Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Rede und Anrede

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 48/2014

Liebe, sehr geehrte Frau Andrea!

In dieser Anrede steckt schon meine Frage: “Liebe...” ist ja doch etwas intim, wir kennen uns ja gar nicht. “Sehr geehrte...” ist reichlich förmlich, wir sind ja nicht beim Finanzamt. Bei vielen Briefen, die geschrieben werden wollen, stehe ich vor diesem Problem. Gibt’s da noch irgendwas dazwischen? Hülfe es, in eine andere Sprache auszuweichen?

Mit Dank und Grüßen,
Brigitte Guschlbauer, Mödling

Liebe Brigitte,

zu den Herausforderungen postmoderner Kommunikation gehört die Einschätzung von Distanzen. Wer ist wer zu mir, wie spreche ich an und wie lasse ich mich ansprechen. Nicht leicht in Zeiten von IKEA-Du und öffentlichen Handyphonaten. In den hierarchischen Gesellschaften unserer Eltern und Großeltern war das Feld der Andrede noch einigermassen bestellt. Nach oben wurde gesiezt, nach unten geduzt, protokollarische Nähe verleitete zum Du, Ferne und Ungewissheit zum Sie. Die Anrede in Briefen folgte diesen Usancen. Sie sollte vor Vertiefung in den Inhalt sicherstellen, dass die Richtigen zur Lektüre eingeladen wurden. Die Anredeformel setzte in größtmöglicher Kürze auch den Ton des Schreibens fest. Von der reichen Palette an Förmlichkeiten und Direktheiten ist im Deutschen nur mehr die Polarität “Liebe, Lieber” versus “Sehr geehrte, sehr geehrter” übriggeblieben. Schon “geehrte” oder “werte” Angeschriebene gibt es kaum mehr, auch wenig Exzellenzen, Magnifizenzen, Hoch- und Wohlgeborene, Durchlauchten, Hoheiten und Majestäten. Dero Heiligkeiten gibt es nur ganz wenige. Wie also ansprechen? Im Freundlichkeitsfalle immer so, wie der/die Angesprochene angesprochen werden möchte. Ein Ratespiel, gewiß! Aber liegt hierin nicht auch Raum für unbewusste Botschaften? In Liebes- und Zornesdingen sprechen Sie an, wie ihr Herz befiehlt. Törichter! Angebete! Gebieterin! Schändlicher! Oida! Bei fremdsprachigen Liebesbezichtigungen gilt die Regel: Je romanischer, desto besser - lateinisch nur für Kundige. Poesie behielten wir nur Eingeweihten und Rätselfreunden vor. Kurz zur Adressierpolitik in dieser Kolumne: Die Floskel “Liebe Frau Andrea, ...” und das Hamburger Sie inszenieren in satirischer Weise eine Anrede-Kultur in der Tradition viktorianischer Kummerkolumnen. Bam! www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

23. November 2014 (0) Comments

Asiatische Atemschutzmaskerade

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 47/2014

Liebe Frau Andrea,

in den letzten Tagen sind mir in Wien verstärkt Asiaten mit Einweg-Atemschutzmasken aufgefallen. Das Tragen von Masken dieser Art mag an der Zeit liegen – wir denken an die beginnende Grippezeit, an Ebola, an den Trend zu Gesichts-Schönheits-OPs, an Halloween und den bevorstehenden Faschingsbeginn. Ich glaube nicht, dass alle der von mir gesichteten Personen aus dem feinstaubbelasteten Peking kommen. Warum also gerade Asiaten mit Masken und warum in Wien? Ihre Weisheit ist gefragt!

Bleiben Sie gesund!
Herzlichst, Martin Paul Dvorak

Lieber Martin,

Ihre Wünsche erreichen mich zu spät, ich habe seit dem Sommer an zwei unterschiedlichen Grippewellen teilgenommen und auch eine bakterielle Entzündung der oberen Atemwege hinter mich gebracht. Zur Sache. Als Stadt der Faschings- vulgo Karnevalsmasken darf Venedig gelten. In der Stadt ohne Straßen können wir immer wieder das Modell eine Larve entdecken, die fälschlicherweise als Verkleidungsutensil zum Einsatz kommt: Die Vogelmaske der Pestärzte. In deren spassiger Renaissance verbinden sich alle von ihnen erwähnten Motive des Tragens eines Gesichtsschutzes - die Schönheitsoperation mal ausgenommen. Die von Ihnen reportierten Sichtungen von Touristen aus Asien korreliert mit der Beliebtheit Wiens als Reisedestination - Schutzmasken tragende Ostasiaten begegnen uns auch in Prag, Berlin, London oder Paris. Das Mem maskentragender tokiotischer U-Bahn-Passagiere oder jenes von Radfahrern in chinesischen Millionenstädten befördert die Idee vom gesichtsschutzbedürftigen Asiaten. Vorherrschend ist hier der Gedanke, die Maske schütze neben dem Angehustetwerden vor Smog und Feinstaub. Warum also Masken in Wien, das dank vorherrschend starker Winde aus dem waldigen Westen als Weltstadt mit bester Luft gelten kann? Nun, Atemschutzmasken schützen nicht nur die Tragenden sondern auch deren Umgebung. Hilfreich ist dabei das Bild der Chirurgen, deren Atemschutz sie vorrangig nicht vor den Keimen der Patienten sondern ganz umgekehrt, diese vor jenen der Operateure schützt. Japaner, Koreaner, Thailänder und Chinesen schützen einander vor Ansteckung, nicht sich. Im Lichte gesundheitspolitischer Solidarität ist dies ein schöner Gedanke. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

16. November 2014 (0) Comments

Gif der Woche #1

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12. November 2014 (0) Comments

Franziskusaudienz im Höllenkrater

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 46/2014

Liebe Frau Andrea,

2013 widmete die Presse dem neu gewählten Papst Franziskus einen Artikel: “Papst ohne Pomp?” Herrlich verstörend war der Text mit einem Bild illustriert, das Franziskus ganz klein vor einer riesigen Skulptur zeigt, er weiß gekleidet, die Skulptur riesig, schwarz und - ja, was eigentlich darstellend? Verschlungene Schlangen, die in einem hundsköpfigen Höllenfürsten gipfeln? Das Fegefeuer, die Hölle? Wieso sitzt der neue Papst vor dieser Skulptur? Und wo steht sie (Buenos Aires?) Wer hat sie erbaut? Das Bild hängt immer noch in unserer Küche, Bitte um Aufklärung!

Liebe Grüße, Gregor Birkhan, per Email


Lieber Gregor,

das herrlich verstörende an dieser Kolumne liegt in ihrer Unillustriertheit. Wir können uns hier nur der Sprache bedienen. Das von Ihnen vorgelegte, hochsymmetrische Bild zeigt vor enormer Kulisse neben Sparpapst Franziskus und zwei klerikalen Trabanten auch zwei grellkostümierte Landsknechte. Die Schweizergardisten verweisen auf den Ort, an dem wir uns befinden: Der Vatikan in Rom und ebendort die vatikanische Audienzhalle, nach ihrer Funktion als “Aula delle Udienze Pontificie“ und nach ihrem Bauherrn als “Aula Paolo VI“ bekannt. Die mächtige Einfunktionshalle aus Stahlbeton wurde 1971 vom italienischen Architekten Pier Luigi Nervi errichtet. Das Fassungsvermögen der Halle (sie liegt zum Teil auf extraterritorialem, nämlich italienischem Staatsgebiet) ist enorm. Bei jenen päpstlichen Mittwochmorgen-Generalaudienzen, die nicht am Petersplatz stattfinden, finden unter ihrer sanft geschwungenen, parabolisch gewölbten Decke 6327 Personen einen Sitzplatz. Stehend könnten bis zu 25.000 Besucher an einer Generalaudienz des Nachfolgers Petri teilnehmen. Als Bühnenbild dient der Audienzhalle seit 1975 eine hypertrophe Metallskulptur von enormen Ausmassen und ausgesuchter Hässlichkeit: Aus 40 Tonnen Bronze und Messing schuf der italienischen Bildhauer Pericle Fazzini auf 21 Metern Breite, sieben Meter Höhe und drei Metern Tiefe ein grausames Gußmetallgestrüpp mit dem Titel “La Resurrezione”. Das Kunstwerk stellt die Auferstehung Jesu dar, der sich aus dem Krater einer nuklearen Explosion erhebt. Die Arbeit an der monströsen Visualiserung katholischer Ängste dauerte sieben Jahre. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

9. November 2014 (0) Comments

Ufersam - Wien und Budapest

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 45/2014

Liebe Frau Andrea,

mein Vater (Neurobiologe) behauptet, die Ortsnamen Wien und Budapest bedeuten das gleiche, nur wisse das keiner. Meine Mutter (Psychoanalytikerin) hält dem entgegen, zweiteres stimme, ersteres hätte er gerne. Welcher Lehrmeinung soll ich (Physiker) mich anschließen?

Beste Grüsse sendet Leonhard Hofstädter,
1030 Wien, per Mail


Lieber Leonhard,

klären wir zunächst die Herkunft des Ortsnamen von Wien. Nach gängiger Etymologie stammt der vom Fluss Wien. Dieser wiederum soll eine Verschleifung des keltischen “Vedunia” (Waldbach) sein. Der römische Name Wiens, Vindobona, kommt ebenfalls aus dem Keltischen - er bedeutet soviel wie Weisser (vindo) Berg (bona). Im Namen Wien (wienerisch: Wean) hat er aber sprachlich keine Spur hinterlassen. Begeben wir uns flussabwärts. Der Name Budapest entstand 1873 mit der Vereinigung der Stadtteile Buda und Pest, westlich und östlich der Donau. Deren sprachliche Ursprünge sind einigermassen obskur. Schon im Mittelalter leitete man den Namen der Siedlung auf und um den Burgberg von Bleda (Buda) ab, so der Name des Bruders von Hunnenkönig Attila. Eine alternative Etymologie schlägt vor, in Buda das slawische “voda”(Wasser) zu sehen, die Übersetzung der römischen Siedlung Aquincum. Für Pest gibt es einen Anknüpfungspunkt im Namen einer römerzeitlichen Festung, die Ptolemäus als “Pession” bezeichnete. Nach anderer Theorie kommt “Pest” (ungarisch Pescht ausgesprochen) entweder vom slawischen “Peschera” für Höhle oder von “Petsch”, soviel wie Ofen. Man vermutet, dass dieses Wort über Bulgarisch pešt (Pescht) ins Ungarische gekommen ist, es gehört zur gut bezeugten slawischen Wortfamilie "backen, braten". Ofen war nun auch die deutsche Bezeichnung von Pest, was dieser Version einiges, wenn auch nicht sämtliches Gewicht verleiht. Was hat das nun mit Wien zu tun? In den meisten slawischen Sprachen heisst die Bundeshauptsatdt von Schnitzelland Beč (Bedsch). Die Bezeichnung kommt aus dem Ungarischen, wo Wien seit den Zeiten der magyarischen Herrschaft im 9. und 10. Jahrhundert Bécs (Bedsch), soviel wie Steilufer heißt. Nicht undenkbar, dass ihr Vater recht hat und Bedsch (Wien) und Beschd (Pest) das gleiche bedeuten. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

2. November 2014 (0) Comments

Halloween

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 1.11.2014.

Die Toten sind los. Genau genommen sind die Toten natürlich weiterhin tot. Los sind die Lebenden. Aber auch das ist keine gute Nachricht. Gewandet in Moderlumpen, geschminkt wie Verwesende wanken die Untoten durch einen nur scheinbar modernen Kult: Halloween. Im traditionellen Verständnis der heimischen Feiertagskultur gilt der Allerheiligentag der Besinnung und Einkehr. Die Gräber der Lieben werden besucht, mit Blümchen und Kerzen geschmückt und mit der einen oder anderen Träne getränkt. Es ist kalt und grau und genau das ist auch der Grund für den Grabbesuch. Noch vor dem ersten Schnee muss Nachschau gehalten werden, ob die Toten noch in den Gräbern liegen. Die Kirche und ihre säkularen Echos haben aus dem Kontrollbesuch zum Ende der Vegetationsperiode eine depressiv gestimmte Besinnungsfeier gemacht. Mitgebrachtes wie Blümchen und Kerzen aber ist Erinnerung an ein Festmahl, das östlichere und südlichere Gesellschaften noch gut kennen. Sie pflegen bis heute das gemeinsame Essen der Lebenden mit den Toten. Das uralte Ritual geschieht nicht ohne Eigennutz. Indem den Toten Essen und Trinken mitgebracht wird, sollen diese vom Besuch im Reich der Lebenden abgehalten werden. Die Toten sollen in der Erde bleiben und dort satt weitermodern. In Zeiten vor diesen grub man die Toten tatsächlich noch einmal aus und brach ihnen die Knochen. Diese Zusammenhänge liegen nur lose unter der dicken Decke des Vergessens. Zumindest in Schnitzelland sind die lebenden Toten täglich unterwegs. Auch jenseits des anglosächsich-keltischen Kostümfest-Imports Halloween. Ideen, die sich wo anders schon in den Kräften der Zersetzung verloren haben, spuken bei uns herum, als wären sie frisch aus dem Grab gestiegen. Dieser Schein einer zombiehaft auferstandenen Ideenarmee aber trügt. Die untoten Konzepte waren nie tot. Man hat sie nur scheinbeerdigt. Wie sagt das Märchen? Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Tot indes, sind in Österreich nur die Lebenden.

31. Oktober 2014 (0) Comments

Elegisches aus dem Rettichraum

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 44/2014

Liebe Frau Andrea,

beim häuslichen Ordnungsmachen ist mir eine alte Schallplatte mit Herwig Seeböcks legendärer “Häfenelegie“ in die Hände gefallen. Dort lernen wir, dass im Gefängnis vulgo “Häf’n” das WC “Rettich“ heißt! Wiederholt hatte man Seeböck zu verstehen gegeben, er solle sich in dasselbe, nämlich “in den Rettich hauen”. Wie ist das WC im Gefängnis zu diesem Namen gekommen? Vielen Dank für eine entsprechende Aufklärung!

Liebe Grüsse sendet
Hans Linzer, 1230 Wien, per Mail


Lieber Hans,

im legendären, 1965 uraufgeführten autobiographischen Theatermonolog "Die grosse Häfenelegie" verarbeitet Seeböck seine Erlebnisse in einem österreichischen Gefängnis. Der Maler, Schauspieler und Kabarettist war beim Fensterln in einem Heurigenlokal, insgesamt einer harmlosen, aber “bsoffenen Gschicht”, irrtümlich für einen Einbrecher gehalten worden. Wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt während der Amtshandlung wurde er zu einigen Monaten Bau verdonnert. Das im Gefängnis kompilierte Stück konserviert eine Vielzahl von gaunersprachlichen Ausdrücken aus der Halb- und Unterwelt. In über dreitausend Aufführungen des Textes und besagter Schallplatteneinspielung sind einige Begriffe in die bürgerliche Vokabelwelt übergetreten. Zunächst bezeichnet “Rettich” (lateinisch raphanus, von radix für Wurzel) die rübenförmige Wurzel einer krautigen Pflanze aus der Familie der Kreuzblütengewächse. Bei Besuchern des Wiener Biergartens Schweizerhaus steht die weisse Wurzel, wienweit “Radi” genannt, in hohem Ansehen. Man irrte, suchte man in Trichterform und Kanalanbindung des Gefängnisklos Verwandtschaft mit der tiefsteckenden Wurzel. Kommt doch die Bezeichnung Rettich für den Abtritt aus gänzlich anderer Richtung. Nach geltender Lehrmeinung der Sprachforscher ist Rettich aus Rediarád bzw. Rediaré verschliffen worden, einem heute nicht mehr geläufigen, eleganten Ausdruck für das Klosett. Im ersten Fall kommt es vom französischen retirade (Zufluchtsort), im anderen vom damit verwandten retiré (zurückgezogen). Die sarkastische Qualität der Vokabel (der freistehende Gefängnislokus ist alles andere als ein Zufluchtsort) verbindet sich hier mit der olafaktorischen Qualität, die Urin und Wurzel teilen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

26. Oktober 2014 (0) Comments

Saunasaisonstart

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.10.2014.

Österreich und die Länder Skandinaviens sind auf vielfältige Weise miteinander verbunden. Die Eckpfeiler dieser Beziehung ragen exemplarisch heraus. So die politische Imprägnierung des Landes mit der Idee des Wohlfahrtsstaates. Dessen Protagonist, der spätere Staatsvertragsverhandler und noch spätere Sonnenkönig Bruno Kreisky hat die Nazizeit im Exil in Schweden überlebt. Im Dreikronenland lernte er nicht nur Knäckebröd und Köttbullar kennen, sondern auch seine Frau Vera Fürth und die sozialdemokratischen Mitmusketiere Willy Brandt und Olof Palme. Schicksalhaft skandinavischen Ursprungs ist auch das nationale Identitätsutensil Österreichs. Die Brettln, die in Österreich die Welt bedeuten, kommen weder aus Tirol noch aus dem Ländle und auch nicht aus den Salzburger Gauen. Schi und Schifahren hat Österreich aus Norwegen importiert. (Nachdem reiche Briten in der Schweiz das Hangabfahren auf Telemarkbrettern als winterliche Belustigung etabliert hatten). Konsequenterweise hat sich die heimische Inkoporationsindustrie nach weiteren Scandinavica umgesehen. Sie wurde in Finnland fündig. Das dort seit der Steinzeit praktizierte Aufsuchen einer Schwitzhütte fand in den goldenen Siebzigerjahren den Weg nach Schnitzelland und wurde hier kulturell überformt und technisch adaptiert. Die Nacktheit (ein Identitätsmerkmal der weitgehend egalitären nordischen Gesellschaften) wurde in Maßen beibehalten und um die Modeirrtümer “Saunakittel” und “Saunierschlapfen” erweitert. Die finnischerseits fest mit dem Saunaerlebnis verbundene Peitschmassage mit Birkenzweigen hat hingegen keinen Weg in die österreichische Heissluft-Badekultur gefunden. Zwar gibt es auch in finnischen Saunas den schweisstreibenden Vorgang des Aufgusses, die Infusion von “Saunaöl” oder heimischen Hallihallo-Substanzen wie Wodka, Enzianschnaps oder Zirbenlikör in den Aufgusszuber aber wäre undenkbar. Gänzlich verpönt wäre bei den Erfindern des Saunierens das Verwedeln des Aufgussdampfes mit Handtüchern und Lendenschurzen. Diese Sitte, man sei dessen stets eingedenk, ist eine genuin russische.

20. Oktober 2014 (0) Comments

Kaiser, Kaser, Schmer und Schmarren

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 43/2014

Liebe Frau Andrea,

ich bin zu später Stunde mit meinen Mitbewohnern über der Frage nach der Herkunft des Kaiserschmarren in Streit geraten. Die eine Fraktion von uns behauptet, er sei nach Kaiser Franz Joseph benannt, die andere (zu der ich gehöre), der Name beziehe sich nicht auf eine bestimmte Person, sondern auf die Vorzüglichkeit der Speise. So wie Kaiserwetter auf einen schönen Tag. Wer hat denn nun Recht?

Liebe Grüße aus Zehnvierzig,
Moritz Fischler-Penz, per Mail


Lieber Moritz,

Monarchisten und Heimatverklärer rücken die Entstehung der üppigen Teigspeise in die unmittelbare Nähe Kaiser Franz Josephs. Sie kolportieren die Legende, der gerissene Omlettenhaufen sei dem Kaiser bei einem seiner Jagdausflüge im Salzkammergut vorgesetzt worden sein. Einen simplen Holzfällerschmarren hätte man bei dieser Gelegenheit ihm zu Ehren mit guten Zutaten wie Milch, Rosinen, Eiern, Rum und Staubzucker verfeinert. So sei aus einem derben Waldarbeitergericht der vornehme Kaiserschmarren geworden. Andere Legenden wollen im Kaiserschmarrn eine Wortschöpfung kaisertreuer Landsleute sehen, die besonders beliebten und daher besonders vielen Grundgerichten ihrer Küche die Monarchensilbe voranstellte. So kennt die österreichische Küche den Kaiserauszug (Mehl der besten Qualität), das Kaiserfleisch (geräucherte Schweinebrust), den Kaiserg'spritzten (Mostschorle mit Hollunderblütensirup), das Kaisergulasch (eine Kalbfleischvariante mit Kapern), die Kaisermelange (Mokka mit Eigelb und Cognac), das Kaiserschnitzel (Kalbsnuss mit gehackten Sardellen, Kapern und Zitronensaft) und die Kaisersemmel. Tatsächlich ist der Kaiser-Schmarren der Kaser-Schmarren, der Schmarren der Kaser, der hochalpinen Käsemacher. Sprachlich hat der Schmarren oder Schmarrn seine Herkunft im Schmer, im Fettbrei. Gelte zu klären, wo es den besten Kaser-/Kaiser-Schmarren des Landes gibt. Easypeasy. Nirgendwo hat die Autorin dieser Zeilen je besseren Ka(i)serschmarren gegessen als bei Heli König auf der Loserhütte ob Altaussee. Liegt es an der würzig-kalkigen Luft des Loserberges, an den Nebelschwaden, die vom Altausseersee heraufziehen, oder geben die Augstalm-Kühe auf 1540 Meter andere Milch? Dieses Rätsel müssen wir noch klären. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

19. Oktober 2014 (0) Comments

Montag 20.10. 19h, Funkhaus Wien ::: Social Media ::: Ehalt, Herwig, Dusl

Podiumsgespräch mit
Mag. Dr. Andrea Maria Dusl
Jana Herwig, M.A.

Moderation: Univ.-Prof. Dr. Hubert-Christian Ehalt

Montag, 20. Oktober 2014
19 Uhr
ORF RadioKulturhaus
Großer Sendesaal
4., Argentinierstraße 30a

Anmeldung: +43 1 501 70 377
Info: www.wien.gv.at


"Geize nicht mit der Publikation von Sonnenuntergängen, lautet der Rat an den Facebook-Novizen, nicht mit der Veröffentlichung deiner braungebrannten Fußspitzen vor dem Weltmeer oder der frisch gebackenen Spinatlasagne im selbstgekneteten Römertopf. Sei ganz Künstlerin, ganz Künstler, schieb den Facebook-Deinen rüber, wenn du am Weltschmerz leidest, an einem logorrhoischem Schub oder dich eins fühlst mit dem Universum. Auf einschlägigen Seiten - Gleichgesinnte posten sie täglich - gibt es zu jeder Seelenbefindlichkeit einen passenden Konfuzius-Spruch. Schreibe den nicht bloß hin, sondern mach daraus ein Bild. Ein Schriftbild. Deine Freundinnen und Freunde werden es dir danken und die Erkenntnis zum Tag mit ihresgleichen teilen. Andrea Maria Dusl

16. Oktober 2014 (0) Comments

Produkte für die Wutoma

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.10.2014.

Schnitzelland hat eine neue Identifikationsfigur: Die Wutoma. Die zornige Weisshaarige im Sonntagsdirndl füllt jene Lücke, die Kleinkunstmime Düringer und Knopferlharmoniker Gaballier durch Präsenzpermanenz erst geschaffen haben - die ältere Dame aus höhergelegenem Hause mit tiefsitzendem Groll. Wurde das Genre der Wutbürgerei traditionell von testosteronbefeuerten Bühnenprofis ausgefüllt, gibt es momentan Konjunktur für die wütende ältere Frau aus dem Volk. Mit dem Aufstieg der Rauriser Altwirtin - Frieda Nagl betrieb vor der Überantwortung der Geschäfte an die zornige Tochter das launig-lauschige Hotel Alpenrose - ändert sich auch das Paradigma im Wutgeschäft. Bisher nährte sich das Zürnen weitgehend aus privatem Quell. Die Aufregung war allgemeiner Natur (Düringer) oder spezieller (Gabalier). Sie galt dem dumpfen Aufschrei gegen die Obrigkeit und dem schrillen Wettern gegen die Korrektheit. Wutoma Nagl hingegen betritt ein neues Feld. Ihr Unmut speist sich aus geschäftlichem Ungemach. Der Alpenhotelerie werde zuviel in die Töpfe geschaut, heisst es, den Gastrobauern gehe es ans Eingemachte. Der Staat mische sich zuviel ein, lautet der Ruf. Sackle die Besitzenden aus und bediene die Armen. Das hörten Volk und Krone und beide riefen nach mehr. Die Wutoma setzte sich vors Tonband, der Ghostwriter steisste ein Buch. Im grössten Kleinformat der Welt bespielt Frieda Nagl jetzt die Ressentimentkolumne. Oder lässt spielen. Dabei ist das alles nicht so neu. Neu ist die handelnden Person. Das Genre des tobenden, aber geschäftemachenden Regierungskritikers hatte einst der Wutjörg ins Leben gerufen und zu bitterer Blüte gebracht. Man muss nicht bis in die Zeiten der Bauernkriege und der tristen Geschichte des österreichischen Protestantsmus gehen, aber man kann und man soll, um zu verstehen, das die Decke der Gemütlichkeit eine nur dünne ist. Ebenfalls alt ist der Schrei nach Gerechtigkeit. Ihn stossen jene besonders gerne aus, denen das Schicksal verlässlich gut mitgespielt hat. Das Boot ist voll, kreischen die Wutösterreicher, auch wenn sie mitten auf der Alm stehen.

13. Oktober 2014 (0) Comments

Google Dir mal den Chemtrail

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 42/2014

Liebe Frau Andrea,

vermehrt entdecke ich in der Stadt die handschriftliche Aufforderung "Google Chemtrails". Es steht auf Plakaten, an Häuserwänden, Elektrokästen. Aber ich werde den Teufel tun, und googeln. Ich frage lieber Sie. Wissen Sie Bescheid?

Grüße aus Elfhundert,
Phillip Feyerl, per Mail

Lieber Phillip,

zunächst darf ich Ihre Sichtungen zu den besagten Graffti bestätigen. Die meisten davon wurden mit dickem schwarzem Filzstift oder farbiger Fettkreide appliziert. Auch stammen sie augenscheinlich nicht aus gleicher Hand. Ihre Evidenz ist auch nicht auf Wien beschränkt, auch im slowenischen Maribor gibt es Aufforderer - dort allerdings wird der Slogan gesprayt. Es scheint also mehr als eine Person im öffentlichen Raum mit der Verbreitung der Aufforderung beschäftigt zu sein. Das deckt sich mit der Wahrnehmung einer wachsenden Zahl von Webseiten, die sich unter Zuspruch einer besorgten Community von Postern mit dem Phänomen “Chemtrails” beschäftigt. Damit werden Kondensstreifen malefiziert, die in zunehmender Zahl am Himmel geortet werden. Bedenkenswert ist den Chemtrail-Observanten die Häufung der parallelen Abgaswolken, ganz böse ist das netzartige Überkreuzen der Jet-Streifen. Im Rahmen der Verschörungstheorie, die den Chemtrail-Geängstigten am Herzen liegt, werden hier von geheimen Mächten (der US-Regierung, den Bilderbergern, den Illuminaten, den Freimaureren, den Protagonisten der Einführung einer New-World-Order) Chemikalien in den Himmel gesprüht. Wahlweise soll damit das Wetter durch Regeninduktion manipuliert, die Erderwärmung durch Verwolkung hintertrieben, das Trinkwasser vergiftet, die Landwirtschaft monsantofiziert, die Zeugungsfähigkeit der Bevölkerung reduziert und (ganz ganz böse): die Gehirne Betroffener manipuliert werden. Im Rahmen verschwörungstheoretischer Wirkmechanismen verhallen alle Beteuerungen der Wissenschaft, es gäbe auch nur ansatzweise Grund für die angeführten Befürchtungen. Aber sagen Sie das mal einem Paranoiker: Er gäbe keinen Anlass für Paranoia. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

12. Oktober 2014 (0) Comments

Bundesheer federleicht

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 11.10.2014.

Österreich ist ein Land der Pragmatik. Im Zuge dieser privaten wie öffentlichen Verwaltungstaktik geschieht laufend Unversehenes. Ja Österreich selbst ist Produkt normativer (aber gänzlich zufälliger) Faktenlagen. Seine Existenz wurde nicht durch Revolutionen, sondern durch Heirat und Zusammenbruch hervorgerufen. Herbeigeflüstert möchte man sagen. Es ist nur konsequent, daß sich die Verteidigung des Landes nachhaltig in den Dienst der realen Landesverfassung stellt. Diese ist zwar nirgendwo aufgeschrieben, aber überall verankert. Nach Qualtinger ist die einzige Nation, zu der sich Österreich nachhaltig bekennt, die Resignation. Sie ist eine profunde Handlungsanweisung. Jene zum Nichthandeln nämlich. Das Volk hat entschieden, das Bundesheer in Volkes Hand zu belassen, von einer Professionalisierung der Armee hat der Souverän abgesehen. Alles blieb, wie es war, dies aber deutlicher.

Man muss die kontroversenreiche Entscheidung zur Beibehaltung des Status Quo in die richtigen Zusammenhänge stellen: Es gibt in Schnitzelland keine Erinnerung an funktionierendes Militär. Feldzüge, Schlachten und Kriege endeten zuletzt stets in Desastern. Die Österreicher sind kein Heldenvolk. Sie wollen es gemütlich. Man sollte dies nicht unterschätzen. Gemütlichkeit ist eine böse Waffe. Das Nichtfunktionieren der Armee die beste Versicherung, niemals in kriegerische Auseinandersetzungen zu geraten. Die Helvetisierung des Landes, sie wird immer wieder eingemahnt, scheiterte an der bitteren Erinnerung an Tod und Verzweiflung. Zwei Weltkriege - von den Österreichern Habsburg, Franz Josef und Hitler, Adolf in Auftrag gegeben - reichen als Erfahrung. Der Verteidigungsminister hat dies klug erkannt und militärisch die Liechtensteinisierung des Landes eingeleitet. Hilfreich war in diesem Zusammenhang der Ankauf schadhaften, sündteuren und zunehmend flugunfähigen Großgeräts. Die Selbstverzwergung Österreichs ist auch in militärischer Hinsicht erfolgreich abgeschlossen.

11. Oktober 2014 (0) Comments

Zwischen Bankert und Pamperletsch

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 41/2014

Liebe Frau Andrea,

letztens habe ich im Fortgehtreff Anzengruber ein Wort aufgeschnappt, das meine Wienerisch-Experten am Tisch seit Urzeiten nicht mehr gehört haben wollen. Leider hab ich keine Ahnung mehr, in welchem Zusammenhang das Wort fiel. Was genau ist ein “Pamperletsch?
 
Besten Dank für die Aufklärung und liebe Grüße!
Bettina Nachbaur-Köb, Feldkirch und Ottakring, per Email


Liebe Bettina,

das Wienerische ist ein Schmelztiegel von Mentalitäten und Sprachen. Tschechisches hat sich hier mit Allemannischem vermischt, Ungarisches mit Süddeutschem, Rumänisches mit Polnischem und Italienisches mit Jiddischem. Die Kombinationen sind vielfältig, die Zahl der Amalgame groß. Bringen wir Dunkel in ihren Nachtcafé-Fund. Als Båmpaledsch (etwas wackelig als Pamperletsch eingedeutscht) versteht man in der Schnitzelstadt ein Kleinkind. Die Bedeutungsfarbe des Ausdrucks oszilliert zwischen lieb-entzückend und lästig-ungezogen. Trotz der slawischen Anmutung des Wortes lassen sich zwei Herkunftsstränge völlig unterschiedlicher etymologischer Richtung ausmachen. So soll der Båmpaledsch nach Lehrmeinung der Einen eine Weiterbildung zum bairisch-österreichischen Båmpa sein, das (mit vielen Nebenbedeutungen) ein kleines rundes Ding bezeichnet. Als Bampal (ohne “å”) verstehen die Sprecher des alten Wienerisch die Kinderei, das dumme Zeug, den groben Unfug und (trotz Verkleinerungsform) auch einen ausgewachsenen, täppischen, dummen Kerl. Mit tschechischklingenden Anhängsel und unter Einwirkung der Vokabel ledschad (weich, nachgiebig) wurde aus dem Mundartwort Bampal der multilingual schillernde Båmpaledsch. Es geht aber auch einfacher. Nach anderer Theorie kommt unser Ausdruck vom italienischen bamboleccio, der dialektalen Verkleinerung von bambino (Kind). Die Italienerin in mir präferiert diese Deutung. Sollte ihnen die Conclusio zu unserer Causa zu romanisch sein, dürfen sie eigenen und fremden Fortpflanz auch als Budsal (Putzerl), Budse (Putzi), Frotss (Fratz), Boig (Balg), Rodsbippm (Rotzpippe) Bauksal oder Gfrasd bezeichnen. Weniger romantisch geht es auch. Mit dem derben Ausdruck Baungad (Bankert, vom mittelhochdeutschen Banchart) bezeichnet der Wienermund das auf der Bank der Dienstmagd gezeugte uneheliche Kind. Bussi. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

5. Oktober 2014 (0) Comments

Pillen für den Herbst

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 4.10.2014.

In der ersten Publikation meiner Schullaufbahn, dem ”Lesebuch für kleine Leute” nimmt der Herbst eine tragende Rolle ein. 1966 war das, ein knappes Jährchen vor dem Summer of Love. Erzähltechnisch befinden wir uns noch in der Nachkriegszeit. Das Lesebuch bildet einen idealisierten Herbst in der heimatlichen Großstadt ab, niemand hustet, niemand schnupft, kein Lichtverlust trübt das Seelenwetter. Alle Lachen sich den Herbst schön, sogar der Obsthändler, der ungehobelte Obstkisten voll pampiger Zwetschgen auf seinen klapprigen Leiterwagen hievt. Unterm Apfelbaum gehts lustig weiter. Unter Anleitung des männlichen Familienvorstands werden rotbackige Äpfel vom Baum gedreht. Uneingedenk der Tatsache, dass Wiener Kinder vieles hatten, aber gewiss keinen Familien-Obstbaum. Den Autoren des Lesebuchs war das bekannt, weshalb sie auch den tatsächlichen Herbstbaum der Stadt in den Fokus der Ernteberichterstattung rückten: Den Kastanienbaum. Dessen Früchte, von stacheliger Schale beschützt, hatten keinerlei offiziellen Nutzen, sie taugten nur zur Herstellung von zündholzbeinigen Phantasietieren. Trotzdem wurde hier geerntet, was die Körbe aufnahmen. Wind und Wetter im Lesebuchherbst werden zu leuchtendgelben Erzählungen fliegende Laubes und fortrollender Hüte ausgewalzt. Ein klappriger Greis mit Stock wird vom Herbststurm durch den Park geschmissen. Heissa, auch die Alten haben’s schön! Sonntags geht es munter weiter durch den Herbst des Jahres 1966. Der Vater, ein Gutausseher mit Kreppsohlen und James-Bond-Sakko lässt zum Gaudium seines schulpflichtigen Nachwuchses einen gelbgesichtigen Drachen steigen, dessen Frisur (zwei abstehende Riesenquasten) jene eines späteren Landeshauptmanns vorwegnimmt. Sogar die Unbilden herbstlicher Regenstürme sind schulbuchseits so lustig wie eine Karusselfahrt. Nasse Beine und umgestülpte Regenschirme künden von Abenteuer und nicht von Grippe. Hund “Tim” springt durch Pfützen aus Mineralwasser. Nur Mama und Oma arbeiten hart. Die eine steht am Herd und rührt Einbrenn, die andere sitzt im Lehnstuhl und strickt sich eine Weste gegen das Zipperlein.

4. Oktober 2014 (0) Comments

Kleinster gemeinsamer Nenner

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 40/2014

Liebe Frau Andrea,

immer wieder höre und lese ich vom "kleinsten gemeinsamen Nenner", den Politiker oft untereinander suchen. Mich persönlich interessiert aber nur der "größte gemeinsame Nenner", also das größtmöglich Gemeinsame, auf das man sich noch einigen kann. Der "kleinste gemeinsame Nenner" wäre ohnehin unendlich klein. Haben Politiker und Journalisten den Mut verloren auf der Suche nach dem "größten" Nenner - oder können sie einfach nicht mehr rechnen?
 
Mathematische Grüße!
Josef Dollinger, Wien 7 (Primzahl), per Email


Lieber Josef,

ein geläufiges Beispiel der Darstellung ökonomischer Verhältnisse und Vorgänge ist der Gebrauch von Metaphern aus der bäuerlichen Sprache. Felder werden bestellt, Ernte eingefahren, Richtige oder Falsche sitzen an den Futtertrögen, Ställe werden ausgemistet, Sümpfe und saure Wiesen trockengelegt, Ökonomie wird als Zyklengezuckel fetter und magerer Jahre dargestellt. Mit weniger Erfolg werden Sinnbilder aus der Mathematik in Stellung gebracht, um politische Prozesse und deren Ergebnisse darzustellen. Das von Ihnen angeführte Beispiel des "kleinste gemeinsamen Nenners" bezeichnet für gewöhnlich eine politische Lösung (Nenner), bei der die Ansprüche aller Beteiligten berücksichtigt werden. Der Hinweis auf das Gemeinsame wird dabei als das Positive gesehen, jener auf das Kleinste gilt als Verweis auf die enttäuschende (aber gerade noch erzielbare) Qualität des Verhandlungsergebnisses. In mathematischer Hinsicht wird diese Metapher unzureichend verwendet, weil ja der Nenner, also jene Zahl, die unter dem Bruchstrich steht, wenig über das Ergebnis aussagt. Dazu müsste auch der Zähler, also die Zahl über dem Bruchstrich bekannt sein. Je grösser dieser im Verhältnis zum Nenner, desto grösser (sprich: besser) das Ergebnis. Als Metapher für die hohe Qualität einer erzielten Lösung empfähle sich der größte gemeinsamen Teiler. Jene natürliche Zahl, durch die sich zwei ganze Zahlen ohne Rest teilen lassen. Gleichwohl gehört es zur kollektiven Erfahrung der Gesellschaft, dass die Begabungen zu mathematisch konzisem Denken in der Bevölkerung ungleich verteilt sind. Politiker und ihre schreibenden Beobachter sind hier keine Ausnahme. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

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Hans Christian Luschützky
07.10.2014, 19:31, per Email:

Verehrungswürdige und über alle Maßen geschätzte Frau Dusl,

Zur Ihrer Beantwortung der Anfrage des Herrn Dollinger erlaube ich mir anzumerken, dass, zum Unterschied vom vielfach missbrauchten "Quantensprung", der tatsächlich die Verhältnisse umkehrt, die Floskel vom "kleinsten gemeinsamen Nenner" einer gewissen Sinnhaftigkeit nicht entbehrt, wenn man sie als isolierte Größenbestimmung der Einheit "Nenner" erkennt, ohne Berücksichtigung des numerischen Wertes der Bruchzahl, in der sie enthalten ist. Klarer ausgedrückt anhand eines Beispiels: der Nenner "drei" in einem "Drittel" ist eine kleinere Zahl als der Nenner "zwölf" in einem "Zwölftel": je kleiner die Zahl, die den Nenner bildet, desto größer der numerische Wert der Bruchzahl, in der er enthalten ist. Die Metapher vom "kleinsten gemeinsamen Nenner" in der Sprache der Politik, des Managements usw. ist somit sinnvoll und gültig, da ein kleiner Nenner einen größeren Anteil am erzielten Gesamtergebnis bedeutet.

Mit den allerbesten Grüßen
Mag. Dr. Hans Christian Luschützky

Institut für Sprachwissenschaft
Universität Wien
Sensengasse 3a
1090 Wien


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Andrea Maria Dusl,
7.10.2014, per Email:

Sehr geehrter Herr Dr. Luschützky,

vielen Dank für Ihren wertvollen und klugen Debattenbeitrag.
Ich kann Ihren Ausführungen zustimmen, was die isolierte Bewertung des
Term-Partikels "Nenner" in Hinblick auf eine günstige Qualität
einer Division betrifft.

Indem dabei aber keine Aussage über die numerische Größe des "Zählers" getroffen wird, bleibt unklar, ob das Ergebnis der Teilung als "gutes" bewertet werden darf.

Zudem gehen wir stets von ganzen und positiven Zahlen aus. Die Frage der Null als Nenner bleibt aus Axiomgründen ausgeklammert.

Auch gibt es keine Einigung in der Frage, ob ein großes Ergebnis ein besseres ist als ein kleines. Das hängt wohl vom Anlassfall ab.

Ich stimme Ihnen jedoch in einem, zu. Die Metapher ist für den Einsatz in Politik und Management bestens geeignet. Verschleiert es doch (indem es den Zähler ungenannt belässt) die tatsächlichen mathematischen Verhältnisse.

Mit besten Grüßen,
Mag. Dr. Andrea Maria Dusl

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16. Oktober 2014.
Peter Jürß, per Email:


Zur Aussage "man hat sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt".

1) Wenn man von einem positiven ganzzahligen Wert spricht, dann ist der "kleinste gemeinsame Nenner" immer nur 1 (Eins). Das ist fix, darauf braucht man sich nicht zu einigen. Und dieser Nenner steht für etwas Ganzes, das ist jedoch kaum gemeint.

2) Der Leserbriefschreiber meint anscheinend, dass ein kleinerer Nenner mehr wert sei, als ein größerer. Beispielsweise hat 1/3 (ein Drittel) eine größeren Wert als 1/4 (ein Viertel). Aber es gibt eine Abhängigkeit vom Zähler: 3/4 (drei Viertel) sind mehr als 1/3 (ein Drittel) - trotz eines kleineren Nenners. 0/1 (null von Eins) oder 0/3 (null Drittel) sind ebenso nichts wie 0/4 (null Viertel). Ohne einem Zähler ist ein Nenner - nichts, überhaupt nichts.

In der Mathematik wird nicht grundlos vom "größten gemeinsamen Teiler/Nenner" und vom "kleinsten gemeinsamen Vielfachen" gesprochen. Was Politiker aus einer PISA-Wissenslücke heraus als kleinsten gemeinsamen Nenner bezeichnen, ist zumeist der größtmögliche Kompromiss. Sie sollten diesen auch so bezeichnen. Akzeptabel wären Aussagen wie beispielsweise, man hat sich auf einen Nenner geeinigt oder man hat einen gemeinsamen Nenner gefunden. Dann frage ich - und was ist mit dem Zähler? Die Rede vom "kleinsten" gemeinsamen Nenner ist weder sinnvoll noch gültig sondern einfach ein Blödsinn.


PS: Compliments to the members of intelligence services reading this email.

Pfüat gott // Adieu
Freundlich grüßt // Best regards
Peter Jürß // Peter Juerss
Informationstechnologe (i.R.) // IT Consultant (retired)

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29. September 2014 (0) Comments

Für immer zusammen

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 27.9.2014.

Wir gehen jetzt miteinander, hieß das in der Schule, wenn sich zwei, in pubertärer Verliebtheit verbunden, als Paar verstanden. Wir gehen miteinander - hieß Händchenhalten am Schulweg und Schmuserausch im Dunkel des Kinos. Ganz genau wusste man nicht, was da ablief, während es passierte und noch weniger Ahnung hatte man davon, wie das ging. Machte man es richtig? Was war das überhaupt, das Gemeinsame? Diese durch das Irresein an den eigenen Gefühlen ausgelöste Verstörung. Sie war einzigartig und teilsam zugleich. Sogar die Alleinstehenden konnten mitreden, weil sie die Äußerlichkeiten des Miteinandergehens als Ritualmatrize ständig vorgeführt bekamen. In der Bilderfibel Bravo las man, wie das in Deutschland ging, dort, wo alles von Gründlichkeit durchzogen war und vom Gestus der Perfektion. Sogar das Scheitern hatte in den Fotostories mehr logistische Würde, als in der Wirklichkeit jugendlicher Österreicherei. Tu felix Austria, nube. Der launige Spruch aus den Herzenstiefen fürstlichen Denkens erinnert daran, dass Ländereien einst, so sie nicht durch Krieg zusammenkamen, bei Vermählungen zusammengeschmiedet wurden. In mehr oder weniger heißer Esse. Auf dem Amboß dynastischer Liebe. Oder was man dafür hielt.

Schottland und England gehen also wieder miteinander. Als die Kaledonier sich angeschickt hatten, mit dem Händchenhalten aufzuhören, war Mutti Queen aus Albion auf den Plan getreten. Überleg Dir das gut, hatte die Monarchin geraunt. Ein paar Tage war die Zukunft ungewiss gewesen. Und dann ging Schottland wieder mit England. Aber wie geht gehen gut? Wie groß muß das Miteinander sein? Niemand weiß es, es gibt kein Bravo für Nationen. Keine Photostories und auch nicht Dr. Sommerschen Rat. Die Geschichtsbücher kennen die absurdesten Verbindungen. Und undenkbare Trennungen. Und doch ist es wie in der Schule. Wer den gleichen Schulweg hat, weil die Häuser neben einander stehen, hat grössere Chancen auf gemeinsame Verstörung. Aber auch hier gilt die Erkenntnis: Niemand weiß, was das ist, das Gemeinsame. Und sogar die Alleinstehenden können mitreden.

27. September 2014 (0) Comments

Bezirksspott und Stadtteilhohn

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 39/2014

Liebe Frau Andrea,

in einer lachsfarbenen Zeitung (oder deren graugrüner Internetversion) las ich in einem Essay übers Vorarlbergersein die Ausdrücke “Seebrünzler” für die Bregenzer und “Süasslarschnitz” für die Dornbirner. Die Wiener sind da nicht so, oder? Gibt es solche Insulte auch bei uns? Von Bezirk zu Bezirk quasi? Und warum heissen die Dornbirner Süasslarschnitz?

Grüssi,
Benni Sagrader, 1040 Wien, per Email


Lieber Benni,

fangen wir im Westen an, wo Ihre Fragen beginnen. Der Spottname der Nichtbregenzer für die Leute aus “Breagaz” ist angesichts des dort anbrandenden Bodensees selbsterklärend. Etwas stärker verhüllt tritt uns “Süoßlarschnitz” entgegen, der Spottname für die Anrainer von “Dorabira”. Obwohl die größte Stadt Vorarlbergs eine Birne im Wappen führt, kommt ihr Name nicht von dieser, so die Toponymologen, sondern von “Torrin Puirron“ der Ansiedlung eines alemannischen Bauern namens Torro. Dessen ungeachtet bezieht sich die Schmähung “Süoßlarschnitz” auf eine süßlich schmeckende Birnensorte, die sich vorzüglich zum Dörren eignete. Deren Birnenschnitten, die “Schnitz” waren in der Gartenstadt besonders beliebt. Nach anderer Deutung bezieht sich die Bezeichnung, ähnlich dem Süssholzraspeln, auf den süßlichen Konversationsstil der Dornbirner. Werden diese doch auch “Braschlar” genannt, Prassler, nach dem Geräusch des Regens – Quassler also.

Das Wienerische hatte und hat als Schmelztiegel weniger Bedarf an geographischen Schmähungen. Abgesehen davon, dass Provinzler von den Wienern traditionell als Großkopferte sprechen, als Scheißweana und Weana Bazi (verkürzt aus der Figur des Lumpazivagabundus). Dennoch wollen wir ein paar Spottnamen aus dem Alten Wien in Erinnerung rufen. So hieß man die Grinzinger wegen der dort erzeugten Blutwürste Blunznstricka, die Sieveringer Bochbrunza, die Nussdorfer Wossarotzn und die Oberdöblinger - wegen des dort einst grassierenden Milchschwunds - Müchmarder. Die Pötzleinsdorfer galten als Fisolenbauern, die Stammerdorfer als Erdäpfelbehm. Wegen der steinreichen Seidenfabrikanten im heutigen 7. Bezirk, galt Lerchenfeld als der Diamantengrund. Die Bezeichnungen Mazzesinsel für den zweiten Bezirk und Boboville für die gentrifizierten Teile innerhalb des Wiener Gürtels sind frischeren Datums. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

21. September 2014 (0) Comments

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