Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Des Wedels Sprengelwirkung

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 51/2014

Liebe Frau Andrea,

ausgehend von einem Gespräch über das Singen im Advent sind wir auf kirchliche Bräuche gekommen. Unter anderem auf das, ja wie heißt es eigentlich richtig, Besprengen von Dingen und Menschen mit Weihwasser. Bitte klären Sie uns auf! Wie nennt man das Gerät, mit dem der Pfarrer segnet?

Kirchentechnisch verunsichert, mit besten Adventgrüßen,
Karin Glander, Downtown Leopoldstadt, per Privateingabe

Liebe Karin,

das liturgische Gerät, von dem Sie sprechen, wird von katholischen Priestern, aber auch von Laien zum Besprengen mit Weihwasser verwendet. Im Einklang mit seiner Wirkungsweise hiess das Gerät ursprünglich Sprengel oder Sprengil. Umgangssprachlich zirkulieren die Ausdrücke Weihwassersprenger oder Weihwasserwedel. Relativ spät setzte sich hierzulande der lateinische Ausdruck des Sprengwedels durch: Aspergill, von Aspergillum, abgeleitet von aspergere, anspritzen oder bespritzen. Der meist silberne oder zumindest versilberte Weihwasserapplikator besteht aus einer durchsiebten Hohlkugel an einem handlichen Griff. Die hohle Kugel an seinem Ende kann geöffnet werden, um einen kugelförmig zugeschnittenen Schwamm aufzunehmen, der das Weihwasser aufnimmt und beim Segnungsakt mit einer sachte peitschenden Bewegung als Sprengsel entlässt. Ältere Versionen tragen statt der Sprengelkugel pinselartige Wedelborsten aus Tierhaar. Zur Aufnahme geweihter Flüssigkeit wird das Aspergill in ein Kübelchen mit Weihwasser getaucht, das in der liturgischen Fachsprache Aspersorium genannt wird und den Kunstwissenschaftern als Situla (Seidel) bekannt ist. Für den katholischen Aussendienst auf Friedhöfen, in Krankenzimmern oder bei der Weihe von miliärischem Gerät und Neubauten verwendet der Klerus gerne auch Taschengeräte. Mit dem sprachlichen Wechsel von Sprengel zu Aspergill profanierte der Begriff für das Gerät und übertrug sich auf den Wirkungsbereich des Pfarrers, Diakons oder Bischofs. Sein segnender Wirkungsbereich heißt seither Sprengel. Wir ahnen es: Auch in so säkularen Bezeichnungen wie Wahlsprengel verbirgt sich die Bezeichnung für den Weihwasserwedel! Man darf annehmen, dass kirchennahen Parteien diese sprachliche Nähe so bewusst wie willkommen ist. Klingeling! www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

14. Dezember 2014 (0) Comments

Satt oder dulo? Nimedu gar?

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 50/2014

Liebe Frau Andrea,

allerwerteste Comandantina, wenn ich hungrig bin, esse ich, danach bin ich satt. Wenn ich durstig bin, trinke ich, danach bin ich… ja, was? In keiner europäischen Sprache scheint es ein Trink-Pendant zu “satt” zu geben. Dasselbe habe ich jetzt auch für die chinesische Sprache festgestellt. Ist es möglich, dass die ganze Menschheit auf ein Eigenschaftswort für “flüssiges satt” verzichtet?
 
Untertänigst und höchst verunsichert, Josef Dollinger,
Wien 7, per Email


Lieber Josef,

das Problem ist nur scheinbar eines der Sprache. Vielmehr führt ihre Frage in einen Raum, der von Körperbedürfnissen und und kulturellen Praxen aufgespannt wird. Schon Ihre These, nach der es eine Ereignisabfolge Hunger-Essen-Sättigkeitsgefühl gebe, müssen wir als diffus zurückweisen, essen doch viele von uns, ohne vorher hungrig gewesen zu sein. Auch für Gefühle des Sattseins lassen sich keine allgemein gültige Aussagen treffen. Was ist “satt”? Jede Antwort zwischen “unhungrig” und “voll” wird Gültigkeit beanspruchen. Das schmerzhafte Gefühl echten Hungers wird in unseren Gesellschaften wohl eher mit der ernährungsproduktiven Lustform des Appetits verwechselt. Echter Durst, hervorgerufen durch Dehydrierung kann sich schon eher einstellen. Und in der Regel durch das Trinken von geschmacksneutralem Wasser gestillt werden. Gestillt also! Nach dieser Spracherfahrung müsste das Pendent zu “satt” eigentlich “still” lauten, oder “gestillt”. 1993, als die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden die Bevölkerung aufgerufen hatte, sich an einem Sprachspiel zu unserem Thema zu beteiligen, wurde dieser Begriff nicht anerkannt. Auch Neologismen wie “trinksatt” und “gelabt” wurden von der Gesellschaft zurückgewiesen. 1999 kam es abermals zu einer Suche nach dem Gegenwort zu "durstig". Der Duden-Verlag und der Tee-Hersteller Lipton hatten zu einem Ideenwettbewerb aufgerufen, der Seltsamkeiten wie "nimedu" (für "nicht mehr durstig") oder "dulo" (für "durstlos") hervorbrachte, aber auch Umdeutungen wie "gewässert", "gelöscht" oder "abgefüllt". Gewinnerin des Kontests wurde die fragwürdige Neuvokabel “sitt”. Es blieb seither still um “sitt”. Dann schon eher “dulo”. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

5. Dezember 2014 (0) Comments

Scham und Haare in der Bürste

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 49/2014

Liebe Frau Andrea,

in der Kolumne ihrer Kollegin Heidi List las ich von einem Haarfetischisten, der Kopf- und Schamhaare von Frauen (durch rechtswidriges Öffnen der Koffer von Fluggästen) aus deren Haarbüsten gesammelt hat. Wie kommen Schamhaare in eine Haarbürste? Nehmen manche Frauen ihre Schamhaare, auf welche Weise sie sich derer auch entledigen, im Koffer griffbereit mit? Und überhaupt: Eine Bürste für beides? Igitt. Da kann ich Frau Heidi List nur zustimmen. Bitte um (Auf-) Klärung, bevor ich eine Bürstenphobie bekomme oder nur mehr an Frauen mit Bürstenhaarschnitt Gefallen finde.

Mit freundlichen Grüßen
Peter Zejda, per Email

Lieber Peter,

zu den großen Themen der Menschheitsgeschichte gehört die Verehrung des Haares. Denken wir an Rapunzel, Medusa, Samson und die Beatles! Was den Anlassfall Ihrer Erschütterung betrifft, wissen wir (und die einschlägige Szene) nicht mehr, als dass die Polizei in Sydney die Wohnung eines Diebes durchsucht und dabei ungewöhnliches Diebesgut gefunden haben will: Eine große Sammlung von Plastiksäckchen mit den “Kopf- und Schamhaaren” von Frauen. Der Haarfetischist habe am Flughafen gerbeitet, lesen wir, habe die Koffer von Fluggästen geöffnet und aus diesem Fundgebiet Haare aus Bürsten gesammelt. Der Mann tat dies, so die Berichte, um sich damit sexuell zu erregen. Hier müssen wir einhalten. Zu unserem Bedauern (und dem der Aufklärung) liegt uns nicht die Eigenexpertise des Sammlers vor. Diese würde, so dürfen wir vermuten, ein anderes Bild zeichnen. Jenes des Langhaarsammlers, des Kollektors von Bürstenwolle. Zu einem überragend grossen Anteil wird die Sammlung unseres Haarfetischisten aus Haupthaar bestanden haben. Im Einklang mit sämtlichen Trends zu Schamrasur und Brasilian Waxing dürfen wir von einer winzigen Fundmenge an Schamhaar in Bürsten ausgehen. Eher ist an das Barthaar von Männern zu denken, die akzidentiell die Bürste der Partnerin für barbarische Zwecke missbrauchten. Diese These zeichnet das Bild eines tragischen Falles. Wir finden den Fetischisten in neuer Rolle wieder. Neben jener des “Diebes” auch als Opfer polizeilich falsch gedeuteter Sammlertätigkeit. Ein hoher Preis für eine harmlose Leidenschaft. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

30. November 2014 (0) Comments

Rede und Anrede

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 48/2014

Liebe, sehr geehrte Frau Andrea!

In dieser Anrede steckt schon meine Frage: “Liebe...” ist ja doch etwas intim, wir kennen uns ja gar nicht. “Sehr geehrte...” ist reichlich förmlich, wir sind ja nicht beim Finanzamt. Bei vielen Briefen, die geschrieben werden wollen, stehe ich vor diesem Problem. Gibt’s da noch irgendwas dazwischen? Hülfe es, in eine andere Sprache auszuweichen?

Mit Dank und Grüßen,
Brigitte Guschlbauer, Mödling

Liebe Brigitte,

zu den Herausforderungen postmoderner Kommunikation gehört die Einschätzung von Distanzen. Wer ist wer zu mir, wie spreche ich an und wie lasse ich mich ansprechen. Nicht leicht in Zeiten von IKEA-Du und öffentlichen Handyphonaten. In den hierarchischen Gesellschaften unserer Eltern und Großeltern war das Feld der Andrede noch einigermassen bestellt. Nach oben wurde gesiezt, nach unten geduzt, protokollarische Nähe verleitete zum Du, Ferne und Ungewissheit zum Sie. Die Anrede in Briefen folgte diesen Usancen. Sie sollte vor Vertiefung in den Inhalt sicherstellen, dass die Richtigen zur Lektüre eingeladen wurden. Die Anredeformel setzte in größtmöglicher Kürze auch den Ton des Schreibens fest. Von der reichen Palette an Förmlichkeiten und Direktheiten ist im Deutschen nur mehr die Polarität “Liebe, Lieber” versus “Sehr geehrte, sehr geehrter” übriggeblieben. Schon “geehrte” oder “werte” Angeschriebene gibt es kaum mehr, auch wenig Exzellenzen, Magnifizenzen, Hoch- und Wohlgeborene, Durchlauchten, Hoheiten und Majestäten. Dero Heiligkeiten gibt es nur ganz wenige. Wie also ansprechen? Im Freundlichkeitsfalle immer so, wie der/die Angesprochene angesprochen werden möchte. Ein Ratespiel, gewiß! Aber liegt hierin nicht auch Raum für unbewusste Botschaften? In Liebes- und Zornesdingen sprechen Sie an, wie ihr Herz befiehlt. Törichter! Angebete! Gebieterin! Schändlicher! Oida! Bei fremdsprachigen Liebesbezichtigungen gilt die Regel: Je romanischer, desto besser - lateinisch nur für Kundige. Poesie behielten wir nur Eingeweihten und Rätselfreunden vor. Kurz zur Adressierpolitik in dieser Kolumne: Die Floskel “Liebe Frau Andrea, ...” und das Hamburger Sie inszenieren in satirischer Weise eine Anrede-Kultur in der Tradition viktorianischer Kummerkolumnen. Bam! www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

23. November 2014 (0) Comments

Asiatische Atemschutzmaskerade

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 47/2014

Liebe Frau Andrea,

in den letzten Tagen sind mir in Wien verstärkt Asiaten mit Einweg-Atemschutzmasken aufgefallen. Das Tragen von Masken dieser Art mag an der Zeit liegen – wir denken an die beginnende Grippezeit, an Ebola, an den Trend zu Gesichts-Schönheits-OPs, an Halloween und den bevorstehenden Faschingsbeginn. Ich glaube nicht, dass alle der von mir gesichteten Personen aus dem feinstaubbelasteten Peking kommen. Warum also gerade Asiaten mit Masken und warum in Wien? Ihre Weisheit ist gefragt!

Bleiben Sie gesund!
Herzlichst, Martin Paul Dvorak

Lieber Martin,

Ihre Wünsche erreichen mich zu spät, ich habe seit dem Sommer an zwei unterschiedlichen Grippewellen teilgenommen und auch eine bakterielle Entzündung der oberen Atemwege hinter mich gebracht. Zur Sache. Als Stadt der Faschings- vulgo Karnevalsmasken darf Venedig gelten. In der Stadt ohne Straßen können wir immer wieder das Modell eine Larve entdecken, die fälschlicherweise als Verkleidungsutensil zum Einsatz kommt: Die Vogelmaske der Pestärzte. In deren spassiger Renaissance verbinden sich alle von ihnen erwähnten Motive des Tragens eines Gesichtsschutzes - die Schönheitsoperation mal ausgenommen. Die von Ihnen reportierten Sichtungen von Touristen aus Asien korreliert mit der Beliebtheit Wiens als Reisedestination - Schutzmasken tragende Ostasiaten begegnen uns auch in Prag, Berlin, London oder Paris. Das Mem maskentragender tokiotischer U-Bahn-Passagiere oder jenes von Radfahrern in chinesischen Millionenstädten befördert die Idee vom gesichtsschutzbedürftigen Asiaten. Vorherrschend ist hier der Gedanke, die Maske schütze neben dem Angehustetwerden vor Smog und Feinstaub. Warum also Masken in Wien, das dank vorherrschend starker Winde aus dem waldigen Westen als Weltstadt mit bester Luft gelten kann? Nun, Atemschutzmasken schützen nicht nur die Tragenden sondern auch deren Umgebung. Hilfreich ist dabei das Bild der Chirurgen, deren Atemschutz sie vorrangig nicht vor den Keimen der Patienten sondern ganz umgekehrt, diese vor jenen der Operateure schützt. Japaner, Koreaner, Thailänder und Chinesen schützen einander vor Ansteckung, nicht sich. Im Lichte gesundheitspolitischer Solidarität ist dies ein schöner Gedanke. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

16. November 2014 (0) Comments

Gif der Woche #1

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12. November 2014 (0) Comments

Franziskusaudienz im Höllenkrater

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 46/2014

Liebe Frau Andrea,

2013 widmete die Presse dem neu gewählten Papst Franziskus einen Artikel: “Papst ohne Pomp?” Herrlich verstörend war der Text mit einem Bild illustriert, das Franziskus ganz klein vor einer riesigen Skulptur zeigt, er weiß gekleidet, die Skulptur riesig, schwarz und - ja, was eigentlich darstellend? Verschlungene Schlangen, die in einem hundsköpfigen Höllenfürsten gipfeln? Das Fegefeuer, die Hölle? Wieso sitzt der neue Papst vor dieser Skulptur? Und wo steht sie (Buenos Aires?) Wer hat sie erbaut? Das Bild hängt immer noch in unserer Küche, Bitte um Aufklärung!

Liebe Grüße, Gregor Birkhan, per Email


Lieber Gregor,

das herrlich verstörende an dieser Kolumne liegt in ihrer Unillustriertheit. Wir können uns hier nur der Sprache bedienen. Das von Ihnen vorgelegte, hochsymmetrische Bild zeigt vor enormer Kulisse neben Sparpapst Franziskus und zwei klerikalen Trabanten auch zwei grellkostümierte Landsknechte. Die Schweizergardisten verweisen auf den Ort, an dem wir uns befinden: Der Vatikan in Rom und ebendort die vatikanische Audienzhalle, nach ihrer Funktion als “Aula delle Udienze Pontificie“ und nach ihrem Bauherrn als “Aula Paolo VI“ bekannt. Die mächtige Einfunktionshalle aus Stahlbeton wurde 1971 vom italienischen Architekten Pier Luigi Nervi errichtet. Das Fassungsvermögen der Halle (sie liegt zum Teil auf extraterritorialem, nämlich italienischem Staatsgebiet) ist enorm. Bei jenen päpstlichen Mittwochmorgen-Generalaudienzen, die nicht am Petersplatz stattfinden, finden unter ihrer sanft geschwungenen, parabolisch gewölbten Decke 6327 Personen einen Sitzplatz. Stehend könnten bis zu 25.000 Besucher an einer Generalaudienz des Nachfolgers Petri teilnehmen. Als Bühnenbild dient der Audienzhalle seit 1975 eine hypertrophe Metallskulptur von enormen Ausmassen und ausgesuchter Hässlichkeit: Aus 40 Tonnen Bronze und Messing schuf der italienischen Bildhauer Pericle Fazzini auf 21 Metern Breite, sieben Meter Höhe und drei Metern Tiefe ein grausames Gußmetallgestrüpp mit dem Titel “La Resurrezione”. Das Kunstwerk stellt die Auferstehung Jesu dar, der sich aus dem Krater einer nuklearen Explosion erhebt. Die Arbeit an der monströsen Visualiserung katholischer Ängste dauerte sieben Jahre. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

9. November 2014 (0) Comments

Ufersam - Wien und Budapest

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 45/2014

Liebe Frau Andrea,

mein Vater (Neurobiologe) behauptet, die Ortsnamen Wien und Budapest bedeuten das gleiche, nur wisse das keiner. Meine Mutter (Psychoanalytikerin) hält dem entgegen, zweiteres stimme, ersteres hätte er gerne. Welcher Lehrmeinung soll ich (Physiker) mich anschließen?

Beste Grüsse sendet Leonhard Hofstädter,
1030 Wien, per Mail


Lieber Leonhard,

klären wir zunächst die Herkunft des Ortsnamen von Wien. Nach gängiger Etymologie stammt der vom Fluss Wien. Dieser wiederum soll eine Verschleifung des keltischen “Vedunia” (Waldbach) sein. Der römische Name Wiens, Vindobona, kommt ebenfalls aus dem Keltischen - er bedeutet soviel wie Weisser (vindo) Berg (bona). Im Namen Wien (wienerisch: Wean) hat er aber sprachlich keine Spur hinterlassen. Begeben wir uns flussabwärts. Der Name Budapest entstand 1873 mit der Vereinigung der Stadtteile Buda und Pest, westlich und östlich der Donau. Deren sprachliche Ursprünge sind einigermassen obskur. Schon im Mittelalter leitete man den Namen der Siedlung auf und um den Burgberg von Bleda (Buda) ab, so der Name des Bruders von Hunnenkönig Attila. Eine alternative Etymologie schlägt vor, in Buda das slawische “voda”(Wasser) zu sehen, die Übersetzung der römischen Siedlung Aquincum. Für Pest gibt es einen Anknüpfungspunkt im Namen einer römerzeitlichen Festung, die Ptolemäus als “Pession” bezeichnete. Nach anderer Theorie kommt “Pest” (ungarisch Pescht ausgesprochen) entweder vom slawischen “Peschera” für Höhle oder von “Petsch”, soviel wie Ofen. Man vermutet, dass dieses Wort über Bulgarisch pešt (Pescht) ins Ungarische gekommen ist, es gehört zur gut bezeugten slawischen Wortfamilie "backen, braten". Ofen war nun auch die deutsche Bezeichnung von Pest, was dieser Version einiges, wenn auch nicht sämtliches Gewicht verleiht. Was hat das nun mit Wien zu tun? In den meisten slawischen Sprachen heisst die Bundeshauptsatdt von Schnitzelland Beč (Bedsch). Die Bezeichnung kommt aus dem Ungarischen, wo Wien seit den Zeiten der magyarischen Herrschaft im 9. und 10. Jahrhundert Bécs (Bedsch), soviel wie Steilufer heißt. Nicht undenkbar, dass ihr Vater recht hat und Bedsch (Wien) und Beschd (Pest) das gleiche bedeuten. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

2. November 2014 (0) Comments

Halloween

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 1.11.2014.

Die Toten sind los. Genau genommen sind die Toten natürlich weiterhin tot. Los sind die Lebenden. Aber auch das ist keine gute Nachricht. Gewandet in Moderlumpen, geschminkt wie Verwesende wanken die Untoten durch einen nur scheinbar modernen Kult: Halloween. Im traditionellen Verständnis der heimischen Feiertagskultur gilt der Allerheiligentag der Besinnung und Einkehr. Die Gräber der Lieben werden besucht, mit Blümchen und Kerzen geschmückt und mit der einen oder anderen Träne getränkt. Es ist kalt und grau und genau das ist auch der Grund für den Grabbesuch. Noch vor dem ersten Schnee muss Nachschau gehalten werden, ob die Toten noch in den Gräbern liegen. Die Kirche und ihre säkularen Echos haben aus dem Kontrollbesuch zum Ende der Vegetationsperiode eine depressiv gestimmte Besinnungsfeier gemacht. Mitgebrachtes wie Blümchen und Kerzen aber ist Erinnerung an ein Festmahl, das östlichere und südlichere Gesellschaften noch gut kennen. Sie pflegen bis heute das gemeinsame Essen der Lebenden mit den Toten. Das uralte Ritual geschieht nicht ohne Eigennutz. Indem den Toten Essen und Trinken mitgebracht wird, sollen diese vom Besuch im Reich der Lebenden abgehalten werden. Die Toten sollen in der Erde bleiben und dort satt weitermodern. In Zeiten vor diesen grub man die Toten tatsächlich noch einmal aus und brach ihnen die Knochen. Diese Zusammenhänge liegen nur lose unter der dicken Decke des Vergessens. Zumindest in Schnitzelland sind die lebenden Toten täglich unterwegs. Auch jenseits des anglosächsich-keltischen Kostümfest-Imports Halloween. Ideen, die sich wo anders schon in den Kräften der Zersetzung verloren haben, spuken bei uns herum, als wären sie frisch aus dem Grab gestiegen. Dieser Schein einer zombiehaft auferstandenen Ideenarmee aber trügt. Die untoten Konzepte waren nie tot. Man hat sie nur scheinbeerdigt. Wie sagt das Märchen? Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Tot indes, sind in Österreich nur die Lebenden.

31. Oktober 2014 (0) Comments

Elegisches aus dem Rettichraum

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 44/2014

Liebe Frau Andrea,

beim häuslichen Ordnungsmachen ist mir eine alte Schallplatte mit Herwig Seeböcks legendärer “Häfenelegie“ in die Hände gefallen. Dort lernen wir, dass im Gefängnis vulgo “Häf’n” das WC “Rettich“ heißt! Wiederholt hatte man Seeböck zu verstehen gegeben, er solle sich in dasselbe, nämlich “in den Rettich hauen”. Wie ist das WC im Gefängnis zu diesem Namen gekommen? Vielen Dank für eine entsprechende Aufklärung!

Liebe Grüsse sendet
Hans Linzer, 1230 Wien, per Mail


Lieber Hans,

im legendären, 1965 uraufgeführten autobiographischen Theatermonolog "Die grosse Häfenelegie" verarbeitet Seeböck seine Erlebnisse in einem österreichischen Gefängnis. Der Maler, Schauspieler und Kabarettist war beim Fensterln in einem Heurigenlokal, insgesamt einer harmlosen, aber “bsoffenen Gschicht”, irrtümlich für einen Einbrecher gehalten worden. Wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt während der Amtshandlung wurde er zu einigen Monaten Bau verdonnert. Das im Gefängnis kompilierte Stück konserviert eine Vielzahl von gaunersprachlichen Ausdrücken aus der Halb- und Unterwelt. In über dreitausend Aufführungen des Textes und besagter Schallplatteneinspielung sind einige Begriffe in die bürgerliche Vokabelwelt übergetreten. Zunächst bezeichnet “Rettich” (lateinisch raphanus, von radix für Wurzel) die rübenförmige Wurzel einer krautigen Pflanze aus der Familie der Kreuzblütengewächse. Bei Besuchern des Wiener Biergartens Schweizerhaus steht die weisse Wurzel, wienweit “Radi” genannt, in hohem Ansehen. Man irrte, suchte man in Trichterform und Kanalanbindung des Gefängnisklos Verwandtschaft mit der tiefsteckenden Wurzel. Kommt doch die Bezeichnung Rettich für den Abtritt aus gänzlich anderer Richtung. Nach geltender Lehrmeinung der Sprachforscher ist Rettich aus Rediarád bzw. Rediaré verschliffen worden, einem heute nicht mehr geläufigen, eleganten Ausdruck für das Klosett. Im ersten Fall kommt es vom französischen retirade (Zufluchtsort), im anderen vom damit verwandten retiré (zurückgezogen). Die sarkastische Qualität der Vokabel (der freistehende Gefängnislokus ist alles andere als ein Zufluchtsort) verbindet sich hier mit der olafaktorischen Qualität, die Urin und Wurzel teilen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

26. Oktober 2014 (0) Comments

Saunasaisonstart

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.10.2014.

Österreich und die Länder Skandinaviens sind auf vielfältige Weise miteinander verbunden. Die Eckpfeiler dieser Beziehung ragen exemplarisch heraus. So die politische Imprägnierung des Landes mit der Idee des Wohlfahrtsstaates. Dessen Protagonist, der spätere Staatsvertragsverhandler und noch spätere Sonnenkönig Bruno Kreisky hat die Nazizeit im Exil in Schweden überlebt. Im Dreikronenland lernte er nicht nur Knäckebröd und Köttbullar kennen, sondern auch seine Frau Vera Fürth und die sozialdemokratischen Mitmusketiere Willy Brandt und Olof Palme. Schicksalhaft skandinavischen Ursprungs ist auch das nationale Identitätsutensil Österreichs. Die Brettln, die in Österreich die Welt bedeuten, kommen weder aus Tirol noch aus dem Ländle und auch nicht aus den Salzburger Gauen. Schi und Schifahren hat Österreich aus Norwegen importiert. (Nachdem reiche Briten in der Schweiz das Hangabfahren auf Telemarkbrettern als winterliche Belustigung etabliert hatten). Konsequenterweise hat sich die heimische Inkoporationsindustrie nach weiteren Scandinavica umgesehen. Sie wurde in Finnland fündig. Das dort seit der Steinzeit praktizierte Aufsuchen einer Schwitzhütte fand in den goldenen Siebzigerjahren den Weg nach Schnitzelland und wurde hier kulturell überformt und technisch adaptiert. Die Nacktheit (ein Identitätsmerkmal der weitgehend egalitären nordischen Gesellschaften) wurde in Maßen beibehalten und um die Modeirrtümer “Saunakittel” und “Saunierschlapfen” erweitert. Die finnischerseits fest mit dem Saunaerlebnis verbundene Peitschmassage mit Birkenzweigen hat hingegen keinen Weg in die österreichische Heissluft-Badekultur gefunden. Zwar gibt es auch in finnischen Saunas den schweisstreibenden Vorgang des Aufgusses, die Infusion von “Saunaöl” oder heimischen Hallihallo-Substanzen wie Wodka, Enzianschnaps oder Zirbenlikör in den Aufgusszuber aber wäre undenkbar. Gänzlich verpönt wäre bei den Erfindern des Saunierens das Verwedeln des Aufgussdampfes mit Handtüchern und Lendenschurzen. Diese Sitte, man sei dessen stets eingedenk, ist eine genuin russische.

20. Oktober 2014 (0) Comments

Kaiser, Kaser, Schmer und Schmarren

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 43/2014

Liebe Frau Andrea,

ich bin zu später Stunde mit meinen Mitbewohnern über der Frage nach der Herkunft des Kaiserschmarren in Streit geraten. Die eine Fraktion von uns behauptet, er sei nach Kaiser Franz Joseph benannt, die andere (zu der ich gehöre), der Name beziehe sich nicht auf eine bestimmte Person, sondern auf die Vorzüglichkeit der Speise. So wie Kaiserwetter auf einen schönen Tag. Wer hat denn nun Recht?

Liebe Grüße aus Zehnvierzig,
Moritz Fischler-Penz, per Mail


Lieber Moritz,

Monarchisten und Heimatverklärer rücken die Entstehung der üppigen Teigspeise in die unmittelbare Nähe Kaiser Franz Josephs. Sie kolportieren die Legende, der gerissene Omlettenhaufen sei dem Kaiser bei einem seiner Jagdausflüge im Salzkammergut vorgesetzt worden sein. Einen simplen Holzfällerschmarren hätte man bei dieser Gelegenheit ihm zu Ehren mit guten Zutaten wie Milch, Rosinen, Eiern, Rum und Staubzucker verfeinert. So sei aus einem derben Waldarbeitergericht der vornehme Kaiserschmarren geworden. Andere Legenden wollen im Kaiserschmarrn eine Wortschöpfung kaisertreuer Landsleute sehen, die besonders beliebten und daher besonders vielen Grundgerichten ihrer Küche die Monarchensilbe voranstellte. So kennt die österreichische Küche den Kaiserauszug (Mehl der besten Qualität), das Kaiserfleisch (geräucherte Schweinebrust), den Kaiserg'spritzten (Mostschorle mit Hollunderblütensirup), das Kaisergulasch (eine Kalbfleischvariante mit Kapern), die Kaisermelange (Mokka mit Eigelb und Cognac), das Kaiserschnitzel (Kalbsnuss mit gehackten Sardellen, Kapern und Zitronensaft) und die Kaisersemmel. Tatsächlich ist der Kaiser-Schmarren der Kaser-Schmarren, der Schmarren der Kaser, der hochalpinen Käsemacher. Sprachlich hat der Schmarren oder Schmarrn seine Herkunft im Schmer, im Fettbrei. Gelte zu klären, wo es den besten Kaser-/Kaiser-Schmarren des Landes gibt. Easypeasy. Nirgendwo hat die Autorin dieser Zeilen je besseren Ka(i)serschmarren gegessen als bei Heli König auf der Loserhütte ob Altaussee. Liegt es an der würzig-kalkigen Luft des Loserberges, an den Nebelschwaden, die vom Altausseersee heraufziehen, oder geben die Augstalm-Kühe auf 1540 Meter andere Milch? Dieses Rätsel müssen wir noch klären. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

19. Oktober 2014 (0) Comments

Montag 20.10. 19h, Funkhaus Wien ::: Social Media ::: Ehalt, Herwig, Dusl

Podiumsgespräch mit
Mag. Dr. Andrea Maria Dusl
Jana Herwig, M.A.

Moderation: Univ.-Prof. Dr. Hubert-Christian Ehalt

Montag, 20. Oktober 2014
19 Uhr
ORF RadioKulturhaus
Großer Sendesaal
4., Argentinierstraße 30a

Anmeldung: +43 1 501 70 377
Info: www.wien.gv.at


"Geize nicht mit der Publikation von Sonnenuntergängen, lautet der Rat an den Facebook-Novizen, nicht mit der Veröffentlichung deiner braungebrannten Fußspitzen vor dem Weltmeer oder der frisch gebackenen Spinatlasagne im selbstgekneteten Römertopf. Sei ganz Künstlerin, ganz Künstler, schieb den Facebook-Deinen rüber, wenn du am Weltschmerz leidest, an einem logorrhoischem Schub oder dich eins fühlst mit dem Universum. Auf einschlägigen Seiten - Gleichgesinnte posten sie täglich - gibt es zu jeder Seelenbefindlichkeit einen passenden Konfuzius-Spruch. Schreibe den nicht bloß hin, sondern mach daraus ein Bild. Ein Schriftbild. Deine Freundinnen und Freunde werden es dir danken und die Erkenntnis zum Tag mit ihresgleichen teilen. Andrea Maria Dusl

16. Oktober 2014 (0) Comments

Produkte für die Wutoma

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.10.2014.

Schnitzelland hat eine neue Identifikationsfigur: Die Wutoma. Die zornige Weisshaarige im Sonntagsdirndl füllt jene Lücke, die Kleinkunstmime Düringer und Knopferlharmoniker Gaballier durch Präsenzpermanenz erst geschaffen haben - die ältere Dame aus höhergelegenem Hause mit tiefsitzendem Groll. Wurde das Genre der Wutbürgerei traditionell von testosteronbefeuerten Bühnenprofis ausgefüllt, gibt es momentan Konjunktur für die wütende ältere Frau aus dem Volk. Mit dem Aufstieg der Rauriser Altwirtin - Frieda Nagl betrieb vor der Überantwortung der Geschäfte an die zornige Tochter das launig-lauschige Hotel Alpenrose - ändert sich auch das Paradigma im Wutgeschäft. Bisher nährte sich das Zürnen weitgehend aus privatem Quell. Die Aufregung war allgemeiner Natur (Düringer) oder spezieller (Gabalier). Sie galt dem dumpfen Aufschrei gegen die Obrigkeit und dem schrillen Wettern gegen die Korrektheit. Wutoma Nagl hingegen betritt ein neues Feld. Ihr Unmut speist sich aus geschäftlichem Ungemach. Der Alpenhotelerie werde zuviel in die Töpfe geschaut, heisst es, den Gastrobauern gehe es ans Eingemachte. Der Staat mische sich zuviel ein, lautet der Ruf. Sackle die Besitzenden aus und bediene die Armen. Das hörten Volk und Krone und beide riefen nach mehr. Die Wutoma setzte sich vors Tonband, der Ghostwriter steisste ein Buch. Im grössten Kleinformat der Welt bespielt Frieda Nagl jetzt die Ressentimentkolumne. Oder lässt spielen. Dabei ist das alles nicht so neu. Neu ist die handelnden Person. Das Genre des tobenden, aber geschäftemachenden Regierungskritikers hatte einst der Wutjörg ins Leben gerufen und zu bitterer Blüte gebracht. Man muss nicht bis in die Zeiten der Bauernkriege und der tristen Geschichte des österreichischen Protestantsmus gehen, aber man kann und man soll, um zu verstehen, das die Decke der Gemütlichkeit eine nur dünne ist. Ebenfalls alt ist der Schrei nach Gerechtigkeit. Ihn stossen jene besonders gerne aus, denen das Schicksal verlässlich gut mitgespielt hat. Das Boot ist voll, kreischen die Wutösterreicher, auch wenn sie mitten auf der Alm stehen.

13. Oktober 2014 (0) Comments

Google Dir mal den Chemtrail

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 42/2014

Liebe Frau Andrea,

vermehrt entdecke ich in der Stadt die handschriftliche Aufforderung "Google Chemtrails". Es steht auf Plakaten, an Häuserwänden, Elektrokästen. Aber ich werde den Teufel tun, und googeln. Ich frage lieber Sie. Wissen Sie Bescheid?

Grüße aus Elfhundert,
Phillip Feyerl, per Mail

Lieber Phillip,

zunächst darf ich Ihre Sichtungen zu den besagten Graffti bestätigen. Die meisten davon wurden mit dickem schwarzem Filzstift oder farbiger Fettkreide appliziert. Auch stammen sie augenscheinlich nicht aus gleicher Hand. Ihre Evidenz ist auch nicht auf Wien beschränkt, auch im slowenischen Maribor gibt es Aufforderer - dort allerdings wird der Slogan gesprayt. Es scheint also mehr als eine Person im öffentlichen Raum mit der Verbreitung der Aufforderung beschäftigt zu sein. Das deckt sich mit der Wahrnehmung einer wachsenden Zahl von Webseiten, die sich unter Zuspruch einer besorgten Community von Postern mit dem Phänomen “Chemtrails” beschäftigt. Damit werden Kondensstreifen malefiziert, die in zunehmender Zahl am Himmel geortet werden. Bedenkenswert ist den Chemtrail-Observanten die Häufung der parallelen Abgaswolken, ganz böse ist das netzartige Überkreuzen der Jet-Streifen. Im Rahmen der Verschörungstheorie, die den Chemtrail-Geängstigten am Herzen liegt, werden hier von geheimen Mächten (der US-Regierung, den Bilderbergern, den Illuminaten, den Freimaureren, den Protagonisten der Einführung einer New-World-Order) Chemikalien in den Himmel gesprüht. Wahlweise soll damit das Wetter durch Regeninduktion manipuliert, die Erderwärmung durch Verwolkung hintertrieben, das Trinkwasser vergiftet, die Landwirtschaft monsantofiziert, die Zeugungsfähigkeit der Bevölkerung reduziert und (ganz ganz böse): die Gehirne Betroffener manipuliert werden. Im Rahmen verschwörungstheoretischer Wirkmechanismen verhallen alle Beteuerungen der Wissenschaft, es gäbe auch nur ansatzweise Grund für die angeführten Befürchtungen. Aber sagen Sie das mal einem Paranoiker: Er gäbe keinen Anlass für Paranoia. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

12. Oktober 2014 (0) Comments

Bundesheer federleicht

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 11.10.2014.

Österreich ist ein Land der Pragmatik. Im Zuge dieser privaten wie öffentlichen Verwaltungstaktik geschieht laufend Unversehenes. Ja Österreich selbst ist Produkt normativer (aber gänzlich zufälliger) Faktenlagen. Seine Existenz wurde nicht durch Revolutionen, sondern durch Heirat und Zusammenbruch hervorgerufen. Herbeigeflüstert möchte man sagen. Es ist nur konsequent, daß sich die Verteidigung des Landes nachhaltig in den Dienst der realen Landesverfassung stellt. Diese ist zwar nirgendwo aufgeschrieben, aber überall verankert. Nach Qualtinger ist die einzige Nation, zu der sich Österreich nachhaltig bekennt, die Resignation. Sie ist eine profunde Handlungsanweisung. Jene zum Nichthandeln nämlich. Das Volk hat entschieden, das Bundesheer in Volkes Hand zu belassen, von einer Professionalisierung der Armee hat der Souverän abgesehen. Alles blieb, wie es war, dies aber deutlicher.

Man muss die kontroversenreiche Entscheidung zur Beibehaltung des Status Quo in die richtigen Zusammenhänge stellen: Es gibt in Schnitzelland keine Erinnerung an funktionierendes Militär. Feldzüge, Schlachten und Kriege endeten zuletzt stets in Desastern. Die Österreicher sind kein Heldenvolk. Sie wollen es gemütlich. Man sollte dies nicht unterschätzen. Gemütlichkeit ist eine böse Waffe. Das Nichtfunktionieren der Armee die beste Versicherung, niemals in kriegerische Auseinandersetzungen zu geraten. Die Helvetisierung des Landes, sie wird immer wieder eingemahnt, scheiterte an der bitteren Erinnerung an Tod und Verzweiflung. Zwei Weltkriege - von den Österreichern Habsburg, Franz Josef und Hitler, Adolf in Auftrag gegeben - reichen als Erfahrung. Der Verteidigungsminister hat dies klug erkannt und militärisch die Liechtensteinisierung des Landes eingeleitet. Hilfreich war in diesem Zusammenhang der Ankauf schadhaften, sündteuren und zunehmend flugunfähigen Großgeräts. Die Selbstverzwergung Österreichs ist auch in militärischer Hinsicht erfolgreich abgeschlossen.

11. Oktober 2014 (0) Comments

Zwischen Bankert und Pamperletsch

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 41/2014

Liebe Frau Andrea,

letztens habe ich im Fortgehtreff Anzengruber ein Wort aufgeschnappt, das meine Wienerisch-Experten am Tisch seit Urzeiten nicht mehr gehört haben wollen. Leider hab ich keine Ahnung mehr, in welchem Zusammenhang das Wort fiel. Was genau ist ein “Pamperletsch?
 
Besten Dank für die Aufklärung und liebe Grüße!
Bettina Nachbaur-Köb, Feldkirch und Ottakring, per Email


Liebe Bettina,

das Wienerische ist ein Schmelztiegel von Mentalitäten und Sprachen. Tschechisches hat sich hier mit Allemannischem vermischt, Ungarisches mit Süddeutschem, Rumänisches mit Polnischem und Italienisches mit Jiddischem. Die Kombinationen sind vielfältig, die Zahl der Amalgame groß. Bringen wir Dunkel in ihren Nachtcafé-Fund. Als Båmpaledsch (etwas wackelig als Pamperletsch eingedeutscht) versteht man in der Schnitzelstadt ein Kleinkind. Die Bedeutungsfarbe des Ausdrucks oszilliert zwischen lieb-entzückend und lästig-ungezogen. Trotz der slawischen Anmutung des Wortes lassen sich zwei Herkunftsstränge völlig unterschiedlicher etymologischer Richtung ausmachen. So soll der Båmpaledsch nach Lehrmeinung der Einen eine Weiterbildung zum bairisch-österreichischen Båmpa sein, das (mit vielen Nebenbedeutungen) ein kleines rundes Ding bezeichnet. Als Bampal (ohne “å”) verstehen die Sprecher des alten Wienerisch die Kinderei, das dumme Zeug, den groben Unfug und (trotz Verkleinerungsform) auch einen ausgewachsenen, täppischen, dummen Kerl. Mit tschechischklingenden Anhängsel und unter Einwirkung der Vokabel ledschad (weich, nachgiebig) wurde aus dem Mundartwort Bampal der multilingual schillernde Båmpaledsch. Es geht aber auch einfacher. Nach anderer Theorie kommt unser Ausdruck vom italienischen bamboleccio, der dialektalen Verkleinerung von bambino (Kind). Die Italienerin in mir präferiert diese Deutung. Sollte ihnen die Conclusio zu unserer Causa zu romanisch sein, dürfen sie eigenen und fremden Fortpflanz auch als Budsal (Putzerl), Budse (Putzi), Frotss (Fratz), Boig (Balg), Rodsbippm (Rotzpippe) Bauksal oder Gfrasd bezeichnen. Weniger romantisch geht es auch. Mit dem derben Ausdruck Baungad (Bankert, vom mittelhochdeutschen Banchart) bezeichnet der Wienermund das auf der Bank der Dienstmagd gezeugte uneheliche Kind. Bussi. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

5. Oktober 2014 (0) Comments

Pillen für den Herbst

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 4.10.2014.

In der ersten Publikation meiner Schullaufbahn, dem ”Lesebuch für kleine Leute” nimmt der Herbst eine tragende Rolle ein. 1966 war das, ein knappes Jährchen vor dem Summer of Love. Erzähltechnisch befinden wir uns noch in der Nachkriegszeit. Das Lesebuch bildet einen idealisierten Herbst in der heimatlichen Großstadt ab, niemand hustet, niemand schnupft, kein Lichtverlust trübt das Seelenwetter. Alle Lachen sich den Herbst schön, sogar der Obsthändler, der ungehobelte Obstkisten voll pampiger Zwetschgen auf seinen klapprigen Leiterwagen hievt. Unterm Apfelbaum gehts lustig weiter. Unter Anleitung des männlichen Familienvorstands werden rotbackige Äpfel vom Baum gedreht. Uneingedenk der Tatsache, dass Wiener Kinder vieles hatten, aber gewiss keinen Familien-Obstbaum. Den Autoren des Lesebuchs war das bekannt, weshalb sie auch den tatsächlichen Herbstbaum der Stadt in den Fokus der Ernteberichterstattung rückten: Den Kastanienbaum. Dessen Früchte, von stacheliger Schale beschützt, hatten keinerlei offiziellen Nutzen, sie taugten nur zur Herstellung von zündholzbeinigen Phantasietieren. Trotzdem wurde hier geerntet, was die Körbe aufnahmen. Wind und Wetter im Lesebuchherbst werden zu leuchtendgelben Erzählungen fliegende Laubes und fortrollender Hüte ausgewalzt. Ein klappriger Greis mit Stock wird vom Herbststurm durch den Park geschmissen. Heissa, auch die Alten haben’s schön! Sonntags geht es munter weiter durch den Herbst des Jahres 1966. Der Vater, ein Gutausseher mit Kreppsohlen und James-Bond-Sakko lässt zum Gaudium seines schulpflichtigen Nachwuchses einen gelbgesichtigen Drachen steigen, dessen Frisur (zwei abstehende Riesenquasten) jene eines späteren Landeshauptmanns vorwegnimmt. Sogar die Unbilden herbstlicher Regenstürme sind schulbuchseits so lustig wie eine Karusselfahrt. Nasse Beine und umgestülpte Regenschirme künden von Abenteuer und nicht von Grippe. Hund “Tim” springt durch Pfützen aus Mineralwasser. Nur Mama und Oma arbeiten hart. Die eine steht am Herd und rührt Einbrenn, die andere sitzt im Lehnstuhl und strickt sich eine Weste gegen das Zipperlein.

4. Oktober 2014 (0) Comments

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