Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Reitzendes Städteklein

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 17/2015

Liebe Frau Andrea,
 
als jahrelanger Leser des Falter, aber als Nichtwiener nur mangelhaft mit dem Wienerischen vertraut, erlaube ich mir hiermit, als jemand in dessen Schulzeit diese Sprache noch nicht Unterrichtsgegenstand war und Wien geographisch nur als in Bezirke mit vorgegebenen Postleitzahlen eingeteilte Bundeshaupstadt gelehrt wurde, Sie um Auskunft über den Begriff des "Grätzel" und dessen geographische Wien-Verteilung zu bitten.

Mit liberté, egalité und fraternité!
Herbert Knapp, St. Georgen am Längsee, per Email


Lieber Herbert,

wo liegen die Grätzel, jene ungenau begrenzbaren Stadträume, die in anderen großen deutschsprachigen Städten schon ganz anders heißen - in Berlin, Hamburg oder Hannover bekanntlicherwiese Kiez, in Köln Veedel. Eine spürbare Konjunktur dürfen wir momentan dem Karmeliter- und dem Volkertviertel im 2. und dem Servitenviertel im 9. Bezirk bescheiden, etwas ruhiger geht es im Freihaus- und Schleifmühlviertel im 4. Bezirk zu. Als saturiert gelten der Spittelberg und jene Gebiete im 7. Bezirk, die inzwischen als Boboville firmieren. Naschmarkt und Bermudadreieck befinden sich urbanistisch gesehen in Narkose. Der Name Grätzel, in den 70ern von Erhard Busek und seinen Bunten Vögeln ausgegraben, wird gerne vom mittelhochdeutschen ‘Gereiz’, verwandt mit dem Verb ‘reißen’, in der Bedeutung ‘Umkreis’ abgeleitet. Eine undeutliche Bestätigung dieses möglichen Ursprungs liefert die Bezeichnung “Gereut” für Wüstungen aus dem 14. Jahrhundert in den Gegenden um den Heumarkt und beim Stubentor. Grössere Wahrscheinlichkeit für die Herkunft des Begriffs ‘Grätzels’ hat aber eine andere Etymologie. Im Slawischen bezeichnet ‘grad’ Burg oder Stadt, allgemein eine eingefriedete Fläche. Verwandte Wörter sind unser Garten (lateinisch hortus), sowie der englische yard (Hof). Die Verkleinerungsform zu grad ist gradec, der befestigte Ansitz, Ort, die kleine Burg. Im slawisch-deutschsprachigen Übergangsraum führte das zu Formen wie Graz, Gratz, Grätz. Die Wiener Bezeichnung Grätzl, Grätzel, Gretzel ist nichts anderes die Verkleinerung dieser Verkleinerung - und damit das, was wo anders das Viertel ist, das Quartier, der Borgo, der Barrio, die Neighborhood. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

19. April 2015 (0) Comments

Frühlingserwachen

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.4.2015.

April, April, macht was er will!

Den schrillklirrenden Reim lernen wir in der Volksschule - noch vor der Komplettierung des Alphabets. Zwischen sieben mal sieben und sieben mal acht. Der Sinnspruch dient der Illustration der dialektischen Natur des Wechselmonats und versteht sich als Vorgriff auf dialektisches Denken überhaupt. Es könne schneien in einem April, ist die transportierte Botschaft, mal glutheiss drücken, mal blase lau der Frühlingswind, mal peitsche Regen, mal neble es kalt. Auf jeden Apriltag, der sich nicht an diese Regel halte, folge einer, der sie wieder aufstelle. Tage dauerten bisweilen auch nur einige Minuten lang. Am April sei das untypische typisch, das typische untypisch. Die Erkenntnis brennt sich ein: Etwas ist, wie es nicht ist. Oder gar: Etwas ist, weil es nicht ist.

In einem höheren Sinn werden solcherart schon früh zentrale Weichen gestellt - für die Fahrt in die Innenhöfe der Landesbefindlichkeit. Der April ist der Monat des Jahres mit dem höchsten Grad an Austrizität. Kein Monat ist so Österreich wie der April. Während andere Nationen groß sind oder klein, stolz oder bescheiden, bemüht sich Österreich stets um beides. Beziehungsweise bemüht es sich nicht. Die Kultur des stetigen Unstetigseins ist dem Land eingeschrieben, wie die Kapriole dem Aprilwetter. Kompromisse dienen der Kompromittierung, Ergebnisse folgen Ergebenheit, Ziele werden getroffen, in dem sie verfehlt werden. Es gilt der Handschlag und nicht die Unterschrift. Unmögliches geschieht sofort, Wahrscheinliches nie.

Auch dieser April ist voller Österreich. Das Rauchen wird radikal verboten, aber erst später. Rotgrün ist am Ende, macht aber weiter. Parlamentarische Untersuchungsausschüsse werden öffentlich, bleiben aber geheim. Nach dem Geheimnis seines Erfolgs befragt, bekennt der Superschneeheld, dass seine Schischuhe drei Nummern zu klein sind. Ohne Schmerz fühle er den Hang nicht. Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.4.2015.

18. April 2015 (0) Comments

Geheimnisvolle Radiozahlen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 16/2015

Liebe Frau Andrea,

Ende der 60er, Anfang der 70er, ich hatte eben ein funkelnagelneues Radio als Geschenk bekommen. Beim Spielen mit den vielen Kanälen entdeckte ich etwas sehr seltsames: Einen Kanal, wo in eintöniger Stimme, ununterbrochen und in deutscher Sprache Zahlen vorgelesen wurden. Eine Zeitlang habe ich mitgeschrieben, konnte aber keine Regelmäßigkeit feststellen. Noch heute bin ich neugierig, was das wohl war, können Sie helfen?
 
Herzliche Grüße aus dem 7. Bezirk,
Ingeborg Mayer, per Email

Liebe Ingeborg,

auch anderen Radiobenutzern dieser Zeit blieben die seltsamen Botschaften aus dem Äther nicht verborgen. Nächtelang kritzelten Teenager und Alleinstehende Zahlenreihen auf, um hinter das Geheimnis der Ziffernsalate zu kommen. Noch heute tauschen sich Interessierte in einschlägigen Internet-Foren über das Thema aus. Ihr Fokus ist indes nur mehr historischer Natur. Ist doch die grosse Zeit der Zahlensender vorbei. Ihre Blüte erlebten die kryptischen Kurzwellen-Radiosendungen während des kalten Krieges. In der Regel handelte es sich um individuelle Kurznachrichten an Agenten und Angehörige diplomatischer und militärischer Dienste. Für Spione hinter feindlichen Linien war es einfacher und unauffälliger, ein Kurzwellenradio mit sich zu führen, als hochtechnische Ausrüstung zu betreiben. In der Regel sendete ein Zahlensender zur vollen Stunde. Nach fünfminutiger Wiederholung einer Signation folgte eine Durchsage der Dienstnummern der angesprochenenen Agenten, jeweils gefolgt von einer Information, wieviele Zahlengruppen diesen zugeordnet waren. Chiffriert wurde in Fünfer-Zifferngruppen, die jeweils unmittelbar wiederholt wurden. Zum besseren Verständnis wurde in einem bestimmten Rhythmus gerappt, meist unter Betonung der dritten und fünften Ziffer. Die Ziffern selbst wurden ganz typisch ausgesprochen: Ains, zwo drai, vi-ärr, fün-nef, sechs, sie-ben, acht, noi-en, nuhl. Nach dem Notat wurde die Nachricht von den Agenten mit Hilfe eines individuellen Schlüsselbands dechiffriert. Eine typische Botschaft dieser Zeit etwa lautete: “29 - Brief 17.2 erhalten, Inhalt gut, weiter so. Gruss.” So war das. Kalter Krieg. Kühle Zahlen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

................................

--> Deutschsprachige Zahlensendung, 1980

12. April 2015 (0) Comments

Large Hadron Collider

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 11.4.2015.

Der grosse Teilchenbeschleuniger ist wieder angelaufen. Die Forschergemeinde lässt wieder Kollidieren und erwartet sich davon neue Erkenntnisse über das Grosse Unsichtbare in der Natur - die Dunkle Materie. Der unterirdische Ringtunnel hat die Ausmaße eines Kleinstaates und zieht Gelder an, wie es die grössten Steueroasen des Planeten nicht vermögen. Das gefällt nicht allen. Neid und Missgunst Sparwütiger und Halbgebildeter sind indes nicht die einzigen Widrigkeiten, mit denen die Nerds mit den Baustellenhelmen kämpfen. 

Statt sich mit neuer aber doppelthoher Energie dem Vermessen des Unermesslichen hinzugeben, rangen die Weissmäntel erstmal mit Problemen kleinerer Dimension. Kurzschlüssen. Ein solcher hatte die grösste Maschine des Planeten gleich zu Neustart lahmgelegt. Aber unverdrossen wie weiland Scotty, der Cheftechniker der Enterprise stocherten die Forscher im Eingemachten und fixten das elektrische Wehwechen, das letzte Woche das Anwerfen des Large Hadron Collider verzögert hatte. Das Metallfragment, das den Kurzschluss in einem der Magnete ausgelöst hatte, sei mit Elektromagie zum Schmelzen gebracht worden, wussten die Cernforscher zu berichten. Dabei leuchteten ihre Augen und ein leichtes Glühen brannte in ihren Ohren. 

Wie im Grossen, so auch im Kleinen. Leuchtende Augen und glühende Ohren kennen wir auch von den Betreibern der Österreichmaschine. Die Protagonisten sozialer Heimattreue machen Musik oder spucken Töne - ihre Gefolgschaft frönt alten Bildern unter neuer Firnis: Die Frau am Herd. Der Ausländer unter Kuratel. Der grosse Leichenbeschleuniger Heimat läuft rund wie ehedem, seine Techniker erzeugen Partikel ohne Unterlass. Die Gesinnungsgenossen erwarten sich neue Erkenntnisse über das Grosse Unsichtbare im Völkischen - die Dunkle Macht. Neid und Missgunst sind dabei nicht die einzigen Probleme, mit denen Sparwütige und Halbgebildete  kämpfen. Es sind die ständigen Kollisionen mit dem eigenen Unvermögen, die die Österreichmaschine erschüttern. Sind doch die einzigen Schlüsse, die das Heimatland zu ziehen vermag, Kurzschlüsse. 

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 11.4.2015.

11. April 2015 (0) Comments

Feuchtbiotop Rotenturmstraße

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 15/2015

Liebe Frau Andrea,

nach elendslanger Zeit bin ich mit alten Studienkollegen mal wieder im Bermudadreieck eingekehrt. Einer von uns wusste dunkel zu berichten, dass der Wienfluss mal durch die Rotenturmstraße geflossen sei. Man könne noch heute die Eintiefung sehen. Das kann aber nicht stimmen, oder? Bitte um hydrologische Aufklärung!

Vielen Dank und Bermudagrüsse,
Johannes Fröhlich, Karmeliterviertel, per Email


Lieber Johannes,

der harmlos plätscherde Wienfluss ist nicht nur Namensgeber der Stadt, sondern auch Urheber großer Teile der Wiener Topographie, kann er doch bei Unwettern zum reissenden Strom werden. Als Gebirgsbach, der große Teile des Wienerwalds entwässert, hat er sich tief in die Schotterterassen eingeschnitten, auf denen die Stadt sich ausgebreitet hat. Durch die Rotenturmstraße ist die Wien allerdings nie geflossen. Ihr Bett ist wesentlich breiter und tiefer gelegen, aber es verläuft immerhin parallel, ein paar hundert Meter weiter südöstlich. Zwar liesse die hohlwegartige Anmutung der Rotentumstrasse auf ein Bachbett schliessen, sehr wahrscheinlich geht deren Eintiefung aber mit ihrer Funktion als (vermutlich schon prähistorischem) Verkehrsweg einher: Ein Ast der Bernsteinstrasse überquerte genau hier die einst zahlreichen Donauarme. Ein Gewässer gab es dennoch in umittelbarer Nähe. Im Mittelalter (und vermutlich schon zu Zeiten des Römerlagers Vindobona) floss hier, vom Graben kommend, ein Gerinne, das Möring (Moric, Mörung) genannt wurde und als zentraler Abwasserkanal der Stadt genutzt wurde. Die Möring floss im Strassenzug parallel zur heutigen Rotenturmstrasse, im Graben des einstigen Römerlagers. Beim Lichtensteg führte, wie schon der Name andeutet, eine kleine Brücke über das Gerinne, auf der die Fleischhauer ihre Schlachtbänke betrieben. Im Zuge von Kramer- und Rotgasse (einst Kotgasse genannt), sowie des Rabensteigs (früher: “Auf der Möring”) mündete der Abwasserbach beim Roten Turm in den heute Donaukanal genannten Stadtarm der Donau. Mit Möring bezeichnete man generell ein städtisches Kanalgewässer, das Wort ist eng verwandt mit Moor, Morast und Mure, ja auch mit so entfernten und gewissermassen mondänen Ortsbezeichnungen wie den Sümpfen des Pariser Marais. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

7. April 2015 (0) Comments

Der Märtyrer

Für die Osterausgabe der Salzburger Nachrichten vom 4.4.2015.

Er steht da, nackt bis auf einen Lendenschurz. Das schweißgetränkte Haar fällt in dunklen Locken in seinen Nacken. Seine Arme sind mit festen Seilen nach hinten gebunden, auch an den Knöcheln ist der Mann an die ruinösen Reste einer römischen Marmorsäule gefesselt. Sein Blick geht nach oben, fragend, zweifelnd.

Als ich ein Volksschulkind war, sah ich Mantegnas Gemälde des heiligen Sebastian das erste Mal, in einem Kunstbuch meiner Eltern. Schon der Anblick einer Fesselung war befremdend, dazu der unverschämte, nur durch Leinenfetzen verhüllte Eindruck von Nacktheit.
 Ratlose Verstörung aber löste die zentrale Unübersehbarkeit des Bildes in meiner kleinen Kinderseele aus: Der Bleiche war gespickt mit Pfeilen. Lange, dünne Spieße, aus vielen Richtungen in den Körper des Mannes geschossen. Sie steckten in den Weichteilen, in Hüfte und Brust, durchbohrten die Beine an mehreren Stellen und wiesen in die vielen Richtungen, aus denen sie abgeschossen wurden.

Auch für den naiven, unbedarften Kinderblick war klar, das waren tödliche Wunden. Dass Pfeiltreffer das Leben ausbliesen, wussten Schulkinder des Televisiozäns aus den Sonntagnachmittags-Western. Wie Pfeile sich angriffen und wie man sie abschoss, hatten uns die Cowboy-und-Indianer-Spiele gelehrt. Das Bild des pfeilwunden Sebastian war in eine kindliche Gefahrenwelt eingebettet. Auch am Marterpfahl konnte man bald landen, angebunden mit Wäscheleinen, in Angst und Tränen getrieben, der Demütigung der Unfreiheit ausgesetzt, dem Hohn, dem Spott, dem Schmerz. Und der größten Pein, der Gleichzeitigkeit von Erwartetem und Unerwartetem. Würde, was immer auch passierte, schlimmer werden? Gab es Erlösung? Und worin bestand sie? Im Hilfeschreien? In der Agonie? In der Hingabe an die Peiniger?

Das Bild des pfeilgespickten Sebastian war unerträglich. Das Buch, in dem es sich verbarg, musste immer wieder geschlossen werden, dann zaghaft, voll Schaudern wieder aufgeschlagen, in der schleichendschleppenden Ahnung, ein unausgesprochenes Verbot zu übertreten. Unausgesprochen von mir selbst. Schau das Bild nicht an, sagte ich mir. Greif nicht nach dem Buch. Schlag es nicht auf. Nicht auf der Seite mit dem Bild. Schau es nicht an! Schau es nicht an! Und dann, in der Hingabe an die Angst: Schau es an, damit du es nicht mehr anschauen musst. Schau es an, damit das Anschauen die Erinnerung daran auslöscht. War das Schaudern anfangs nur episodenhaft zu ertragen, wurde aus dem Zwang bald Übung, aus dem Schrecken Kenntnis. Bald erging ich mich in Details, versuchte zu erfassen, welcher Pfeil wohl der erste gewesen sein mochte, welcher der zweite, welcher der dritte.

Hoffnung keimte auf, die Projektile mochten schmerzhaft gewesen sein, aber nicht tödlich. Was auch immer tödlich heißen mochte für ein Kind, das den Tod nur aus Erzählungen kannte. Vor allem aus einer. Der zentralen. Der Erzählung vom Tod des Gottessohns. Der Botschaft vom großen Schmerz.

Der heilige Sebastian war ein Märtyrer, beschied man mir auf Nachfrage. Und er war anders. Verletzlicher. Verletzter. Nackter. Christushafter. Kam er doch aus einem Zwischenreich der Heiligkeit. Seine Pose war nicht milde und wissend wie die Heiligen, die am Heiligenbildertischchen auflagen. Fromm blickende Ordensleute mit goldenen Scheiben hinterm Kopf. Sie war nicht pompös und kontrolliert wie die der reichen Orientalen aus dem Morgenland, der Heiligen Drei Könige, die auf Altarbildern glänzten und aus Krippenbildern lachten. Sie war nicht heroisch wie die des Erzengels Michael, des heiligen Ritters Georg oder des tapferen Feuerwehrsoldaten Florian. Sebastian war von anderer Sorte Heiligkeit. Sebastian verharrte in Opferpermanenz. War entrückt ins ewige Sterben. Darin lag und liegt die Kraft, mit der uns die Bilder seines Martyriums fesseln.

Was aber ist Martyrium? Die Märtyrer (und die Märtyrerinnen) entlehnen ihre Wörtlichkeit vom griechischen μάρτυς (mártys), Zeuge. In oberflächlicher Betrachtung gilt das Zeugnis der Märtyrer dem Geschehen, dem Martyrium und damit der eigenen Rolle als Objekt und Opfer. Die Märtyrer, die Gemarterten, sind besondere Opfer, sie sind den eigenen (in der Regel religiösen) Vorstellungen in Unausweichlichkeit und bis zum Äußersten verpflichtet. Das Äußerste ist der qualvolle, gottgeweihte Tod.

Bei genauerer Betrachtung ist der Märtyrer, die Märtyrerin der Zeuge, die Zeugin jener Ort, an dem sich Täter, Opfer, Zusehende und Bild-Betrachter begegnen. Das Bild stellt diese Beziehung her, ja, erzeugt sie erst. Das Bild macht die Betrachter des Bildes ebenfalls zu Zeugen. Der Blick auf das Opfer ist indes für Zusehende und Täter (und damit auch für die Betrachter) nur durch die Absicht und die Tat unterschieden. Betrachter können beide Rollen einnehmen, ja, werden in die Ambivalenz dieser Polarität unausweichlich gezwungen. In der Mechanik der Beziehungen des Bildes vom Märtyrer gibt es indes noch weitere Unsichtbare. Den Erzeuger des Bildes und den Besteller des Bildes. Ihre Legitimation erhalten sie vom scheinbar schwächsten Protagonisten: dem Betrachter des Bildes.

In letzter Konsequenz aber ist er, ist sie nicht nur Empathieverbündeter des Opfers, sondern Täter und Täterin. Dass die Tat nur um des Bildes Willen gesetzt wird, zeigen uns die Mordbanden des „Islamischen Staats“. Unausgesetzt und nahezu täglich.

Andrea Maria Dusl. Für die Osterausgabe der Salzburger Nachrichten vom 4.4.2015.

4. April 2015 (0) Comments

Das Ei - hart oder herzlich

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 14/2015

Liebe Frau Andrea,

hoffentlich ist es noch nicht zu spät für eine wahrlich österliche Anfrage: Es geht um hartgekochte Eier. Wenn ich sie koche (oder fertige Ostereier kaufe), lassen sie sich mit wenigen Handgriffen binnen Sekunden abschälen. Wenn aber meine Freundin harte Eier kocht, ist das Abschälen jedes Mal eine ewige Fitzelei, und eine dicke Schicht des köstlichen Inneren bleibt an den Schalen-Fuzerln kleben. Ich glaube, das hat mit dem Abschrecken (oder eben nicht) nach dem Kochen zu tun, meine Liebste ist überzeugt, dass es um die Frische der Eier geht. Könnten Sie bitte Licht ins eiliche Dunkel bringen?

Danke und liebe Grüße,
Martin Bernert, Boboville, per Email


Lieber Martin,

im Sinne einer österlichen Dramaturgie darf ich Sie mit dem überraschen, was sie erwarten. Recht hat Ihre Liebste. Das Abschrecken hat keinerlei Einfluss auf die Schälbarkeit hartgekochter Eier, es beendet nur den Garungs- (eigentlich Denaturierungs-) Prozess, der sonst noch bis zu drei Minuten andauern würde. Kochen muss das Wasser, in dem Sie ihr Ei denaturieren übrigens nicht, Dotter gerinnt bereits bei einer Temperatur von 65 °C, Eiklar bei 82,5 °C. Diese Temperatur reicht also aus, um “hartgekochte” Eier zu erzeugen. Entscheidend für das Gelingen ist die Länge des Garvorgangs und die Seehöhe des Herdes - pro 285 m sinkt nämlich die benötigte Temperatur um 1° Celsius. Die Schälbarkeit (und das Aroma) hartgekochter Eier - Sie sollten dafür acht bis zehn Minuten Garzeit berechnen - steigt mit ihrem Alter. Einen idealen Reifezustand erreichen Eier zehn bis 14 Tage nach dem Legen. Mit zunehmender Lagerzeit ist genügend Luft durch die Eierschale in das Innere gelangt, Wasser und Kohlenstoffdioxid sind aus dem Ei austreten. Dieser Prozess hat den Zusammenhalt des äußeren Häutchens (es haftet an der Schale) und der inneren Membran (sie ist mit dem Eiweiß verbunden) in Hinblick auf eine ideale Schälbarkeit gelöst. Das Alter roher Eier lässt sich leicht feststellen: Frische Eier gehen in Wasser unter, nur der luftgefüllte Scheitel treibt etwas auf. Ältere Eier stehen senkrecht im Wasser, weil die Luftblase bereits größer geworden ist. Alte Eier schwimmen an der Wasseroberfläche. Letztere empfehlen sich für den Einsatz bei Wahlveranstaltungen und Pressekonferenzen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

29. März 2015 (0) Comments

Die Registrierkasse

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 28.3.2015.

Woher nehmen wir, wohin geben wir? Die Antworten auf diese beiden Fragen beschäftigen die Menschheit seit Anbeginn. Je nach weltanschaulicher Disposition unterscheiden sich die Vorschläge. Soll man nehmen? Darf man geben? Muß man sollen? Kann man dürfen? Wer fragt überhaupt und wer ist “wir”? Wir alle und wenn nicht, wer aller?

Österreich ist mit großem Fleiß in eine Neubewertung dieses Fragenkomplexes getreten. Volk und Vertreter haben Vorschläge, Gegenvorschläge und Rückschläge zum Thema erarbeitet. Dass die Reichen des Landes noch reicher werden dürfen, hat die Ärmeren insoferne irritiert, als diese ein Dürfen durch ein Müssen ersetzt wissen wollten. Die Reichen, erdrückt von der Bürde, ausschliesslich das eigene Wachstum zu stemmen, wollten sich durchaus in die gesellschaftliche Mitte zurückholen lassen, wurden aber von ihrem Personal und den von ihnen betriebenen Organisationen daran gehindert. Alles ginge, so der Aufschrei, aber das zu weit. Wird doch das Leben im Kapitalozän nicht als Leistungsgulag, sondern als Lotterieparadies wahrgenommen. Denn wenn ein Tellerwäscher (von Schicksals Hand gerufen) zum Milliardär werden kann, lohnt sich auch das schlechtbezahlte Tellerwaschen. Dass diese Erzählung auf Sand gebaut ist, und tatsächlich eine andere gilt, liesse sich bei Balzac nachlesen, von dem der bekannte Aphorismus stammt, demnach hinter jedem großen Vermögen ein Verbrechen stehe.

Dieser Wirkmechanismus gehört zu den ältesten Erfahrungen Schnitzellands. Dazu muss man Balzac nicht gelesen haben. Sechshundert Jahre Habsburgerei haben ihre Spuren hinterlassen. Die Diskussionen um das Für und Wider von Schaumweinsteuern, Kaviarabgaben, Schenkungszehenten und Erbschaftstaxationen - der Abschöpfung kumulierten Reichtums und dessen Verteilung nach unten also - gipfeln in einer Frage. Darf man den zentralen Stützen unserer Gesellschaft das weisse aus den Augen nehmen? Darf man ihre wirtschaftliche Entwicklung fahrlässig hemmen? Darf man sie der Zukunft berauben?

Wie lautet die böse Frage? Darf man Wirte, Gastronomen und Hoteliers dazu verpflichten, Registrierkassen zu verwenden?

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 28.3.2015.


28. März 2015 (0) Comments

Umpudern aber richtig

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 13/2015

Liebe Frau Andrea,

unlängst sprach ein älterer in einer Runde von Journalistinnen und Journalisten davon, dass eine Geschichte noch 'umgepudert' werden müsse. Das sich darauf einstellende Kichern disqualifizierte er mit der Feststellung, dass das nichts mit dem derben wienerischen Begriff für den Koitus zu tun hätte, da man diesen ja mit 'B' schreibe. Ich widersprach heftig, dass man das Wort sehr wohl mit 'P' schreibe, der schwache Wiener Initialplosiv es aber phonetisch zum 'B' mache - ein dreister Bluff aus meinem Drang zum Widerspruch, außerdem wollte ich 'Initialplosiv' sagen. Wer hat denn nun recht?

In Verbundenheit, Sebastian Fellner, per Email


Lieber Sebastian,

alles hat mit allem zu tun, insobesondere dann, wenn wir Zusammenhänge herstellen. Diskursmechanisch hat das auch Ihr älterer Kollege erfasst, indem er sein Verb gegen Fehldeutung zu immunisieren versucht. Wie Sie schon richtig andeuten, fallen im Wienerischen alle anlautenden “p” und “b” in einen Zwischenlaut, einen so genannten Halbfortis zusammen. Recht, beziehungsweise unrecht haben Sie beide, denn die Sache mit dem Pudern ist komplex. Gerne wird das aus dem Französischen entlehnte Zeitwort für das Aufbringen von Puder (poudre, aus lateinisch pulvis, Pulver) in Zusammenhang mit der wienerischen Bezeichnung für den Koitus gebracht. Ist doch auch ein ähnliches Wort in Zirkulation, nämlich tupfen (richtiger: dubfm). Das Pudern (Budan) kommt indes vom Buttern, dem stossenden Schlagen von Rahm zu Butter, das früher ebenfalls “budan” ausgesprochen wurde. Mit dem Verschwinden des Butterfasses (und seines Stössels) aus Küche und Haushalt verlor sich auch das bildliche Verständnis für die Metapher. Das Umpudern (umbudan) als Begrifflichkeit für den Vorgang der lustreichen Transformation nimmt also tatsächlich Bezug auf das Pudern (budan), die Mechanik der geschlechtlichen Vereinigung. Wem das Umpudern zu derb erschiene, könnte zum Umschustern (Umschuasdan) wechseln. Es ginge aber durchaus auch direkter. Alternativen zu umpudern wären das Umschnackseln, das Umpempern (Umbempan), das Umtitschkerln (Umditschkaln), und das - nur Hocheingeweihten zugängliche - Umschuarln, Umbomeisln (Umbomasln) und Umbankaniarn. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

22. März 2015 (0) Comments

Frühlingsdüfte

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 21.3.2015.

Der März gilt nach westlichem Kulturverständnis als das Ende des Winters. Kalendarisch betrachtet begann gerade eben, am 20. dieses Monats, der Frühling. Aus kalten Krumen spriesst erstes Grün, da und dort leuchtet es veilchenblau, krokusfarben und primelig. Eilfertig aufgestellte Schanigärten locken in die Sonne. Die Tage sind jetzt schon so lang wie die Nächte. Es wird heller, wärmer, die Sinne erwachen, die Gerüche kommen zurück.

Gemach. Die Idylle ist trügerisch. Der März ist nur scheinbar ein guter Gesell. Seinen Namen hat er von Mars. Der römische Kriegsgott ist zwar auch alte Vegetationsinstanz aber hauptberuflich für den Angriffskrieg zuständig. Als Vater der Gründungszwillinge Romulus und Remus ist er zudem Ahnherr der Römer und zentrale Zivilisationsinstanz des Abendlandes. März ist seit jeher Kriegsbeginn. Der Frühlingsbote kündet also nicht nur vom Erwachen der Natur sondern auch vom Erwachen des Kampfes. Der Geruch grünender Felder und Haine mischte sich seit jeher mit dem eisenrünstigen Blut geopferter Tiere und dem Verwesungsgeruch gefallener Helden und erschlagener Feinde.

Daran sollten wir denken, wenn wir die Frühjahrsbilanzen in die Sonne tragen und uns den Phantasien des Neubeginns hingeben. März ist und war immer auch Elend und Verwüstung. Ein alter Begleiter, ja Kündbote des Kampfes ist das Opfer. Auf dem Marsfeld, dem Märzacker wurde die Armee versammelt und kultisch gereinigt. Schwein, Stier und Widder wurden um die Soldaten getrieben, damit dem Mars geweiht und sodann auf seinem Altar geschlachtet. Daran knüpft sich die magische Vorstellung, dass bereits geflossenes Blut neue Wunden verhindern kann. Die Protagonisten der europäischen Austeritätspolitik mögen unbeleckt sein von der Kenntnis antiker Kulthandlungen, in der normativen Kraft ihres Handelns offenbaren sie indes die Erinnerung an die Heiligen Handlungen des Krieges. Wie sieht das Märzopfer der Nachmoderne aus? So roh, wie einst. Wenn Griechenland blutet, so der Zauber, wird es uns nicht widerfahren. Mutti nickt und schäubelt das Blut in den Acker.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 21.3.2015.

21. März 2015 (0) Comments

Frühstück oder Spätstück

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 12/2015

Liebe Frau Andrea,

jetzt ist schon wieder was passiert, wo ich nicht weiter weiß. Viele, sehr viele Lokale in Wien posaunen es heraus: "Frühstück von 8h früh bis 20h”. Was soll das? Ich will nicht zu Mittag oder am Nachmittag frühstücken! Wie im Namen schon enthalten: In der Früh ein Stück, zu Mittag ess’ ich gerne eine Suppe, Hauptspeise und Dessert, soll nicht zu lange dauern, weil ich mich auf meine Zigarre danach freue (Zitat Sigmund Freud) und abends ein Nachtmahl naturgemäß. Was soll diese Belästigung mit dem durchgehenden Frühstück? Das ist wohl nur für schlecht erzogene Leute (Tischsitten?) oder Chaoten! Bitte liebe Frau Andrea spenden Sie mir Trost und Rat,

Dietmar Werner, Chevalier Tarte d’Isy, Weinbauer in Poppendorf Bergen,
Südburgenland, per Email


Lieber Dietmar,

Sie müssen jetzt sehr stark sein. In der grossen Stadt gibt es “viele, sehr viele”, die nächtens nicht den Polster drücken, sondern in Spelunken und Tanzschuppen rummachen. “Drah’n”, wie die Wiener sagen. Getrieben sind Sie dabei von der Ökonomie der Lust. Im Schutze der Dunkelheit lässt sich besser munkeln, besser schunkeln, besser funkeln. Das Leben in der Nacht zollt indes Tribut. Schlaf will aufgeholt werden, zumindest aber absolviert. Wenn die Nachtvögel aufstehen, steht die Sonne meist schon hoch am Himmel. Das mag man beklagen oder unsittlich finden, gleichwohl ist es gelebte Realität, ja mehr schon - es ist urbanes Brauchtum. Es sei darin erinnert, dass die grösste Agglomeration des Westens, New York, sich rühmt, die Stadt zu sein, die niemals schlafe. Im Lichte dieser Zusammenhänge darf die Mode des späten Frühstücks, eingenommen bis zur Dämmerung, als eines von vielen Modellen in der Produktion von Freiheit und Individualität gesehen werden. Die grossen Hotels dieser Welt bedienen seit jeher diese Devianzen am Ernährungssektor. Morgenmahlzeiten werden rund um die Uhr serviert. Allenfalls wird das Frühstück aufs Zimmer gebracht - um konservative Gäste beim Mittagsspachteln oder beim Nachtmahlen nicht mit dem verstörenden Anblick weicher Eier, frischgepressten Orangensafts und dem Duft von Marmeladesemmeln zu inkommodieren. Im öffentlichen Raum, so fürchte ich, werden Sie das Spätstück gütig akzeptieren müssen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

15. März 2015 (0) Comments

Patient Europa

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 14.3.2015.

Gerne und oft wird im Zusammenhang mit Europa von einer Familie gesprochen. Und von gemeinsamen Werten, die zu verteidigen es gelte, gegen wen auch immer. Der Befund der sich aus diesen wenigen, fast rührenden Sätzen ergibt, ist niederschmetternd. Wer solches von sich gibt, ist von bösem Zynismus befallen, mit grösserer Wahrscheinlichkeit aber Protagonist psychotischer Auffälligkeiten. Es gibt keine Familie Europa. Gäbe es sie, fänden wir keine ihr eigenen, gemeinsamen Werte. Und gäbe es gemeinsame Werte, niemand könnte konstatierten, dass sie diese auch verteidigte.

Moment. Es gibt kein Europa? Doch, es gibt Europa, es gibt die Europäische Union. Aber sie ist keine Familie. Sie ist ein festgezurrtes Bündel konkurrierender Halbgeschwister mit divergierenden Interessen und zweifelhaften Freudeskreisen. Europa hat eine gemeinsame Geschichte aber keine Geschichte der Gemeinsamkeit. Zwischen einem Unternehmer in Shanghai und einem in Stuttgart gibt es mehr Solidarität, als zwischen einem Arbeitslosen in Prag und einem in Piräus. Ein Aktienbesitzer in Miami fühlt sich einem Fondmanager in Madrid stärker verbunden, als alleinerziehenden Supermarktkassierinnen in Liverpool, Leipzig und Linz. Das war nicht immer so, aber es ist heute so.

Die Familie. Dort, wo wir eine suchen, finden wir keine. Möglicherwiese hantieren wir nämlich mit der falschen Metapher. Europa ist keine Familie, Europa ist ein Patient. Ein sehr junger, ängstlicher Patient, der sich für gesund hält, obwohl er nach einem voodoo-ökonomischen Motorradunfall mit multiplen Knochenbrüchen und inneren Verletzungen auf der Intensivstation liegt. Seine Verletzungen bezeichnet er als Heilungserfolge, Schmerz zeiht er der Verlogenheit, das Fieber hält er für eine Einbildung der Ärzte. Europa hustet und spuckt Lungenblut, raucht aber weiter die amerikanischen Zigaretten aus Nachbars Lade. Europa ist ein Patient mit sehr speziellen Bedürfnissen.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 14.3.2015.

14. März 2015 (0) Comments

Faust 1984 - Erstes Bild

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Dezember 1984. "Faust" war mein Diplom an der Akademie der bildenden Künste Wien. Die Zeichnungen (more to come) hielt ich 18 Jahre lang für verschollen. Ich habe sie gestern wiedergefunden. Glückstaumel. Die Originale haben Plakatgrösse.

Dieses Bild ist auch der Ausgangspunkt des "Unendlichen Panoramas". Insoferne ein Schlüsselwerk in meinem Œuvre.

10. März 2015 (0) Comments

Eigenansicht oder Selbstbeschau

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 11/2015

Liebe Frau Andrea,

auf Twitter entspann sich letztens unter intelligenten Freunden eine Diskussion über Autopsie. Die eine Fraktion meinte zu wissen, eine Obduktion hiesse Autopsie (auto = selbst), weil man dabei ein Mitglied der eigenen Rasse sezierte. Dem entgegneten die anderen, Autopsie komme vom “eigenen Anschauen“, nicht dem “sich selbst Anschauen“. Wer hat da jetzt recht?

Mit freundlichen Grüßen, per Email,
Thomas Fröhlich

Lieber Thomas,

im Bemühen um Begriffdisziplin wollen wir unseren Sprachgebrauch justieren, wird doch “Rasse” in naturwissenschaftlichen Zusammenhängen nur noch für Haustiere und Kulturpflanzen verwendet. Und auch hier erodiert der Begriff zunehmend. Im Sinne der von Ihnen zitierten Fremdwortdeutung wollen wir von Spezies oder Art sprechen. Gehen wir nun in medias res. In einer idealen Welt wäre allen Teilnehmern am Diskursrund seit jeher eine umfassende und genaue Kenntnis des Griechischen und des Lateinischen eigen. Die Erzeugung neuer Begriffe und ihr Verständnis griffen seit jeher in einander wie die Zahnräder einer gut gewarteten Maschine. Dem ist nicht so. Die Konfusion ist dabei eine doppelte. Manchmal werden und wurden Latinismen oder Graecismen schlecht konstruiert, wesentlich öfter falsch verstanden. “Autopsie”, vom griechischen Abstraktum autopsía, ist zusammengesetzt aus autós (selbst) und dem Verbalstamm op- (sehen). In unseren sprachlichen Breiten bildet es sich erst im 19. Jahrhundert, vermittelt über das französische “autopsie” heraus. Nach landläufigem Verständnis ist damit die gründliche medizinisch-pathologische Untersuchung einer Leiche gemeint, in der Regel, um die Todesursache festzustellen. Der Begriff ist indes weiter gefasst, benennt er doch jegliche genaue Untersuchung eines Gegenstandes oder Themas durch Augenschein. Gemeint ist der eigene Augenschein, als das Sehen mit eigenen Augen. Im diesem Sinne wird der Begriff auch in den hermeneutischen Wissenschaften verwendet - als das Erfassen von Dokumenten und Materialien anhand vorliegender Originale, und nicht anhand von Kopien und Abschriften. In diesem Sinne wäre Ihre sinnerfassende Lektüre dieser Erläuterungen keine Autopsie. Selbst wenn sie den Text mit eigenen Augen gesehen hätten. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

8. März 2015 (0) Comments

Facebook

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 7.3.2015.

Face ist das Gesicht, book ist das Buch. Was aber ist ein Facebook? Ein Gesichtsbuch? Ein Buch der Gesichter? In seinen Anfängen, sie liegen erst gute zehn Jahre zurück, war Facebook noch kein weltumspannender Milliardenmoloch, sondern ein simpler Studentenjux. Ein Harvard-Bummelstudent hatte eine schnellgeschriebene Seite ins Netz gestellt, auf der man Komilitonen-Portäts bewerten konnte. Die Bilder, so geht das Gerücht, sollen von den Verwaltungs-Servern der Studentenheime runtergeladen worden sein. Es waren jene Fotos, die der Erstellung von Studentenausweisen dienten und die sich üblicherweise in den offiziellen Jahresberichten (vulgo Facebooks) der jeweiligen Colleges wiederfanden. Der Bilderraub blieb nicht ohne Folgen. Der Initiator wurde verwarnt, der Rest ist Mediengeschichte. Ohne jemals Tellerwäscher gewesen zu sein, wurde der Facebook-Erfinder Multimilliardär.

Facebook war indes schon bald viel mehr als eine launige Galerie von Automatenfotos. Es wurde zur allgegenwärtigen Nachrichtenmaschine, zum globalen Wirtshaus. Es spricht soziale wie asoziale Kompetenzen gleichermassen an und lebt von der Verwertung all jener Daten, die seine Beteiligten dort freiwillig abladen. Facebook ist böse, und das ist gut so. Sagen seine Betreiber. Aber ist Facebook überhaupt noch ein Facebook?

Facebook, so der jüngste Befund, ist längst kein Facebook mehr, sondern ein Catbook, eine Seite von Katzenbildern. Die Abbildungen feliner Familienangehöriger haben in Anzahl und Intensität längst die Schnappschüsse von Sonnenuntergängen überflügelt, die Fotos von Selbergekochtem und die Reportagen aus der Windelwelt. Die Katzen sind die wahren und wohl auch bleibenden Herrscher von Facebook. Warum ist das so? Weil sie Katzen sind, sagen die Katzenbildposter. Launige Kommentatoren haben jüngst die nicht unspannende These aufgestellt, nach der Catbook (offiziell noch Facebook genannt) in Kern und Wesen altägyptischen Ursprung sein. Was sei die Intention der Seite? Alles an Wände zu schreiben und dabei Katzen zu verehren.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 7.3.2015.


6. März 2015 (0) Comments

Der Mythos vom 99-Cent-Ende

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 10/2015

Liebe Frau Andrea,

hat sich irgendwer schon philosophisch, psychologisch, wissenschaftlich mit dem Thema der 99-Cent-Preise auseinandergesetzt hat? Gibt es dazu schon Protestbewegungen, Publikationen und so in Richtung faire Preisgestaltung oder Aufrufe zu geraden Preisen?

Mit freundlichen Grüßen, per weitergeleiteter Email,
Gerhard Reibling

Lieber Gerhard,

wir alle kennen die Situation. Wir stehen im Supermarkt, haben einen Produkt auf unserer Einkaufsliste gefunden. 2,99 sagt das Preisschild. Nicht viel, aber doch etwas billiger als 3,00, der (gedachte) runde Preis. Wir nehmen das Produkt. Warum eigentlich? Alles Psychologie, sagen die Experten. Die Wissenschaft hat bewiesen, dass die Umsätze steigen, wenn die Preise auf die nächstkleinere 99er-Endung abgerundet werden. So erzählen es die verschiedenen Glaubensschulen der ökonomischen Theologie. Tatsächlich kommt die Wissenschaft zu ganz anderen Ergebnissen. Studien haben gezeigt, dass runde Preise weder den Umsatz über alles senken, noch, dass dann weniger Artikel verkauft werden. Ganz im Gegenteil, es kommt sogar zu einem leichten Anstieg beider Parameter. 99-Cent-Preise und ihr positiver Impakt auf die Wirtschaft gilt mittlerweile als selbsterfüllende Prophezeiung und als ökonomischer Unsinn. Wie viele populäre Wirtschafts-Märchen kommt auch der Mythos vom gewinnstiftenden 99er-Preis-Ende aus dem Land der Tellerwäscher und der Millardäre. Und da er noch nicht gestorben ist, wird er heute noch erzählt. Proteste gibt es keine. Und wenn, verhallen sie in den Gängen der Supermärkte. Wären damit runde Preise das Ideal? Keineswegs. Hat doch die Wissenschaft noch ganz andere Mechanismen zwischen Preis und Käufer entdeckt. So vertrauen wir, weil wir runde Preise zurecht als “gemacht” und willkürlich bewerten, eher unrunden Preisen ohne die Zahl neun. Einem Preis wie 512.- also eher, als der runden Summe 500. Dabei spielt, es so die Wissenschaft, keine Rolle, dass diese Preise ebenfalls willkürlich bestimmte sind. Und mehr noch: Der Trick mit den unrunden Preisen funktioniert bei uns sogar, wenn wir den psychologischen Menchanismus kennen. Auch dagegen haben sich übrigens noch keine Bürgerbewegungen formiert. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

1. März 2015 (0) Comments

Griechenlandkunde

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 28.2.2015.

Eines der griechischen Nationalsymbole ist “I Galanolefki" (die Himmelblau-Weiße), auch "I Kianolefki" (die Azur-Weiße) genannt. Dem Status der Fahne entspricht seine poetisch-heroische Aufladung. Neben dem orthodox-christlichen Kreuzsymbol zeigt das Banner neun horizontale Streifen, die nach populärer Deutung den neun Silben der Phrase "Eleftheria i thanatos” (Freiheit oder Tod) entspricht. Der markige Spruch gilt als Motto Griechenlands, entstanden während des Griechischen Unabhängigkeitskrieges und eingängiges Mem im Kampfes gegen Tyrannei und Unterdrückung. In simplerer Deutung sollen die Streifen der Flagge exakt den Buchstaben des Wortes Ελευθερία (Freiheit) entsprechen. Ein anderer Mythos schreibt den neun Streifen die neun Musen der Antike ein. Demnach flattern bei gutem Wind stets die Töchter von Göttervater Zeus und Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung mit - Klio (die Muse der Geschichtsschreibung), Melpomene (Tragödie), Terpsichore (Tanz), Thalia (Komödie), Euterpe (Flötenspiel und Lyrik), Erato (Liebesdichtung), Urania (Astronomie), Polyhymnia (Hymnengesang) und Kalliope (epische Dichtkunst). Ob Griechenlandbetreuer Wolfgang Schäuble, der große Kontrahent von Transzendentalökonom Yanis Varoufakis, je mit auch nur einer der Musen in Kontakt gekommen ist, ist nicht bekannt. Dennoch ist das Süddeutsche fester Bestandteil der griechischen Flagge. Zwar deuten moderne Interpreten das Hellblau und Weiß des Hellenenwimpels als jenes von Wolken und Himmel (oder dem der ägäischen Häuserfärbelung), mit größerer Wahrscheinlichkeit kommt das griechische Fahnenblauweiss aber von einem gebürtigen Salzburger. Datiert die griechische Nationalflagge doch aus der Regentschaft des ersten Königs von Griechenland, Otto. Óthon, Vasiléfs tis Elládos (1815 auf Schloß Mirabell geboren), war ein Wittelsbacher. Für die Fahnenkundler ist das Hellblau-Weiß der griechischen Flagge in Herkunft und Farbton das der Bayerischen Landesfarben. Es ist jenes Himmelblau, das die Isar zeigt, wenn sie an einem Hochsommermorgen über das Weiß ihrer Sandbänke rauscht. Ελευθερία!

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 28.2.2015.

28. Februar 2015 (0) Comments

Podiumsdiskussion ::: Seestadt Aspern
Do. 26. Februar 2015, 18:30h

Podiumsdiskussion
"Lebensqualität und neue Werte“
Donnerstag,
26. 2. 2015
18:30h
Club Seestadt
Aspern

Es diskutieren:
Anna Popelka, PPAG architects
Andrea Maria Dusl, Illustratorin, Kolumnistin, Filmemacherin
David Bogner, Chefredakteur Vice Magazin


Im Anschluss: Kulinarischer Ausklang mit musikalischer Begleitung
Moderation: Raimund Deininger, SALoTTo Vienna

18:00h Open Doors
18:30h Begrüßung + Projektupdate: Claudia Nutz, Vorstand Wien 3420 Aspern Development AG
18:45h Podiumsdiskussion Lebensqualität + Neue Werte mit

Location ist die 'FABRIK' auf der ehemaligen Rollbahn – aktuell nicht zu übersehen, da das davor positionierte 'Flederhaus' multimedial bespielt wird. --> Endstation U2 Seestadt --> Ausgang Seestadtstraße und von dort direkt auf die Rollbahn und weiter zum Flederhaus. Dahinter befindet sich die Veranstaltungshalle 'FABRIK', in der seit Jänner 'Salotto.Vienna' beheimatet ist.

Anfahrtsplan:
http://www.aspern-seestadt.at/resources/files/2014/11/12/3450/anfahrtsplan-dez-2014.pdff

26. Februar 2015 (0) Comments

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