi, Otte, Pax, Pott, Pulle, Rome, Ruder, Stand, Wupp, und Zick. Unser „Leo“ wird traditionell als Kurzform des Namens „Leopold“ begriffen und mit dem Babenbergerherzog Leopold VI. in Verbindung gebracht. In dieser Etymologie wird wahlweise der damaligen Kirche als auch dem Landesherrn ein Asylrecht zugesprochen. Als sagenhafte Freimale werden ein Stein vor der Schottenkirche und ein Ring am Stefansdom als spezifische, asylauslösende Abklatschorte genannt. Trotz der bestechenden Evidenzen handelt es sich bei der Verbindung des Leo im Fangenspiel mit dem Babenbergerherzog um ein volksetymologisches Konstrukt. Bessere Erklärung bietet die Verwandtschaft des Leo mit dem mittelniederdeutschen „le(he)” und dem altsächsischen „hleo” (Schutz, Decke). Beide kommen vom gemeingermanischen *hlewa (schützender Ort, Obdach). Segler·innen ist das Wort freilich von „Lee“ bekannt, der dem Wind abgekehrten, (wind)geschützten Seite des Schiffs. Gendermäßig können wir auch differenzieren. So bezöge sich der Leo auf den Herzog, das Leo auf die Funktion des Obdachs. Das Uraltwort zu Leo, hleo und *hlewa war jedenfalls feminin. Die Leo also.


comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Absagen, aber richtig

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 07/2026 vom 11. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meinem Alltag als Künstlerin gibt es viele Herausforderungen. Nun häufen sich die Anfragen, bei diesem oder jenem mitzumachen, dort oder da aufzutreten. Es werde super, heißt es dann, es wäre ein Boost für mein Werk, mein Standing als Künstlerin. Gage oder Honorar gäbe es keines, man sei selbst am Limit. Dennoch freue man sich. Wie teile ich diesen Leuten mit, dass das so nicht geht?

Freundinnenschaft,
Tina Tsornigg, Leopoldstadt, per Insta-DM

Liebe Tina,

es gibt Pfade aus dem Dilemma, die rückgratsvoll beschritten werden können – die paradoxe Intervention und die sarkastische Distanz. Wir sprechen von Arbeitsanfragen, die unsere künstlerische Seele eigentlich mit den Kurzformeln „Nein“, „sicher nicht“ und „fickt euch“  bedienen würde. Indes, es geht auch schärfer. Paradoxe Antworten auf künstlerische Gratisarbeit könnten so lauten: „Gewiss, holder Anfrager, gerne missbrauche ich mein Talent. Ich darf fordern, dass ich bei Ihnen zuhause auch den Großputz mache und die Wäscheberge wegbügle. Es wäre mir eine Ehre!“ Auch gut treffen Antworten dieses Kalibers: „Holla, die Waldfee! Ich habe noch etwas Geld auf die Seite gelegt für Notfälle. Darf ich mein Engagement bei Ihnen noch extra vergüten? Ich zahle gerne drauf. So schön, wahrgenommen zu werden!“ Nehmen die Anfragenden solches ernst und schlagen ein, erhöhen Sie den Einsatz! Interessante Mailkorrespondenzen werden sich ergeben. Sie werden einst ihren Memoiren dienlich sein, und schon jetzt Lacher und Likes auf Instagram generieren.

Weniger Aufwand, aber ebenso große Freude bereitet die sarkastische Distanz, hier dürfen Spuren von kritischer Wut und exzentrischer Gelassenheit eingestreut werden. Antworten Sie auf künstlerische Missbrauchsversuche mit dieser Formel: „Meine Therapeutin ist auf Urlaub. Ich bin zu Unsinn größter Dimension bereit. Ich liebe Folter.“ Best practice auf diesem Feld aber ist folgender Hinweis, den sie auch als Mailsignatur abspeichern wollen:

Vielen Dank für Ihre Anfrage! Ich darf mit Phoebe Buffay-Hannigan aus „Friends“ antworten: „I wish I could, but I don’t want to“ Beste Grüße,
Tina Tsornigg.


comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Opernball

Fall jemand fragt (die Staatspolizei hat es gewiss in einem Akt). Ich war bei der ersten großen Opernball-Demo dabei. Wer sich erinnert: Es ging um die Teilnahme des bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß. Nicht um die Walzerklänge des Namensoheims. Bei der Arena-Besetzung war ich auch dabei. Ich habe gegen Zwentendorf gestimmt, saß im Burggarten, weinend, und habe Hainburg verteidigt. Ohne Zelt, im Freien. Ich war sogar verhaftet worden. Spalo und Ägidi habe ich ausgelassen, weil mir die Punks zu bürgerlich waren. Ich habe mit Christian Rainer und Doron Rabinovici das riesige Heldenplatz-Transparent gemalt. In der Arena natürlich. Beim Lichtermeer war ich. Bei den Donnerstags-Demos natürlich auch. Jedesmal. Jeden Donnerstag. Und jeden 1. Mai gehe ich von draußen zum Rathaus. Mit meiner Fahne. Sie ist groß und rot, „Comandantina“ steht drauf.

Unterschungsausschüsse, die fehlen

Untersuchungsausschuss ist, wenn alle ahnen, was passiert ist, aber niemand was weiß. Mit „niemand“ ist die Öffentlicheit gemeint und ihre medialen Lieferanten. Nicht selten dient der Untersuchungsausschuss aber der Kanalisierung von politischem Unmut. Über den Gegner im gesellschaftlichen Diskurs, über den Partner in der Koalition. Dann entfalten sich sämtliche Mechanismen eines Rosenkriegs. Befragungen werden anberaumt, Dokumente und Akten herbeigeschafft. „Wer vorbereitet wen“ ist die Frage, die außerhalb der Untersuchung gestellt wird. Die Antwort dazu würde viele Rätsel lösen. Wenn aber die Vorbereiter selbst aus dem Weg fallen, durch eigenes Stolpern oder durch fremde Hand, wird der Untersuchungsgegenstand zur Möbisusschleife. Freunde der topologischen Spielereien kennen den Streifen, der an einem Ende verdreht ans andere geklebt wird. Dieser Gegenstand hat nur eine Seite. Selbst, wenn die Wahrnehmung anderes vorschlägt. Um die Öffentlichkeit vollends zu verwirren, wird den Teilnehmern des Untersuchungsausschusses Personal vorgeführt, dass zu allen Vorgängen und Zusammenhängen Wahrnehmungen hatte, nur nicht zu den relevanten. Akribische Akteure erinnern sich an nichts mehr, herbeigeschaffte Akten sind an den interessanten Stellen geschwärzt. In Summe ist das so lohnend wie die Lektüre eines fesselnden Kriminalroman, aus dem die letzten Seiten herausgerissen wurden. Im Wissen um das fehlende Ende lesen wir dennoch jede Seite mit größtem Genuss. Vielleicht steht ja zwischen den Zeilen das Eigentliche.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 7. Februar 2026.

Wieviel Schweiz ist im Bernerwürstel?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 06/2026 vom 4. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
ich schätze Bernerwürstel als Seelentröster am Donnerstag. Freunde von mir, zum Beispiel Franz lehnen diese unverständlicherweise nicht nur Donnerstags ab. Gibt es Kulturhistorisches von der Bernerwurst zu berichten?

Liebe Grüße,
Harald Stöffelbauer, per Email

Lieber Harald,

bevor wir uns in Herkunft, Zusammensetzung und Zubereitung verlieren, wollen wir Semantisches klären. Die Bernerwurst tritt niemals als singuläres Grillereignis auf. Wir sprechen daher von den Bernerwürstel, der Mehrzahl also. Schweizer, die auf den beliebten österreichischen Hüttenkostklassiker angesprochen werden, schütteln verwundert den Kopf. Nie gehört, nie gegessen. Stammen die fetten Magenversiegler doch nicht aus Bern, nicht aus der Schweiz, ja nicht einmal aus alemannischen Landen, sondern aus Zell am See im Herzen Salzburgs. Nach gängiger Mythologie wurde der kalorienreiche Speisekartenhit nach ihrem Erfinder benannt. Der Hotelgastronom Erich Berner senior soll die beliebten Würstel in den 1950er-Jahren als schnell zuzubereitende Wegzehrung für die Sänger der Zeller Liedertafel ersonnen haben. Der größte Männerchor Salzburgs stärkte sich nach der allwöchentlichen Probe in Berners Tiroler Weinstüberl in Zell am See.

Das Berner Wurstbrät besteht, anders als das der nah verwandten Frankfurter aus Schweine- und Rindfleisch. Als Füllung dient Emmentaler Käse, der beim Erhitzen aus der Längsfurche tritt und knusprig anschmilzt. Zusammengehalten werden die Bernerwürstel von einer Wickelung aus Hamburgerspeck. In der Regel werden die „Berner“ gegrillt oder in der Pfanne bei mittlerer Hitze angebraten, bis der Speck knusprig und der Käse geschmolzen ist.

Als gäbe es noch nicht genügend Verwirrung über Name und  Herkunftsvermutung der Kalorienbomben, zirkulieren längst vegane Versionen aus Erbsenprotein, Wasser, Rapsöl und Verdickungsmitteln, umwickelt mit veganem Bacon, gefüllt mit einer Käse-Alternative auf Kokosfett- und Stärkebasis.

Ob die „Blanne Jang“, eine um das Jahr 2000 erstmals verkaufte Luxemburger Variante Inspiration in österreichischen Hütten erfuhr, gilt es noch zu klären.

comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Der gute alte Tschusch

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 05/2026 vom 28. Jänner 2025

Liebe Frau Andrea,
woher kommt der „Tschusch“? Hier kenne ich nur die Version, es käme von „Čuješ!“, also dem kroatischen „Hörst Du!“ – wahlweise von kroatischen (Unter)offizieren bei der Ansprache der Untergebenen verwendet, bzw. von Vorarbeitern auf der Baustelle gegenüber deren Untergebenen.
Über Aufklärung freut sich mit herzlichen Grüßen,
Georg Richter, per Email

Lieber Georg,

als das Wirtschaftswunder Momentum erfuhr, verlangte das deutsche und österreichische Kapital nach billigen und mobilen Arbeitskräften. Die enorme Kohorte der jugoslawischen Gastarbeiter war an ihrem Zungenschlag (und an den Schnurrbärten) erkennbar und trug das Herz in der Hand. „I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric. Warum sogns zu dir Tschusch?“ Eine Initiative der Aktion Mitmensch holt das Wort 1973 mit einer provokanten Plakataktion von der Straße in den öffentlichen Diskurs. Das Etymon „Tschusch“ gilt als orientalisches Wanderwort für Dummkopf.

Eine genauere Deutung kommt vom Balkan selbst. Demnach leitet sich der Begriff von čuješ (ausgesprochen: tschujesch) ab, dem Präsens der 2. Person Singular des kroatischen und serbischen Zeitworts čuti (hören). Tschusch bedeutet also „Heast“, oder etwas höherdeutsch „Hörst du?“ Der Zuruf soll sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter den südslawischen Bauarbeitern der Südbahnstrecke etabliert haben. Eine ältere Variante dieser Theorie leitet Tschusch von der Interjektion ćuš (tjusch) her, mit der früher Ochsen und Lastgäule angetrieben wurden. Möglicherweise haben die serbokroatischen Partieführer der frühen Gastarbeiterzeit ihre eigenen Leute am Bau auch mit dem Tschusch/Tjusch-Zuruf motiviert. Das slowenische Schimpfwort čúš (ausgesprochen: Tschusch) kommt der pejorativen Bedeutung am nächsten. Es soll vom türkischen çavuş (tschawusch), soviel wie Sergeant, Unteroffizier kommen. Die çavuş waren ursprünglich Herolde und Hofbeamte des Sultans. Das Wort war in den von Osmanen eroberten Gebieten des späteren Jugoslawiens verbreitet.

Das Russische eröffnet eine neutrale Deutungsperspektive. Im Vielvölkerstaat bedeutet „tschuschoi“ schlicht „fremd“.
 

comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Die österreichische Hand

Es war eisglatt, finster und schneeverweht, fast wie heute, damals in den 80erjahren. Die Autorin dieser Kolumne studierte auf der Wiener Kunstakademie. Einem Institut von blendendem Ruf, aber breiten Gehsteigen. Sie waren nicht alle und nicht immer gestreut. Wenn wir zum Würstelstand bei der Sezession rutschen, konnte es schon passieren, dass ein zu flotter Schritt in einer Wiener Schneewächte endete. „Dr Hand always helps“, sagte mein Kollege und Würstelstandgefährte dann, „Dr. Hand hilft immer.“ Er streckte mir seine Rechte entgegen, und half mir auf. Dann rochen wir beide nach Firnis, dem Duft der Akademie. Der Spruch hätte gut in einen New-Wave-Song der Zeit gepasst. Dr. Hand half, wo sie konnte. Ohne großen Genderaufwand kann die Hand als hilfreiche Dame indentifiziert werden, selbst wenn ein Männerarm sie lenkt.

Im Falle kommunaler Hilfestellungen sprechen wir von der „Öffentlichen Hand“. Damit ist der Bund gemeint, das Land oder die Gemeinde. Ist die öffentliche Hand eine Linke oder eine Rechte? Wir wissen es nicht. Und auch nicht, ob sie als Gliedmaßenpaar gibt. Niemals hat jemand von „den öffentlichen Händen gesprochen“. Die öffentliche Hand ist offenbar alleine. Und sehr österreichisch. Und trotzt ihrer Österreichischkeit existiert ihr Gegenteil nicht, jedenfalls sprachlich nicht, denn weder die „private Hand“, noch der „öffentlicher Fuß“ oder dessen privates Gegenüber finden je Erwähnung. Wieviele Finger die öffentliche Hand hat, ist auch unbekannt.

Schreiben aber kann die öffentliche Hand. Nicht selten freundliche, aber bestimmte Ablehnungen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 24. Jänner 2026.

Wenn der Gramanzer kommt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 04/2026 vom 21. Jänner 2025

Liebe Frau Andrea,
seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag kam mein Haupt-Arbeitgeber unlängst ausgerechnet in den „Seitenblicken“ nach, als unser Bürgermeister Michael Ludwig anlässlich eines wohltätigen Events, bei dem Promis karitativ als Kellnerinnen und Kellner tätig waren, berichtete, er sei bereits in seiner Jugend als Gramanzer tätig gewesen. Dass es sich dabei um eine gastronomische Hilfskraft handelt, die für den wenig trinkgeldträchtigen Dienst des Abräumens der Tische zuständig ist, lässt sich im Internet finden. Nicht aber die Herkunft dieses Begriffs. Sie kennen sie sicher.
Mit Dank im Voraus,
Peter Blau, ORF

Lieber Peter,

wie viele andere Ausdrücke aus dem alten Wien hat der Gramanzer (Gramándsa, Gramántssa) eine lange, grenzüberschreitende Reise hinter sich. Dass der Begriff heute weitgehend unbekannt ist, darf bedauert werden, wenngleich alle Versuche ihn zu bewahren, vergeblich sind. Dem Bürgermeister ist für den empathischen Rettungsversuch zu danken. Wie der „Schani“, der Jean, der um die Tische schasselt, eilfertig und mit federndem Schritt, ist der Gramanzer eine schlecht bezahlte, aber mit Aufstiegshoffnung versehene Hilfskraft im Wirtshaus, im Rang weit unter dem Ober oder Zahlkellner, dem Servier-Fräulein oder dem Speisenbringer. Nur den Abwäschern geht es schlechter. Im Einklang mit seiner Rolle als öffentliche Dienstkraft, musste der Gramanzer Geschicklichkeit mit Eilkraft und einem gastfreundlichen Gschau verbinden. Nicht selten führte dieser Anspruch zu übertriebener Gesichtsgymnastik und einer Gestik, die höfisches Verhalten zu imitieren versuchte.

Woher kommt das Wort Gramanzer oder Kramanzer? Die „Gramasse“, der Gesichtausdruck des meist männlichen Gramanzers ist eine veraltete, mundartliche Form von „Grimasse“. Sie bezeichnete ursprünglich eine absichtlich verzerrte, komische oder hässliche Mimik. Beide Ausdrücke kommen vom französischen „grimace“ und dieses vom altfranzösischen „grimuche“, Fratze, ihrerseits eine Ableitung des altfränkischen, also westgermanischen Wortes „grima“, Maske, verwandt mit unserem „Grimm“ und dem „grimmigen Schauen.“

 

comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Namen, die fehlen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 01.02.03/2026 vom 14. Jänner 2025

Liebe Frau Andrea,
am Eisenerzer Friedhof gibt es eine Gedenktafel mit den Namen ermordeter Jüdinnen und Juden. In Lydia Mischkulnigs Kolumne in der Furche wird darauf hingewiesen, dass auf der Tafel immer noch eine große Zahl von Namen Ermordeter fehlt. Welche Bedeutung hat im Judentum die Nennung der Namen der Toten?
Liebe Grüße,
Dr. Peter Daniel, Wien I., per handschriftlicher Serviettennotiz

Carissimo dottore,

Lydia Mischkulnigs Kolumne referiert auf ein Desiderat des Dichters Stephan Eibel, dem die Nennung der Namen der Ermordeten ein vehementes menschliches und politisches Anliegen ist. Der Massenmord an ungarischen Jüdinnen und Juden am obersteirischen Gebirgspass Präbichl gehört zu den sogenannten „Endphasenverbrechen“. In den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945 wurden von den nationalsozialistischen Machthabern zehntausende ungarische Jüdinnen und Juden zur Zwangsarbeit am sogenannten „Ostwall“ gegen die heranrückende Rote Armee gezwungen. Angesichts der Sinnlosigkeit des Unterfangens wurde versucht, diese Menschen auf sogenannten Todesmärschen ins KZ Mauthausen zu „treiben“. Dabei fanden ungezählte Erschießungen statt. Das größte dieser Massaker verübten Angehörige des „Eisenerzer Volkssturms“ am 7. April 1945 in unmittelbarer Nähe der Passhöhe des Präbichls. Dabei wurden über 200 Jüdinnen und Juden ermordet. Um deren vollständige Namensnennung geht es in Eibels, Mischkulnigs und nun auch meinem Anliegen.

Die Nennung der Namen Verstorbener ist für Rabbi Eliezer Zalmanov aus Brooklyn eine Möglichkeit, die Vorfahren zu ehren. Indem Kinder nach ihnen benannt werden, wird ihr Andenken bewahrt. Auch Jaron Engelmayer, Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien erinnert an die Bedeutung der Nennung der Namen der Toten im Judentum. Komme doch im Namen die Seele und Offenbarung eines Menschen zum Ausdruck. Das „Jiskor-Gebet“ gedenke der verstorbenen Verwandten namentlich. Aus einem Vers des Propheten Jesaja leitet das bekannte Institut in Jerusalem zum Andenken an die Opfer der Schoa seinen Namen ab: Yad Vashem.
 

comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Neues Jahr – Neue Werkzeuge

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Der Gebrauch von Werkzeugen. Die Ansicht war lange und weit verbreitet, bis die Biologie intelligenten Gebrauch von Hilfsmitteln auch bei diversen Säugetieren, bei Krähen und anderen Vögeln studierten. Stimmt nicht, ich habe zwei linke Hände, entgegnen jetzt Betroffene aus dem Publikum, sie könnten jederzeit den Gegenbeweis erbringen. Auch die Unfallchirurgien landauf landab sprechen dem Menschen, meist dem männlichen, den intelligenten Gebrauch von Werkzeugen ab. Das ist ganz und gar ungerecht, denn die Heerschar der Unbeholfen, österreichisch der „Patscherten“ trägt keine Schuld am falschen Gebrauch von Geräten, Instrumenten und Utensilien. Die Werkzeuge selbst sind es, die fehlerhaft funktionieren. Apparate und Maschinen versagen, nicht der bedienende Mensch! Geschicklichkeit und Behändigkeit werden überbewertet.

Wie in der Computer-Industrie muss auch beim Anwenden von Schraubenziehern, Zangen, Sägen und Hämmern, erst recht in der Bedienung von Bohrmaschinen, Stichsägen und Winkelschleifern vom DAU ausgegangen werden, vom Dümmsten Anzunehmenden User. Dass diesem der DAK, der Dümmste Anzunehmende Konstrukteur, und in allen Fragen der Software der DAP, der Dümmste Anzunehmende Programmierer gegenüberstehen, darf und muss an dieser Stelle in Evidenz gerufen werden. Alle, die je versucht haben, sich für das Verzweiflungsspiel „ID Austria“ anzumelden, Österreichs elektronischem Identitätsnachweis für den digitalen Zugang zu Behörden, werden dem vorbehaltlos zustimmen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 10. Jänner 2026.

Silvester

Der Jahreswechsel naht im Sauseschritt und mit ihm das Runterzählen der Tage, Stunden, Minuten und Sekunden. Sobald das große Krachen und der Raketenregen beginnen, jaulen die Hunde auf und verstecken sich unter den Tischen und Sofas. Die Traumatisierten aus realen Bombennächten halten sich Ohren, Augen und Herzen zu. Der Rest, die große feiernde Mehrheit aber schmeißt sich mit großem und gut geübtem Elan dem Neuen Jahr entgegen, wiegt sich und allfällige Anwesende im Donauwalzer, köpft die Sektflaschen und sprudelt die Glaskelche voll. 2026 wird dann noch unschuldig sein, ohne neue Erlebnisse, schwanger mit den alten. Die Luft in den ersten Minuten des Neuen Jahrs aber wird schon bald sehr würzig riechen, nach bengalischem Schwefelrauch aus Raketen und Funkenspritzern.

Tatsächlich dauert der Einzug des Neuen Jahres ganze 24 Stunden. Seit nunmehr dreissig Jahren beginnt er in der Zeitzone UTC+14, bereits am 31. Dezember elf Uhr unserer Zeit – auf den 33 Korallenatollen Kiribatis. Wer es also den Einwohnern der zentralpazifischen Inselrepublik gleichtun möchte, begeht den Jahreswechsel schon mit einem spätmorgendlichen Palmweinfrühstück. Feinspitze nehmen dazu Palusami zu sich, mit Kokoscreme gebackene Taroblätter, das Nationalgericht von Kiribati. Oder Beachside Fish Fry, marinierten und frittierten Mahi-Mahi, hierzulande als Große Goldmakrele beannt.

Der Klimawandel, fern von Kiribati, hier bei uns erzeugt, wird dem Paradies übrigens bis zum Ende des Jahrhunderts den Untergang bescheren. Zeit für gute Vorsätze also.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 27. Dezember 2025.

Comandantinas Weihnachts-Wünsche 2025

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 52/2025 vom 24. Dezember 2025

Der Advent hat sein müdes Haupt in Alkohol und Endmucke ertränkt. Das Wetter, ein unsympathischer Gefährte, sorgt für Melancholie, die Weltlage dystopiert. Innenpolitisch dominiert Verblödung, außereuropäisch der Trumpismus. Ideale kränkeln, Vorbilder weinen, nur das Böse juchzt. Intelligente und Interessierte idealisieren Institutives. Influencer·innen infizieren, Illuminierte irriteren, Illiberale implodieren. Das Ich irrt indigniert in Innenräumen, der Istzustand inkommodiert. Immerzu. Irgendwie.

Das Licht kommt wieder! Glandula pinealis, die Zirbeldrüse weiß das schon seit drei Tagen und freut sich auf das Kommen des Frühlings. Zeit für Tradition. Seit nunmehr 25 Jahren beantwortet die Comandantina Fragen an dieser Stelle. Eine Ausnahme davon erlaubt sie sich am Ende des Jahres, da fordert sie Uneingelöstes. Auch heuer ergeht eine Liste mit Wünschen an eine würdige Wiener Institution: Das Salzamt!. In seinen dunklen Gängen duftet es nach „Terre d’Hermès“, nach den süßen Schwaden frischoxiderter „Cohibas“, nach Weihrauch, Myrrhe, und den betörenden Speyside-Äthern in Cragganmores Single Malt. Unsere Freunde von der Wunscherfüllung haben sich zur Desiderat-Annahme eingefunden: Tief in den Damenspitz gerutscht der goldgelockte Engel: Das Christkind! Ihm zur Seite der dicke Sugardaddy im roten Wams, Joulupukki, der Weihnachtsmann! In knisternder Höchstlaune der elegante Herr in Possanners nachtblauem three-piece herringbone suit. Genagelt sind die Norweger, eau-de-toilette-betäubt die Schläfen, Konfetti staubt von seinen Schultern. Es ist der Cavaliere Corrado di Molinalibera, auch bekannt als die Jahresendperson.

Hier die Eingabe:

Liebes Christkind, lieber Weihnachtsmann, Carissimo signore di fine anno! Dies wünsche ich mir, wie schon so oft, zum Lichterfest:

1. Die Wiederauferstehung der Zukunft,
2. Die Rehabilitierung von Visionen.
3. Die Solidarität mit Abgehängten und Vulnerablen.
4. Die Umverteilung von Oben nach Unten, und
5. von Dumm nach Gescheit.
6. Die Trennung von Kirche und Staat.
7. Die Separation von Staat und Bosheit.
8. Ein Musikgedudelverbot in Gaststätten und Geschäften.
9. Die Einführung von 24-Stunden-Delis nach New Yorker Vorbild.
10. Die Fortführung des „Unendlichen Panoramas“ in einer Stadtzeitung von Welt.


comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Arnulf Rainer +

1985. Seit einem halben Jahr amtierte Erich Wonder als Professor der Meisterschule für Bühnenbild. Sein Lehrer Lois Egg, der auch mich aufgenommen hatte, der mich liebte und förderte, und dessen Assistentin ich seit einigen Jahren war, war in Pension gegangen. Wonder mochte mich nicht, er mochte niemand von Lois Eggs Schülerinnen. Und er wollte uns kein Diplom geben. Entgegen der Zusagen, die er Lois Egg noch vor kurzem gegeben hatte. Niemandem von uns. Mir besonders nicht. Es wäre mein aus gewesen nach vier Jahren Studium. Das sei kein Bühnenbild, maulte er über meine 15 Faust-Bilder. Das sei Illustration. Bei der Diplombegehung des Meisterkollegiums redete er auf die anderen Professoren ein, sie mögen das nicht ernst nehmen, was da zu sehen sei, das sei alles Schund, wertlose Unkunst. Es war Arnulf Rainer, der vor meinen Sachen verträumt stehen blieb. Und widersprach. Das sei doch sehr gut, sagte er, sehr gut. Es war Arnulf Rainer, der mein künstlerisches Leben rettete. Danke, Meister Arnulf, danke Dir!

Schindeln am Dach

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 51/2025 vom 17. Dezember 2025

Liebe Frau Andrea,
letztens habe ich in einem Buch die Redewendung „Schindeln am Dach“ gelesen und war sehr überrascht, da ich das davor nie außerhalb meiner Familie gehört habe. Zu uns wurde das als Kinder immer gesagt, wenn wir in einen Raum kamen, wo die Erwachsenen gerade über Dinge sprachen, die für Kinderohren nicht bestimmt waren. Ich konnte leider nichts zur Herkunft der Redewendung finden. Können Sie mir da weiterhelfen?
Liebe Grüße,
Hannah Diethard, per Email

Liebe Hannah,

die von Ihnen erinnerte Redewendung ist im bairisch-österreichischen Sprachraum gebräuchlich, wenn auch eher im ländlichen, denn urbanen Raum. Sie zirkuliert auch in der Form „es seien Schindeln unterm Dach“. In der Regel sind Kinder gemeint. Die Metapher bezog wohl ursprünglich alle ein, die an einem Gespräch nicht zuhören sollten. Die gängigen Wörterbücher heimischer Ausdrücke und Wortbildungen kennen die Redewendung, liefern aber keine Erklärung. Das wundert nicht, kommt die Metapher doch aus ganz anderem kulturellen Zusammenhang als dem heimisch-bäuerlichen.

Die Freimaurerei, insbesondere die englische, kennt das Amt des Tylers, als jenes, in sämtliche Geheimnisse eingeweihtes Mitglied, das für die Deckung der Loge zu sorgen hat, dass also nichts vom Tempelgeschehen nach draußen dringe. In Zeiten, in denen humanistische Zusammenkünfte als staats- und klassengefährdend kriminalisiert wurden, war Geheimhaltung von essentieller Bedeutung. Wieso aber nannte man den Schutzbefohlenen der Arkana Dachdecker? In masonischen Kreisen zirkuliert dazu die Erklärung, dass die Metapher darauf referiert, dass sich ungebetene Zuhörer aufs Dach legten, eine Schindel (oder mehrere) abhoben, um Einblick in das Geschehen zu erlangen. Der Tyler (Dachdecker) sorgte also dafür, dass sämtliche Schindeln und damit die sogenannte Deckung gewährleistet war, die maurerische Arbeit in Sicherheit ablief.

Von unserer Redewendung stark abzugrenzen ist der Ausdruck „nicht alle Schindeln am Dach zu haben“ was synonym dafür ist, „nicht alle Tassen im Schrank zu haben“. Neuerdings „fährt der Lift“ bei den so Bezeichneten „nicht ganz nach oben“.


comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Frohe Weihnachten

Alles dreht sich um die Familie. Die Familie ist das ein und alles. Kein Fest „kann mehr Familie“, als Weihnachten. Besonders familiär geht es an den Punschständen des Landes zu. Einkaufsgestresste, von Betriebsweihnachtsfeiern und Jahresabschlüssen Gehetzte finden Trost und Einkehr an der wärmenden Mutterhütte. Es dampft der Jagatee, es knistern die Maroni, es köchelt die Gulaschsuppe. Nach eineinhalb Bechern rumgetränkter Würzmischung werden die Zufallsbekanntschaften zu Familienmitgliedern. Griassdi, i bin da Franz, seawas, i die Samantha. Gemeinsames Stehen im Lichterkettenschein macht glücklich und müde. Betroffenheit weicht Besoffenheit, der Alltag fällt vor die Füße, schmilzt dahin im salzigen Matsch. Es ist Zeit, die Geschenke zu besorgen, sie heimlich zu verpacken und unheimlich zu verstecken. Um den großen Heiligen Abend anzusteuern, an dem sich alles entlädt, was das Jahr vor sich hergeschoben hat. Mut und Unmut, Freude und Leid. Die Krippe (so es eine gibt) erzählt die ewige Geschichte von der Heiligen Familie. Sie darf und muss im Schoß der Kernfamilie erzählt werden. Als Kulisse für das Märchen von der heilen heiligen Welt dienen der kugelbehängte Lichterbaum (auch wenn die Leuchtkerzen aus China kommen), der Geschenkeberg (auch wenn er klein ist, und nachher die Hälfte umgetauscht wird). Engste Familienmitglieder erzählen einander von früher. Als alles besser war. Vater, Mutter, Kinderschar. Herkunft ist indes nicht alles. Gehören wird doch längst zu anderen Familien. Familie Google, Familie Amazon, Familie Facebook, Familie YouPorn, Familie Netflix.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 13. Dezember 2025.