Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Postmoderne Umziehstrategien

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 34/2014

Liebe Frau Andrea,

in Bädern gibt es keine getrennten Garderoben für Männchen und Weibchen (mehr), sondern nur einen gemeinsamen Umziehraum. Nachdem das An- und Ablegen der Schwimmkleidung aus meiner Sicht möglichst rasch und effizient von statten gehen soll, habe ich bisher noch nie die dafür vorgesehenen Umzugskabinen benützt, sondern mich immer im Garderobenraum vor meinem Spind aus- oder angezogen. Es hat sich darüber zwar noch nie jemand beschwert, dennoch bin ich mir nicht sicher, ob mein Vorgehen kulturell statthaft ist. Was meinen Sie?
 
Herzliche Grüße
Herwig Ziebermayr, per Email


Lieber Herwig,

vor jeder anderen wollen wir auch in diesem Fall die Machtfrage stellen. Warum passiert was, und wer dient wem? Hinter der Zusammenlegung getrennter Umziehbereiche stehen ökonomische Überlegungen. Im Falle privaten Badebetriebs die Gewinnmaximierung, in jenem öffentlich verwalteten die Verlustminimierung. In einer idealen Welt fänden wir wohl großzügige Kabinen vor, um uns darin vor den Blicken anderer mit den Textilien der Schwimmweltcouture zu gewanden. Mit moderaten Eintrittspreisen ist dies kaum zu vereinbaren. War die abschliessbare Mietkabine einst Standard für Wohlbetuchte und das Kästchen im Gemeinschaftssaal - nach Geschlechtern getrennt - den Finanzschwachen vorbehalten, schlug die postmoderne Profitwelt alles in eins. Mietkabinen rechneten sich nicht mehr, die Trennung der Geschlechter ebensowenig. Um ein Mindestmass an Intimität zu bewahren, sind in postmodernen Badeanstalten Umziehkabinen eingerichtet. Zur Statthaftigkeit Ihrer Umziehstrategie sei angemerkt, dass sich diese dem (fremden) ökonomischen Diktat unterwirft, indem Ihr Kleiderwechsel möglichst schnell vonstatten geht. Maskiert ist Ihr Vorgehen mit militärisch-sportlichem Habitus, worauf Ihre Begrifflichkeit “Spind” für das Kleideraufbewahrkästchen hinweist. Was ist zu tun? Gönnen Sie Sich den Luxus der Langsamkeit! Ziehen Sie Sich wie Napoleon um und nicht wie der gemeine Soldat. Verschonen Sie das eigene wie das andere Geschlecht mit dem Anblick Ihrer Unterwäsche und Reproduktionsorgane. Kommen Sie schon im Bademantel aus der Dusche! Seien Sie napoleonisch, seien sie elegant! www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

18. August 2014 (0) Comments

Insultan

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 16.8.2014.

Sultan Recep Tayyip der Einzigartige und Große entstammt nach allerhöchsteigener Aussage einer türkischen Türken-Familie, die aus der fremdländisch-georgischen Hafenstadt und Lotterhölle Batumi in die konservative Schwarzmeerperle Rize im Nordosten der Türkei migriert. Sultan Recep Tayyips Vater Ahmet Erdoğan ist Seemann. Der Vater aller Väter nennt den späteren Sultan nach dessen Geburtsmonat Recep, dem siebten Monat des islamischen Kalenders und gibt ihm mit Tayyip als zweiten Vornamen den Namen des Großvaters. Der Enkel aller Enkel wird am 26 Februar 1954 im alten Istanbuler Hafenviertel Kasımpaşa geboren und wächst mit drei Brüdern, einer Schwester und dem Cousin Danny ‘Talât’ Torosoğlu auf. Die allerhöchstfrühe Kindheit verbringt der Cousin aller Cousins in Riza, wo der Vater als Mitglied der türkischen Küstenwache das Schwarze Meer bewacht. Als der spätere Sultan 13 Jahre alt ist, kehrt die Familie aller Familien nach Istanbul zurück. Schon als junger Mann arbeitete der Sohn aller Söhne als Unternehmer, er setzt ökonomische Initiativen auf den Strassen der rauheren Instanbuler Gegenden, verkauft Limonade und Sesamkringel, um sich für seine späteren Aufgaben als Bürgermeister, Landesvater und Weltgegendbeherrscher zu kapitalisieren. Allerhöchstfrühe militante Erfahrungen auf dem Felde der Politik macht der Ökonom aller Ökonomen als Mitglied der türkisch-islamistischen Untergrundorganisation Akıncılar Derneği, des Vereins der Vorkämpfer. Gymnasialen Unterricht suchte der Vorkämpfer aller Vorkämpfer in der İmam-Hatip-Schulen für Vorbeter-Ausbildung und Predige-Kunst. Der Vorbeter aller Vorbeter weiß um die Wichtigkeiten eines weltlichen Studiums und schreibt sich an der Fakultät für Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften der Istanbuler Marmara-Universität ein. Bald entdeckt der spätere Sultan die Manneskraft in sich. Auf einer Konferenz trifft er Emine Gülbaran aus dem osttürkischen Siirt, der Stadt der handgemachten Wolldecken. Der Entdecker aller Entdecker verweist die Frau auf ihren Platz und zeugt ihr zwei Söhne und zwei Töchter. Der Rest des Sultans Fertigkeiten ist Geschichte.

16. August 2014 (0) Comments

Die Hutschnur des Scheichs

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 33/2014

Liebe Frau Andrea,

schon des längeren frage ich mich, welchen Ursprung die dicke schwarze Schnur hat, die Scheichs und manche andere orientalische Männer als Befestigung (?) ihrer Kopftücher tragen. Ist das regionale Kluft oder eine Art Rangabzeichen für Chefs?

Vielen Dank im Voraus und beste Grüße,
Lovisa Weiss, per Facebookdirektnachricht


Liebe Lovisa,

das gesuchte Modeaccessoire wird Agal (auch Iqal, Egal oder Igal) genannt, nach dem arabischen Wort iqāl (Band oder Schnur). Die meist schwarze Kordel besteht aus einem Wollkern aus Kamel- oder Ziegenhaar, um den sehr straff schwarze Fäden gewickelt sind. In der meistgebräuchlichen Variante ist die steife Schnur an den Enden verbunden und wird, zu einer Doppelschlinge geschlagen, dazu verwendet, das traditionell von Männern getragene Kopftuch Ghutra (auch Kufiya oder Shmagh) am Kopf zu befestigen. Der meist unsichtbarer dritte Bestandteil dieser orientalischen Kopftracht ist die unter dem Tuch getragene Taqiya, eine wollene Häkelmütze, ohne die das Tuch verrutschen würde. Das Tragen des Agals ist prinzipiell nicht an Standesgrenzen gebunden. Vom einfachen Bauern bis zum König kann ihn jeder tragen. Unterschiede gibt es allenfalls, was Design und Wert betreffen, sie markieren Zugehörigkeiten zu Clans und Stämmen und dienen der Illustration von gesellschaftlichen Unterschieden. Imposante, mehrfach geschlungene, an Kronen erinnernde Agals trugen Lawrence von Arabien, König Faisal und Frank Zappa (als Sheik Yerbouti). Trotz seiner weitgehend auf die arabische Welt beschränkten Verbreitung, hat der Agal europäische Wurzeln. Der Legende nach soll der Kalif angesichts des Zusammenbruchs der islamischen Herrschaft in Andalusien den Männer des Landes aufgetragen haben, als Zeichen der Trauer schwarze Kopfbänder zu tragen. Eine andere Version der Geschichte erzählt von wütenden Frauen, die sich aus Zorn über die mangelnde Bereitschaft ihrer Männer, den Islam zu verteidigen, die Haare ausgerissen hätten, um damit nach ihnen zu werfen. Die Männer sollen daraufhin aus Scham und Schuldbewusstsein die Locken ihrer Frauen um den Kopf gewickelt haben. Wahrscheinlicher als diese Sage ist jenes Erklärmodell, nach dem Beduinen schwarze Schnüre am Kopf trugen, um im Bedarfsfall ihre Kamele damit anzubinden. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

10. August 2014 (0) Comments

Fernsehen

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 9.8.2014.

In den späten 80erjahren des vorigen Jahrhunderts (wie das klingt!) geriet die Welt in Explosion und begann jenen Zustand anzustreben, in dem wir uns heute befinden. Die britische Premierminsterin Margaret Thatcher, eine ebenso eiserne wie frisurmutige Lady verkündete triumphierend, es gäbe keine solche Sache wie Gesellschaft. Es gäbe individuelle Männer und Frauen und dann gäbe es Familien. Hier begann das Schlamassel. Das Fernsehen drang in jede Pore unseres Daseins. Vielkanalig und lärmend. Adressiert an individuelle Männer und Frauen und was man Familien nannte. Das Fernsehen amerikanischen Schlages. Fernsehen, das sich rechnen musste. Die Quote begann über den Inhalt zu bestimmen, Qualität verlor sich in den Zufall. Bestimmend wurde die normative Kraft des Ökonomischen. Wie immer waren auch hier die Deutschen perfektionsgieriger als der Rest der Welt, sie überschwemmten den Sprachraum mit Tutti-Frutti-Titten-Shows, Brachialklamauk, Scheindebattenkränzchen und Sozialpornos. Für individuelle Männer und Frauen gab es Kochtipps von Küchenpersonen mit Hyperaktivitätsstörung. Rededuchfallpatienten bekamen eigene Sendungen. Der ORF antwortete mit einer Vertrottelungsoffensive. Versuchte sich an kauzigen Gewinnshows, betroffenheitslüsternen Reportagen, schnarchig-billigen Klamaukrevuen und deftigem Stadlhumpta. Das Nachrichtenfernsehen wurde mit dürftigem Erfolg zur CNN-Kopie hochgebürstet, die Sportberichterstattung zum Dauerblödeln verpflichtet. Wo früher Stille den Bildern Raum und Wirkung gab, wurde nun Lärm geblasen. Ausdauernder und nervenzerrüttender Hörmüll. Den öffentlich-rechtlichen Auftrag meinte man mit betulichen Familiensendungen und Hugo Portischs Nationalnabelschau zu bedienen. Und es ist schlimmer geworden. Dümmer, lauter, atemloser. Ich wünsche mir das alte Fernsehen zurück. Das Fernsehen vor Thatcherism und Reaganomics. Es muss ja nicht Rudi Carrell sein. Nicht Dalli Dalli. Nicht Peter Fichna und die Studiouhr. Nicht die Bundeshymne bei Sendeschluss. Nicht das Testbild. Aber warum eigentlich nicht?

9. August 2014 (0) Comments

Durchschlagend blindkopieren

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 32/2014

Liebe Frau Andrea,

jetzt bin ich doch schon gefühlte Jahrhunderte im Internet, bitte woher kommen die Email-Adress-Feld-Bezeichnungen “cc” und “bcc” eigentlich? Meine Auskennerfreunde erzählen mir Widersprüchliches. Bitte um Aufklärung!

Vielen Dank im Voraus und beste Grüße,
Christine Martin, per Email.


Liebe Christine,

wir dürfen davon ausgehen, dass Sie über die Adressfeldbestellung im gobalen Dorf besser Bescheid wissen, als sie hier zugeben und nur Affirmationen benötigen. Folgen wir den Medientheoretikern Marshall McLuhan und Friedrich Kittler und begeben uns aus Gründen der Veranschaulichung der Zusammenhänge auf die Stufe der Vorgängertechnologie. Bevor Kanzleien und Büros dazu übergingen, schriftliche Nachrichten per Email zu verschicken, bedienten sie sich weitgehend des maschingeschriebenen Briefes. Ein typischer Geschäftsbrief enthielt neben der Nachricht auch die Namen und Adressdaten von Sender und Empfänger. Um bei ausgehenden Briefen eine gleichlautende (und gleich aussehende) Kopie zu erhalten, verwendeten Sekretärinnen und Sekretäre sogenanntes Durchschlagpapier. Dies war ein dünnes Blatt, dessen Rückseite mit einer leicht abreibbaren, kohlehältigen Substanz beschichtet war. Das Durchschlagpapier wurde zwischen das zu beschreibende Blatt und den Durchschlag (die zu erzeugende Kopie) gelegt, gemeinsam in die Schreibmaschine eingespannt und mit dieser beschrieben. Jeder Anschlag drückte sich durch Papier und Durchschlag und damit auch ganze Texte. Auch handschriftliche Durchschläge waren möglich, soferne man nur fest genug schrieb. In Fällen von Bedarf nach mehreren Durchschlägen verwendete man für diese dünneres Papier, weil mit jeder zusätzlichen Schicht die Kopien blasser wurden. Im Englischen firmierte Durchschlagpapier (auch Durchschreibepapier oder Kohlepapier) als “carbon paper”. Die Durchschlagkopie war die “carbon copy”. An wen Durchschläge gingen, wurde im Brief auch vermerkt und mit dem Kürzel “cc” bezeichnet. Durchschläge, die an Ungenannte gingen, hießen intern “blind cc”, kurz “bcc”. Die IT-Technolgie “Email” hat diese anglosächsischen Distributionsbezeichnungen beibehalten. Im Sinne McLuhans Diktum, das Medium sei die Message, ist nicht der Text der Kern jeder Email, sondern die Adresssaten in “cc” und “bcc”. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

3. August 2014 (0) Comments

Quälgeister

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 2.8.2014.

Aus der Welt des Masochismus ist vieles bekannt. Rituale und Kostümierungen, Rollen und Werkzeuge. Sie sind längst und erfolgreich Gegenstand literarischer und filmischer Betrachtungen. Jenseits aller Bewertungen durch Teilnehmer am wissenschaftlichen wie am moralischen Diskurs haben sie Eingang in jenes Paradies gefunden, das wir gemeinhin als den Markt bezeichnen. Es gibt nichts, was nicht zu kaufen wäre auf dem Felde der kontrollierten Einschmerzung. Pessimistische Beobachter unserer gegenwärtigen (westlichen) Gesellschaftsordnung führen ins Treffen, dass der Markt selbst eine masochistische Grossunternehmung sei. Eine Konstante masochistischer Betätigung ist die ästhetisch überformte Lust an Schmerz und Unterwerfung, sei es als Kunst, Phantasie oder Geschäft. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, dass der unfreiwillige Namensgeber der Disziplin, der Jurist und Historiker Leopold Ritter von Sacher-Masoch ein Österreicher war, wir uns also im Mutterland der Lustqual befinden. Nirgendwo sonst, mit der vermuteten Ausnahme einiger Täler in Transsylvanien, wird gesellschaftliches Aufeinandertreffen mit der Verabreichung solch gefährlicher Mengen an Fusel vergütet, wie in Österreich. Jeder Anlass ist willkommen, den Stoppel aus einer übelriechenden, unetikettierten Flasche zu ziehen. Es gibt das Willkommensschnapserl für Ankommende und Heimkehrenden, das Griassdistamperl für Postler und Rauchfangkehrer, den Muntermacher für Arbeiter und Handwerker, das Pfiatistesserl für Abreisende und das Fluchtachterl für Nachhausewankende. Nicht dass sonst zuwenig getrunken würde. Kaum Eingang in die lustquälerische Ritualistik hat indes das Insekt gefunden. Es mag Fälle von Ameisensäure-Riech-Abusus geben und obsessive Spiele mit Honig, ja Ekelgrenzgänge mit Spinnengetier und Würmern, die Gelse ist jedenfalls kein Objekt masochistischer Phantasie. Gelsen sind sogar dem Qualfreunden zu unangenehm. Jüngst hat sich dem Blutsauger eine ebenbürtige Niedrigkeit hinzugesellt. Der allzeit störende und unvermeidliche Klugfernsprecher. Niemand mag seinen Störschmerz, nicht mal die Masochisten: Das Handy.

2. August 2014 (0) Comments

Kindertaugliche Schimpfwörter

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 31/2014

Liebe Frau Andrea,

da mein Töchterlein langsam der Sprache mächtig wird, stellt sich das Problem, welche Schimpfwörter ich aus ihrem Mund hören möchte. Babyworte wie Scheibenkleister finde ich blöder als das Original. Ich suche Alternativen zu "Scheiße/Fuck/Oasch" (genereller Ärger), "Oaschloch/Voitrottl"(für Mitbürger). In meiner Verzweiflung bin ich schon zu Erbstücken aus meiner Kindheit wie "Kreizsakarament", "Kruzinesa" und "Kruzifuchzgal"abgedriftet, bin mir aber nicht sicher, ob das im katholischen Kindergarten jemand hören soll. Können Sie mir bitte weiterhelfen?

Vielen Dank und liebe Grüße,
Viktoria Scherrer, per Email.


Liebe Viktoria,

Schimpfwörter und Flüche, wollen sie die damit Bedachten treffgenau erreichen und triebabbauend für die Anwendenden wirken, müssen auf der Messerschneide des Tabubruchs tänzeln. Die angeführten Erbstücke eignen sich bestens für Fluchen in katholischer Umgebung. Ich würde da jetzt nichts lindern, eventuell sogar zu Schärferem raten. Dass Sie die Flüche noch aus Ihrer Kindheit erinnern, beweist ihre semantische Kraft. Auch in der Vergangenheit haben sich besorgte Eltern um den Liebreiz der Sprache ihrer Sprösslinge gesorgt. Die Allermeisten unserer Schimpfwörter haben diesen Filter erfolgreich passiert. Hier würde ich mich keinen Illusionen hingeben. Fördern sie vielmehr die Fluchkünste Ihres Töchterchens. Im Bergwerk junger Begabungen können goldene Neologismen geschürft werden! In aller Kürze hier dennoch einige Vokabelvorschläge für generellen Ärger und Ideen zum Thema Insult. “Bam Oida!” und “Potztausend” wollen wir als Brückenköpfe klassenbewusster, aber nichtklagbarer Ärgerrufe verstehen. Auch “Karamba!”, “Donnerwetter”, “zum Kuckuck” und “Ei der Daus!” können Dienste am Felde der Harmlosigkeit leisten. Dünner ist das Vokabelheft der Beleidigungen, die treffen sollen, gleichwohl aber schmerzlos bleiben. “Versteher” und “Versteherin” mit vorgesetztem Konfliktobjekt attestieren wir momentan Konjunktur auch in der Vorschulstufe. Im Sinne postmodernen Denkens schlügen sich auch Schmähungen auf Metaebene gut. Sowas wie “Bravkind” oder “Elternstolz”. Ein Klassiker für Kinder und Erwachsene jeden Alters ist das doch sehr verletzende “Du Österreicher!” Ungegendert. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

27. Juli 2014 (0) Comments

Geschenke für Leute die schon alles haben

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 26.7.2014.

Geben ist seliger den Nehmen, wissen die Bibelkenner. Haben ist heiliger denn Wollen, sagen die Kapitalismusversteher. Was schenkt man jemand, der schon alles hat? Ein Seminarwochenende im Diskursrund? Das neue Buch von Umverteilungsprophet Thomas Piketty? Eine Nacht auf der Parkbank? Abgelaufenes Joghurt? Prince Charles konnte man vor nicht allzu langer Zeit noch mit dem Premierenerlebnis einer Taxifahrt überraschen. Der ewige Thronfolger des Vereinigten Königreiches wurde bei dieser Gelegenheit mit der für ihn völlig neuen Erfahrung konfrontiert, dass dem Großstadtmenschen gemeinhin Fahrpreis für die Ortsveränderung abgenommen wird. Bis dahin war Prince Charles bargeldlos durchs Empire getrampt. Berichte wie dieser lehren uns beständig, daß es auch auf dem Feld des Beschenktwerdens echte Profis gibt. Sie schmeissen zu präsentwürdigen Anlässen – Gebursttagen, Namenfesten, Hochzeitsanniversarien, Berufseintrittsjubiläen und anderen Feierstunden große Parties, deren Reinerlös den Stiftungsnehmern zukommt. Erfahrene Geschenkadressaten organisieren diese Jubelzusammenküfte nicht selber, sondern lassen planen. Stets findet sich ein willfähriges Logistiktalent. Im Vorfeld zirkulieren Geschenklisten und Geldtöpfe, um Bekannten und Freunden mit Gebersyndrom Gelegenheit zur Teilnahme an der Umverteilung zu geben. In der Regel wird nach oben verteilt, das heißt, Ärmere schenken Reicheren mehr als umgekehrt. Auch hier werden gesellschaftliche Binsenweisheiten plastisch: Wer schon hat, dem wird gegeben. Traditionell werden Geschenke am Tag der Bescherung auf Tischen aufgebaut. Schenkende werden so auch zu öffentlich Präsentierenden. Kaum jemand, der sich mit einem mickrigen oder geistlosen Geschenk einstellt, keiner möchte zum Spott der Anderen werden. Phantasielosen bleibt immer noch die Teilnahme am kollektiven Großgeschenk und das Abarbeiten der Kleinpräsenteliste. Wer diesen Prozess in seiner Dynamik durchschaut hat, wird sich nicht wundern, warum Reiche immer reicher werden, Arme immer ärmer. Es möge also dieser Appell ergehen: Schenkt endlich in die Gegenrichtung! 

26. Juli 2014 (0) Comments

Wenn der Kranführer mal muss

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 30/2014

Liebe Frau Andrea,

vor vielen Jahren habe ich den Steffl bestiegen. Oben angekommen habe ich den Turmwart gefragt, wie er das mit der Notdurft denn macht. Es gibt ja dort oben kein Klosett. Leider erhielt ich keine Antwort. Die Kranführer auf den Baustellen stehen ja auch vor dieser Aufgabe. Wie lösen die ihr Problem? Sie können es ja nicht so machen wie die Radfahrer der "Tour de France".

MfG, Christoph Patak, pEm.


Lieber Christoph,

die Entledigung flüssiger und halbflüssiger Stoffwechselprodukte gehört zu den grossen Menschheitsthemen. Gleichwohl ist dieses Feld von zahlreichen und wirkmächtigen Tabus verhüllt. Einer Gesamtbetrachtung muss sich diese Kolumne aus Platzgründen versagen, wir wollen uns heute nur mit Detailfragen beschäftigen. Die Radfahrer der Tour de France (und anderer Radrennen) haben zweierlei Strategien des Urinierens entwickelt, die eine ist die kollektive Pinkelpause des Feldes, die andere das Wasserabschlagen während der Fahrt. Kranführer und Turmwarte sind strukturell völlig anders exponiert. Weder befinden sie sich in einem Feld, noch fahren sie. Kranführer drehen sich allenthalben. Als einfachste (aber anstrengendste) Variante für Turmwarte und Kranführer, auf die Toilette zu gehen, darf der Abstieg und das Aufsuchen mobiler oder festinstallierter Einrichtungen gelten. Der Turmwart des Stephansdomturmes, dies ist hochkonfidente Information, hat an seinem Arbeitsplatz oben Zugang zu einem kleinen Klo. Besuchern wird dies verschwiegen. Vor der Installation stiller Örtchen waren auf Türmen Regenrinnen und Nachttöpfe in Verwendung. Als moderne Entsprechung letztgenannter Utensile gelten tragbare Kleinstaborte mit chemischer Geruchsneutralisation und moderne Taschen-Urinale, wie sie Segler und Flieger verwenden. Die Kranführerszene berichtet schon mal von technisch weniger Aufwändigem. Uriniert wird in der Regel in mitgebrachte PET-Flaschen oder Kanister, die in der Mittagspause diskret auf der Baustelle entleert werden. Auch das Abschlagen gegen die Gegenballaststeine hoch oben am Kran wird von Kranführern als gängige Praxis beschrieben. Bei Regen oder grosser Höhe wird schon auch mal aus der Kabine geludelt, so geht die Saga, natürlich nicht gegen den Wind. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

21. Juli 2014 (0) Comments

Wolkenkunde

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 19.7.2014.

Nephelokokkygia, zusammengesetzt aus den altgriechischen Wörtern nephélē (Wolke) und kókkyx (Kuckuck) ist jene Stadt in den Wolken, die sich die Vögel (angeleitet von zwei Großstadtexilanten) in Aristophanes’ gleichlautender satirischer Komödie bauen. 2227 Jahre später übersetzt der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer das Wort im Kapitel ‘Vernunft und Verstand’ seiner etwas kompliziert lautenden Schrift ‘Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde auf diese Weise’ als ‘Wolkenkuckucksheim’. Schopenhauer hat indes mit Stadtgründungen nichts vor, er wirft den anderen Philosophen seiner Zeit vielmehr vor, den Wohnort der Vernunft ebendort, in Wolkenkuckucksheim zu vermuten und überdies nur vom Hörensagen zu kennen. Wäre Schopenhauer nicht Hanseate gewesen, sondern Bayer, hätte er überdies nicht von Wolkenkuckucksheim gesprochen, sondern von Wolkenkuckucking. 

Wie auch immer, die mit auffallend vielen Deutschen besetzte deutsche Fußballnationalmannschaft hat aus Brazucaland den Wolkenkuckuckspokal (oder zumindest eine Kopie davon) mitgebracht. Die goldene Trophäe stellt zwei hysterische, sonst aber nackte und weitgehend geschlechtslose Kicker dar, die mit torjubelnd hochgerissenen Armen ein Schleierzelt aufspannen, in dem ein jacuzzigrosser Globus liegt. Profaner ausgedrückt und in die richtigen Dimensionen gerückt: Der wiedergewonnene WM-Pokal ist ein schlechtgeratener Eierbecher im Vogelstraussformat. Wiedergewonnen? Aber ja doch. Mit ‘Vernunft und Verstand’, wie die Fußballphilosophen unserer Zeit betonen, haben die Deutschen (auch wenn die meisten der Bundesbürger nur zusahen) in der Rekordanzahl von sieben gespielten Matches die goldene Gewinnplastik wieder nach Schland gebracht. Zum vierten mal. Diesmal aus dem aus dem Maracanã-Stadion in Rio. Auch wenn sie Arthur Schopenhauer nur für einen hessischen Zweitligisten hielten, würden die weltmeisterlichen Rasenvögel doch die ‘vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde auf diese Weise’ als zutreffende, wenn auch etwas kopfige Beschreibung ihres Titelgewinns aktzeptieren. Sie waren dort. In Wolkenkuckucksheim. Alle haben es gesehen. 

19. Juli 2014 (0) Comments

Religion und Sonnenstand

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 29/2014

Liebe Frau Andrea,

was macht ein Muslim oder eine Muslimin, wenn die Sonne im Ramadan weder auf noch untergeht? Sind die nördlichen Muslime oder Musliminnen nicht krass benachteiligt gegenüber ihren äquatornahen Brüdern und Schwestern ?

Mit freundlichen Grüßen,
Wolfgang Mähr, per Email.


Lieber Wolfgang,

als Fastenmonat oder Ramadan, abgeleitet von der arabischen Wurzel ramiḍa oder ar-ramaḍ, soviel wie “brütende Hitze”, wird der neunte Monat des islamischen Kalenders bezeichnet. Gläubige weltweit (ausgenommen sind Kinder, Kranke, Schwangere, Stillende, Menstruierende und Reisende) beachten den Ramadan als eine der fünf Säulen des Islam. Die Enthaltsamkeit beginnt mit Sonnenaufgang, endet mit dem Untergang des Zentralgestirns und erstreckt sich auf Essen, Getränke jeder Art, Rauchen und sexuelle Handlungen, in Fällen strengerer Auslegung auch auf Fluchen, Streiten, und vergleichsweise moderne Sünden wie Prokrastination. Weil der islamische Kalender ein Mondkalender ist, und ein Mondjahr zehn bis elf Tage kürzer ist als ein Sonnenjahr, wandert der Ramadan durch die Jahreszeiten. Heuer, die islamische Zeitrechnung schreibt das Jahr 1435, dauert der Ramadan von 29. Juni bis 27. Juli. Ein großes Problem für Migranten in den skandinavischen Ländern. Wollen sie den Ramadan einhalten, können es in Stockholm oder Helsinki schon mal 19 Stunden ohne Wasser und Brot oder eine lindernde Zigarette werden. Musliminnen und Muslime aus diesen hohen Breiten, vor allem aber solche aus Orten nördlich des Polarkreises - hier geht die Sonne im Sommer nicht unter - wandten sich aus begreiflichen Gründen an die religiösen Autoritäten. Es ergingen widersprechende Fatwas. Die liberaleren ägyptischen Theologen trugen den Gläubigen auf, sich im Falle einer länger als 18 Stunden währenden Tagesdauer nach den Zeiten der Heiligen Städte Mekka oder Medina zu richten. Orthodoxere Gelehrte aus Saudi-Arabien hingegen urteilten, die religionswirksamen Effekte fehlender Sonnenuntergänge seien streng einzuhalten, in der Wüste sei man auch nicht zimperlich. Versäumtes könne immerhin später nachgeholt werden. Das Dillemma am Polarkreis ist prolongiert. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

14. Juli 2014 (0) Comments

Sprünge der Saison

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 12.7.2014.

Sommer ist Sonne und Sommer ist Bad. Sonne und Bad aber sind Figur. Figur ist alles in einem richtigen Sommer. Umgekehrt ist alles Figur in einem Sommer voll Richtigkeit. Hier fangen die Probleme an. Die einen haben sie, die anderen sehen sie. Der Figur kann sich niemand entziehen. Im Idealfall wird sie als jugendverboten kurvenreich beschrieben und von knappen Bikinidreiecken mehr ent- denn verhüllt. Für den Begleiter sieht der Modehegemon den Cornettokörper vor. Als maskulines Badekleid von Rang gilt monentan noch die flattrige Schwimmbermudas unter Waschbrettbauch oder Sechserpack. Wir kennen diese Figurentypologie eines idealen Badegastpäärchens vor allem aus der Werbung. Im Freibadalltag kommt er nicht vor. Niemand hat also Figur, alle machen welche. Als Konsequenz dieser Zusammenhänge hat sich eine Volkssportart etabliert, die so variantenreich ist wie beliebt - das Beckenrandspringen. Im Beckenrandspringen offenbaren sich Tugenden wie Untugenden des Österreichertums. Eine traditionelle Förderungsmassnahme besteht darin, das Beckenrandspringen zu verbieten. Was verboten ist in Österreich, so haben wir es gelernt, wird umso lieber getan. Schon die Kleinkinder werden Von Vätern und Brüdern in kunstvollen Schwüngen ins Sommernass geworfen, kaum krabbeln sie heraus, werfen sie sich selbst von allen Ufern. Zahllos sind die Namen, die den Sprungfiguren gegeben werden. Die meisten heissen “Achtung!”, “Jetzt ich!” oder lautmalerisch “Booooombe” und werden in unmittelbarer Nähe älterer Schwimmender ausgeübt. Wo die ballistischen Benennungen versagen, wird geschrien und geprustet. Was in den weiten Ebenen der Badegeländes als adipöse Körpermehrleistung verstanden wird, gilt an der Absprungkante als Tugend. Je dicker die Figur, desto grösser die Wasserexplosion und der Eintauchknall. Man sollte das Phänomen nicht verurteilen. Zwischen Absprung und Impakt, jener Zeit und jenem Raum also, den wir “die Figur” nennen wollen, wird Freiheit produziert. Ein Phantasma, nach dem Bedarf besteht in diesem Land.

12. Juli 2014 (0) Comments

Piketty und Comandantina

Piketty-und-Comandantina.jpg
©Günther Peroutka

Capitalberechner Thomas Piketty und Comandantina prüfen die Zahlen.
Wien, Arbeiterkammer, 4. Juli 2014.

9. Juli 2014 (0) Comments

Neologismus

Aufregeria, die. Urbane Empörungsgesellschaft. Auf Twitter, in Blogs und auf Facebook referentiell und kommunizierend tätig.

©AMD, 7.7.2014

Aber:

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7. Juli 2014 (0) Comments

Aus Kopf, Kern und Herz gewunden

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 28/2014

Liebe Frau Andrea,

trotz intensiven Grübelns komme ich auf keine sinnvolle Erklärung für das Wort "auswendig". Im Englischen und Französischen lernt man etwas "vom Herzen", im Niederländischen "aus dem Kopf", im Portugiesischen "aus dem Kern", alle diese Ausdrücke verweisen nach Innen, nur im Deutschen nach Außen? Oder hat das gar nix mit 'Außen' zu tun? Wie ist das mit Sprachen aus einem anderen Kulturraum, Asien zum Beispiel? Ich bitte höflichst, mich von der Grüblerei zu erlösen!

Herzliche Grüße aus dem 7. Bezirk ('inwendig' des Gürtels),
Inge, per Email.

Liebe Inge,

bis zur Erfindung der Schrift war das Auswendiglernen, also die minutiöse orale Tradition die einzige Methode, Inhalte wortgetreu zu überliefern. Schon damals beklagten die Vertreter der älteren Technik das Aufkommen der neueren, es wurde (zu Unrecht) befürchtet, das Aufschreiben korrumpiere die Fertigkeit des Erinnerns. Im Judentum wurden konsquenterweise beide Traditionen gleichermassen am Leben gehalten, das Memorieren und das letterngenaue schriftliche Kopieren. Von den Kelten, heißt es, sei deswegen so wenig Schriftliches erhalten, weil ihre Gelehrten, die Druiden Wissen ausschliesslich mündlich reproduzierten. Unser heute geläufige Ausdruck “etwas auswendig zu lernen” ist erst relativ spät, im 16. Jahrhundert mit der momentanen Bedeutung aufgeladen worden. Ursprünglich bedeutete die Phrase “auswendig” etwas, zum Beispiel ein Kleidungsstück, nach aussen zu wenden. Konsequenterweise müsste man also vom “auswendig lehren” sprechen und vom “inwendig lernen”. Nach meiner bescheidenen Annahme sollte auch in Erwägung gezogen werden, die Phrase nicht von Auswenden, sondern vom Auswinden abzuleiten, dies würde die mit Wissensreproduktion verbundenen Anstrengungen einigermassen gerecht abbilden. Soweit die Ungenauigkeiten aus unserem Sprachkreis. Im Schwedischen lernt man “utantill” (ohnezu), Spanier können etwas “de memoria” (aus der Erinnerung), Georgier lernen “mündlich”, im Chinesischen und in Hindi spricht man, ähnlich wie im anglofranzösischen von der “Assoziation des Herzens” beziehungsweise vom “Herzlernen”. Hoffe mich hiermit hinreichend schriftlich ausgewunden zu haben! www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

7. Juli 2014 (0) Comments

Bachmannwettlesen oder: Tage der deutschsprachigen Literatur

Aus jährlich gegebenem Anlass.

Ich finde die Idee eines Wettkampfes von Texten extrem bescheuert. Als denkender Mensch in schreibender Haltung gibt es nur zwei Positionen. Unaufgeregte Ablehnung oder aufgeplusterten Zynismus. Die Zusammensetzung der inzwischen einschlägig bekannten "Jury" (samt ihrer Emeriti) spricht für die Konjunktur der zweiten Warte. Ich tu' mir schwer. Wie soll ich etwas kritisieren, das ich aus grundsätzlichen Erwägungen lächerlich und unnötig finde? Aber darf man etwas lächerliches lustig finden? Falls das möglich ist, würde ich mich dafür entscheiden, es aber insgesamt vorziehen, der Trottelveranstaltung - auch in Gedanken - möglichst fern zu bleiben.

6. Juli 2014 (0) Comments

Volkskundliches über den Ball

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 5. Juli 2014.

Der deutsche Philosoph und Transzendentalbelletrist Odo Marquard hat sich in einer brillant argumentierten Eigenbekundung zur Fertigkeit der Inkompetenzkompensationskompentenz bekannt. Auch wenn hier ein Stuntman des Denkens große Akrobatik im Schreiben zeigt: Man sollte die Kraft und Gültigkeit der hier namhaft gemachten Eigenschaft nicht der Elfenbeintürmerei zeihen, steckt sie doch in vielen von uns. Inkompetenzkompensationskompentenz wird zu Hochzeiten des Weltfußballs regelmäßig und öffentlich abgerufen. So sitzen (oder liegen) während großer Fußballturniere Nichtfußballer vor den Kommentatormikrophonen des öffentlich-rechtlichen Staatsfunks, um uns zu berichten, was wir zeitgleich selbst sehen. Vorgänge auf dem Rasen. In ihren Vortrag streuen sie nationalistische Bonmots, Herrenwitzpartikel und die eine oder andere rasentechnische Pointe. Seit dem Jahrtausendereignis Córdoba (jeder Österreicher, jede Österreicherin zehrt von dieser Erinnerung) wird zudem der fußballkundliche Simultanbericht nicht gesprochen, sondern geschrien. Die Geschwindigkeit des Gesagten korreliert dabei mit der Ungenauigkeit des Beschriebenen. Die Reportagetechnik, die zum Einsatz kommt, wird dem Medium Fernsehen insofern nicht gerecht, als sie im Hörfunk entwickelt wurde, der bekannterweise ohne Bilder auskommen muss. Kompetenzloses Gefasel ist ein Radiospezifikum. Nur dort entwickelt es Zauber. Noch der größte in den Äther gelallte Unsinn ist wirklichkeitsnäher als das Nichthören der spezifischen Ereignisse. In schlichter Ahnung all dieser Zusammenhänge kompensieren die Kommentatoren des Landes (es sind überschaubar wenige) ihre Inkompetenz durch den öffentlichen Diskurs mit scheinbar Kompetenten – emeritierten Landesfußballern. Diese wissen zwar, wovon sie sprechen, vermögen dies aber nur in seltenen Fällen auch sprachlich auszudrücken. In direkter Konfrontation gewinnen die Kommentatoren als Kommentierende des Originalbefunds an scheinbarer Kompetenz. Fußballberichterstatter wissen zwar nicht, wovon sie sprechen, können dies aber einigermaßen gut ausdrücken. Inkompetenzkompensationskompentenz auf nationalem Weltniveau. Wir sollten dankbar sein für diese Showleistung.

5. Juli 2014 (0) Comments

Fragen der Urlaubsentösterreicherung

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 27/2014

Liebe Frau Andrea,

Wir sind kurzurlaubend an der himmelblauen Adria gestrandet und haben ein Identitätsproblem. Wie können wir vermeiden, hier unten für Österreicher gehalten zu werden, oder, was schlimmer wäre, für Deutsche. Und wofür sollte man uns idealerweise halten?

Mille grazie, cara dottoressa,
Jana Wehle, Hotel Diana, Grado, Italia


Liebe Jana,

die sprachliche Camouflage gehört zu den schwierigen, wenn auch lohnenden Aufgaben, die uns die Etikette stellt. Wir dürfen davon ausgehen, dass zumindest das Rezeptionspersonal des Hotels sich nicht in Unklarheit über die Nämlichkeit und Nationalität ihrer Gäste befindet. Keine Angst. Diese Leute sind geschult im Umgang mit der Befindlichkeit Kurzzeitentwurzelter. Man darf ihnen gegenüber durchaus ehrlich sein, ja wird dafür mit Diskretion belohnt. Alle anderen darf und soll man täuschen, schon aus Eigenschutz. Wer sollte man also nicht sein, beziehungsweise wofür sollte man nicht gehalten werden? Keineswegs wolle man in Gesprächen die starken Idiome Kärntens, der Steiermark oder Oberösterreichs durchscheinen lassen. Auch derbes Grazerisch und breites Wienerisch wären tunlichst zu vermeiden. Das Deutscheln (umgangssprachlich pieffkenieseln genannt) lässt sich kaum erfolgreich verhindern. Es lässt sich aber dämpfen. Etwa durch tunliches Leise- und Langsamsprechen. Mitteleuropäische Sprachbegabung vorausgesetzt, wäre als Idealposition dialektaler Verstellkunst ein Grafbobbyidiom anzusehen, wie es von Gregor von Rezzori selig oder Lotte Tobisch bekannt ist. Selbst bei falscher Ausführung wird man Sie für Senffabrikantenkinder oder Sprösslinge aus verarmtem russischem Großfürstenhaus halten. Auch eine Herkunft aus Santa Monica, der Upper Westside oder Washington Heights wird man Ihnen jederzeit gerne abnehmen. Wenn Sie eine Faible für Übertreibungen haben, rufen Sie den inneren André Heller auf, er wird Sie als Eleganz aus Hietzing ausweisen. Obacht ist dennoch angebracht. Radebrechen Sie nie italienisch! Radebrechen Sie deutsch! Eine italienische Färbung Ihrer Aussprache wird Ihnen jede Ehre machen. Auch die Einheimischen können Sie so besser verstehen. Geizen Sie nicht mit dem Ausrufen “Brachtvohl!” und “Grossahtig!” Und prägen Sie sich für Dankesdiskurse einen Satz aus Gold ein: “Molto gentile, carissimo/carissima!” www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

28. Juni 2014 (0) Comments

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