Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Das digitale Blatt

Andrea Maria Dusl über ihre Beziehung zum Online-Lachs (http://derstandard.at). Erschienen in der 20-Jahre-Jubiläumsasugabe von DER STANDARD am 31.1.2015

Am Anfang war das Wort. Das Wort stand überall. Es knisterte und es knitterte, wenn man das Wort zu sich nahm. Denn das Wort stand stets in einem Blatt. In der Zeitung, wie das hieß. Je nach gesellschaftspolitischem Gemüt und finanzieller Disposition waren das kolumnistisch keifende Kleinformate oder feuilletonfette Totholzzelte aus dem Ausland. Dazwischen gab es nicht viel, dies aber farblich abgesetzt – die Financial Times, die Gazzetta dello Sport und irgendwann den Standard. Zumindest in den Anfangsjahren wurde er den Geruch nicht los, ein pardodistisches Unterfangen zu sein, das sich mit dem Mäntelchen der Ernsthaftigkeit gewandete.

Tatsächlich lagen die Dinge anders, der Standard war Manifestation eines ernsten, wenn auch anfänglich noch dünnen Bemühens um Hochleistungspublizistik, das sich mit dem Parodistischen nur zu immunisieren trachtete. Wie auch immer, es war nichts Anrüchiges dabei, den Standard zu lesen, ganz im Gegenteil. Der Standard war ein bürgerliches Blatt für Nichtbürgerliche. Man durfte es als Konsequenz seiner ironischen Intelligenz begreifen, dass es das lachsfarbene Blatt sehr früh auch im Netz zu lesen gab. In jenem Netz, von dem jetzt alle sprachen, dem grenzenlosen Rhizom, dem Labyrinth der Millionen Ariadnefäden.

Das Internet hatte alle Anzeichen von Schmuddeligkeit, Irre trafen Irregeleitete, Nerds nervten Geeks und überall roch es nach Porno. Als Kind aus der Leopoldstadt war mir das Setting vertraut. Das Internet war eine weltumspannende Spielhalle, ein internationaler Prater. Ästhetisch bedarft, sprachlich bescheiden. Eine glitzernde Halbwelt. Zeitvergeudung nannten sie die einen, Weltrevolution die anderen.

Als ich über den Online-Standard stolperte, war ich schon sozialisiert im digitalen Dorf. Hatte gezockt, gesaugt und gestreamt, hatte Warez gedealt und nach Serials getaucht. Auf Geocities hatte ich mir ein kleines Seitchen eingerichtet, in der hierorts legendären Blackbox die Möglichkeiten (und Unmöglichkeiten) sozialen Netzwerkens geübt.

Ich kann den Tag nicht genau benennen, er liegt in einem Dunkel, das die Erinnerung nur vage und mit Vorsicht betreten will. Aber es gab einen Tag, den Tag Eins und ab dem, das kann ich mit Sicherheit sagen, gab es keinen weiteren Tag, an dem ich nicht den Online-Standard angesurft hätte. (Wie antiquiert das heute schon klingt: angesurft). Die repetetive Lese-Einkehr war keine große Leistung, denn der Standard war weit und breit die einzige Zeitung, die im Netz zu finden war. “Weit und breit” sind bedeutende Werte in einem Medium, das als endloses Geflecht verstanden werden darf.

Ich will versuchen, in die dunklen Anfänge meiner Beziehung zum Online-Standard hinabzusteigen. Ich darf von einer Beziehung sprechen, weil ich irgendwann auch Mietfeder des Standard und damit gewissermassen auch des Online-Standards wurde. In meiner Wahrnehmung waren Blatt und Website stets ein Kontinuum - und sie sind es für mich heute noch. Konzernmechanisch sind die Dinge ja komplexer.

Wie war das also, Online-Standard, als wir noch jung waren? Was war das für eine Welt? Was bewegte mich, was bewegte meine Freundinnen und Freunde? In einer Welt der Recherche und der Quellengenauigkeit liesse sich der genaue Zeitpunkt meines ersten Ansurfens ja festmachen. Wüsste man meine IP-Adressen von damals noch, könnte man mein Standard-Surfverhalten in diesen Tagen, Monaten, Jahren minutiös rekonstruieren. Könnte benennen, was mich interessierte, wie lang ich in welchen Artikeln verbrachte, ja mit wem ich das Lesen bestimmter Seiten innerhalb des Standard-Universums teilte. Das war immer auch Teil unserer Beziehung, Online-Standard. Bei aller Liebe. Du versorgtest mich nicht nur mit Lektüre, sondern führtest Buch über meine Besuche bei Dir. Easypeasy. Ich hatte doch damals selber schon eine Website, die ich neugierig auswertete. Wir hatten also auch eine technische Beziehung, von der ich wusste, dass Du sie zu Geld machtest. Um mich dem Phantasma auszuliefern, das wäre alles gratis. Teil einer postmodernen Allmende.

Wie genau Du das Geld mit meinem Konsum verdientest (und noch immer verdienst), ist auch heute nur wenigen bekannt. Damals durfte man es noch für so eine Art “Service” halten. Ich war täglich da, Online-Standard, und doch ist es genau diese Täglichkeit, die den Blick verschleiert auf die kleinen Änderungen, auf die Progression mit der Du voranschrittest. Vor mir, neben mir, hinter mir. Die Änderungen erschienen ja im Minutentakt. Das war durchaus etwas Einzigartiges in einer Welt verschnarchter “Webauftritte” und lausig programmierter Selbstdarstellungen.

Kaum war man ein Stündchen offline, hatte sich die Meldungswelt schon verändert. Das war nicht neu in der Zeitungswelt, aber neu in der Zeitungsleserwelt. Lange vor Twitter gab es bei Dir Nachrichtenupdates im Newstickertakt. Das machte Dir so schnell niemand nach, zumindest nicht in Schnitzelland.

Und dann kam das Jahr 2000. Das Jahr in dem das Österreich der Zweiten Republik seine Würde verlor. Seine politische und seine publizistische. Jörg Haiders Ankündigung, dass, wenn er etwas zu reden habe, in den Redaktionsstuben weniger gelogen werde, wurde nicht wahr. Als Haider was zu reden hatte, sprich, an der Regierung war, wurde mehr gelogen.

In dieser Zeit der Dunkelbesonnung und des Schweigekanzlerns warst Du, Online-Standard, ein Zufluchtsort für den Diskurs, ein liberales Asterixdorf inmitten der Ankündigungs- Affirmations- und Legitimationspresse. Ausgerechnet eines Deiner Gadgets wurde zu Deinem wichtigsten Atout. Das Online-Forum, gerne als schlecht beleumundeter Appendix belächelt, wurde zum Treffpunkt regierungskritischer und sonstwie aufmüpfiger Lesender. Unter dem Schutz der Anonymität wurden sie zu Autoren. Das ist jenseits der müssigen Debatte um Netz-Meerschweinchen, Klarnamen und Bezahljournalismus eine zivilisatorische Großleistung. Die diskursive Alphabetisierung des Landes. Das Wort wurde dem Stammtisch entzogen und öffentlich gemacht. Free Your Mind... and Your Ass Will Follow, sangen Funkadelic 1970. Free your speech... and Your Name Will Follow, singen die Klarnamenfreunde heute.

Der Erfolg des Standard-Online-Forums ist ohne Schüssel und Haider nicht erklärbar. Nicht seine Reichweite und nicht der dort gepflogene Ton (oder Unton), nicht sein Impakt auf das, was man früher die “Leser-Blatt-Bindung” nannte. Aus den Kommentaren des Online-Standards könnte man minutiös die Faltungen und Verwerfungen der österreichischen Gesellschaft rekonstruieren, die Verfasstheit des Landes und seiner Konstituenten. Späteren Forschergenerationen ist zu wünschen, dass dieser Schatz archiviert bleibt und dem akademischen Datamining offensteht.

Die Verantwortlichen wissen um die Wichtigkeit dieser eierlegenden Wollmilchsau. Ohne Standard-Online-Forum gäbe es den Online-Standard nicht. Und ohne Online-Standard den Standard wohl nicht mehr. So einfach ist das. So kompliziert ist das.

Zurück zu unserer Beziehung, Online-Lachs. Du bist das erste, was jeden morgen auf meinem Bildschirm erscheint. Seit dem Anbeginn der digitalen Zeitrechnung. (Tatsächlich dürfte unser Techtelmechtel erst 1996 begonnen haben, denn vorher hatte ich zwar schon einen eigenen Bildschirm, aber noch kein eigenes Telefonmodem. Wir erinnern uns, falls wir das können, das war jenes schrillkreischende Kästchen, das zwischen Computer und Telefonbuchse hing.)

Es liegt im Wesen von Beziehungen, dass sie im Falle einer glücklichen Entwicklung verklärt werden, im Falle des Scheiterns dämonisiert. Ich erinnere mich an eines der Motive, das mich in diesen frühen Zeiten an Dich band. Ich sparte mir, das durften alle wissen, die mich dazu befragten, viel Geld für totes Holz. Dennoch hatte ich das Gefühl, besser informiert zu sein, als zu Zeiten der Gutenberggalaxis. Besser in inhaltlicher Hinsicht und besser in Bezug auf die Aktualität der akquirierten Information. Zudem erlaubte der Online-Standard die exzessive Hingabe an eine guilty pleasure: Der Lektüre der schon erwähnten Leserpostings.

Du, geschätzter Internetlachs konntest von Anbeginn an all das, was andere Mediendampfer erst in den letzten Jahren mühsam und teuer und vielfach schlecht ins Netz stellten. Du stilltest mein Bedürfnis nach tagesaktueller Aufklärung, jenes nach individueller Meinungsaffirmation und das nach publizistischem Porno. Wer wie ich täglich und ausgiebig ins Standard-Online-Forum taucht, braucht keinen Blick in die Boulevardhefteln des Landes zu werfen. Und dennoch konnte (und kann) das Forum der Niedertracht noch mehr. Ich habe dort Beiträge von luzider Klarheit und bewegender Sprachkraft gelesen. Mitten unter bösem Müll. Perlen des Denkens. Es dürfte keine falsche Vermutung sein, dass sich im Standard-Online-Forum unter der sicheren Larve der Anonymität das Gros des politischen und publizistischen Establishments herumtreibt. Die Medienbeobachter und die Dienste sowieso. Klagbares und Unpublizierbares, so es die Wächterschranken der Zensoren passiert, kann die Adressaten politischer Botschaften schneller und sicherer erreichen als die Eingabe beim jeweiligen Salzamt.

Vielleicht spreche ich nicht nur für mich, sondern für viele hier. Wir sind in einer sicheren Beziehung miteinander, Online-Standard. Es ist keine Liebesbeziehung, sie ist nicht befeuert vom Wahnsinn manischer Zuneigung. Unser Verhältnis ist ein stabiles. Ich brauche Dich, Online-Lachs und Du brauchst mich. Ich lese Dich. Und Du liest mich. Täglich. Ad multos annos, alter Freund!

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Andrea Maria Dusl über ihre Beziehung zum Online-Lachs (http://derstandard.at). Erschienen in der 20-Jahre-Jubiläumsasugabe von Der Standard am 31.1.2015

31. Januar 2015 (0) Comments

Charlie und der richtige Zeitpunkt

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU CHARLIE' in Falter 05/2015.
Die Kolumne nannte sich diesmal 'FRAGEN SIE FRAU CHARLIE'
.

Liebe Frau Andrea,

nach den traurigen Ereignissen von Paris waren plötzlich sehr viele Menschen Charlie. Unter anderem befestigte man auch am Wiener Rathaus Transparente mit der Aufschrift "Je suis Charlie". Abgesehen von der damit verbundenen Geste und Aussage: Mich würde interessieren, wann der richtige Zeitpunkt wäre, die Transparente wieder abzunehmen.

Je suis Gerhard Mayer, Wien 18,
per forgewardeter Email

Lieber Gerhard,

im Rahmen der weltweiten Bestürzung über die religiös-ideologischen Morde von Paris ordnete der Wiener Bürgermeister Michael Häupl an, die Fahnen am Wiener Rathaus ab Donnerstagmittag (8.1.2015) auf halbmast zu setzen. Nach dem Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo wolle Wien damit, hieß es in einer Aussendung, ein Zeichen der Solidarität und Anteilnahme setzen. Schon Mittwoch hatte sich Häupl tief betroffen gezeigt und gemeint, die Pressefreiheit müsse bewahrt und derartige Angriffe dürften nicht hingenommen werden. Die Fahnen am Rathaus sollten bis Freitag auf halbmast bleiben. Den Morden in der Charlie-Hebdo-Redaktion folgten weitere im Zuge der Geiselnahme im koscheren Pariser Supermarkt “Hyper Cacher” – vier jüdische Männer wurden ermordet. Zu diesem Zeitpunkt war bereits ein Mem durch die Sozialen Netze gerast: Ein schwarzes Logo mit simpler weisser Typographie “JE SUIS CHARLIE.” Im Zuge des 9. Jänner liess die Wiener Stadtregierung das Sujet auf dem Hauptturm des Wiener Rathauses aufziehen. Es solle dort genau eine Woche lang hängen, tickerte das Rathaus. Eine Recherche und Analyse des Archivs der Panorama-Livekamera am Wiener Burgtheater bestätigt die minutiöse Einhaltung dieses Zeitplans. In der Frage nach der richtigen Dauer kommunaler Trauerbekundungen gibt es keine gültigen Antworten. Die Konventionen hanteln sich, der Schwere des Anlassfalles entsprechend, an kalendarischen Quantitäten entlang. Stadiontrauer dauert meist eine Minute, Staatstrauer in der Regel einen, drei oder sieben Tage. Ausnahmen bestätigen die Regel. Francos Tod 1975 führte zu 20 Tagen spanischer Staatstrauer, jener der Schwester von Thailands König Bhumipol im Jahre 2008 zu hundert Tagen thailändischer. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

24. Januar 2015 (0) Comments

Wider das Heilige!

Aus vielfach gegebenem Anlass:

An die Apologeten religiösen Appeasements hier und allerorten! Das Modell von Toleranz geht von der irrigen Überlegung aus, die Religionen wären so etwas wie Dialekte ein und derselben Sache, gesprochen von Naturvölkern und grundgut, wenn man sie nur ungestört walten liesse. Wäre das so, gäbe es religiösen Terror aus alle Richtungen, gleich wie sanfte Jazzmessenesoterik aus ebensovielen. Tatsächlich sind die Gewichte aggressiven religiösen Vorgehens nicht geich verteilt. Nicht lokal, nicht historisch. Im Grunde stehen wir hier vor dem selben Problem, das die Demokratie in Bezug auf demokratisch gewählte, aber undemokratisch gesonnene Bewegungen hat - das was man den Rechtsruck nennt, die Wutbürgerei, den Pegidismus, das Effentum. Das Kippen in Präfaschismen und das Hochschaukeln des Faschimus. Wenn es Menschen und Organisationen gibt, die staaliche Gesetze geringer achten, als religilöse, liegt Staatsgefährung vor. Religionen müssen deshalb der spirituellen Solidarität entwendet werden und zu Vereinszwecken degradiert werden. Gotteskult und Prophetismus muss so behandelt werden wie Sportvereine, Plauderrunden und Kulturinitiatven. Und zwar alle. Phänomenologisch wird man nicht umhin kommen, sie als Austauschrunden von Zwangsneurotikern, Boderlinern und Psychotikern zu betrachten und eine Gewichtung auf die Therapie der Symptome lenken. Sprich: dem Heiligen muss das Heilige entwunden werden. Ende der Durchsage.

23. Januar 2015 (0) Comments

Das Plagiat des Plagiats und das Rhizom

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 04/2015

Liebe Frau Andrea,

der ganze Plagiatstrubel der letzten Jahre hat mich jetzt richtig verunsichert, daher folgenden Frage: Wenn man eine Fälschung fälscht, hat man dann wieder ein Original?

Akademische Grüße,
Dr. Josef Dollinger, Wien 7

Lieber Herr Kollege,

wenn wir uns am Strassenmarkt in Bangkok oder auf einem chinesischen Internetportal einen schnittigen Gucci-Beutel oder eine schwergoldene Rolex zulegen, sind wir uns in der Regel bewusst, gefälschte Ware zu kaufen. Die Umstände sprechen gegen jede Echtheit. Trotzdem erwerben wir reale Gegenstände. Anders verhält es sich mit Original und Falsifikat in akademischen Kreisen. Gehandelt wird hier weniger mit Modeutensilien und Zeitmessern als mit Ideen und Publikationen. Kann sich eine Urkunde mit Stempel und Unterschrift, Siegel und Wasserzeichen gegen den Vorwurf absichern, Kopie zu sein, gelingt dies schwerer mit Nichtmateriellem, mit dem Inhalt selbst. Ein Pass kann echt sein und auf falschen Namen ausgestellt sein. Oder falsch und auf den richtigen Namen. Eine Dissertation kann angenommen, also echt, der Doktortitel dennoch betrügerisch erschrieben worden sein. Bleiben wir bei unserem Beispiel des windigen Strassenmarkts. Die Publikation eines wissenschaftlichen Plagiats entspräche dem Kauf einer falschen Gucci-Tasche im Gucci-Laden selbst. Die meisten Plagiate beziehen ihre Unredlichkeit daraus, dass die Verfasser Fremdes für Eigenes ausgeben. Würde man sich der wissenschaftlichen Sisyphus-Tortur unterziehen, alle Partikel eines plagiierenden Textes ihrer ursprünglichen Quelle zuzuordnen, hätte man jenes Original, das Sie mit ihrer Frage insinuieren. Diese Arbeit wäre nun aber keine Fälschung der Fälschung. Mit anderen Worten: Original und Fälschung sind nicht Elemente einer einfachen logischen Verknüpfung. In jener Welt, in der das Fälschen einer Fälschung zum Original führte, hätten wir einen Ariadnefaden zur Hand, der uns stets einen Weg im Labyrinth der Möglichkeiten wiese. Tatsächlich aber begehen wir jenes vielwurzelig verflochtene System von Abkürzungen und Schleifen, das die französischen Denker Gilles Deleuze und Félix Guattari “Rhizom” nennen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

18. Januar 2015 (0) Comments

Mächtigste Waffe, wichtigstes Werkzeug

2015.01.17-Maechtigste-Waffe-wichtigstes-Werkzeug.jpg

Ich darf mich vorstellen. Ich bin Charlie. Charlie Dusl. Pariserin. Zeichnerin. Satirikerin. Atheistin. Aufklärerin. Menschenfreundin. In einer Welt der Kontingenz bin ich ironisch und solidarisch. Ich habe ein weiches Herz aber eine scharfe Zunge. Je suis Charlie. Ich liebe die Menschen. Aber ich klage an. Und ich bin so frei, das Übel zu benennen. Was ist das Übel? Eine transzendente Instanz mehr zu achten, als auch nur das fremdeste Menschenleben, ist das Übel. Und wenn es nicht das Übel selbst ist, so ist es doch der Grund vielen Übels. Ein Menschenleben zu opfern, oder jemand auch nur geringeren Schaden zuzufügen, um einer Allmacht zu huldigen, ist übel. Einem rachsüchtigen Schöpfer und seinen Kolporteuren zu dienen und in seinem Namen grausam zu sein, zu leiden und zu wehen, weil und wenn er sich missachtet und geschmäht fühlen könnte, ist übel.

Was geht uns das an? Wir sind Demokratinnen westlichen Zuschnitts, modern, tolerant und pluralistisch, höre ich, wir verurteilen den Terror, wir sind für die Pressefreiheit, für die Redefreiheit, für die Freiheit der Kunst. Wir sind Charlie. Fürwahrlie. Aber. Man muss die religiösen Gefühle achten. Das schon, das ja. Man muss es nicht, sage ich. Man muss Menschen achten. Und nur sie. Religiöses Morden, religiöses Bösesein aus nur irgendeinem Grund zu exkulpieren ist so übel wie das Entschuldigte selbst. Aber wieso sollte man das Böse entschuldigen? Aus spiritueller Komplizenschaft. Sie ist das weitgehend unerkannte Problem einer Gesellschaft, die mit ihrem eigenen Gott noch nicht gebrochen hat. Die institutionellem Glauben noch immer den Status einer Normalität gibt.

Ergeben wir uns der bitteren Erkenntnis, hinter der die Süsse der Aufklärung wartet: Es gibt keine Allmacht. Es gibt nur Menschen und ihnen gehört sämtlicher Respekt. Dürfen wir also noch glauben? Gewiss. Ich zum Beispiel glaube an Jimi Hendrix. In Maßen. Und auch nicht jeden Tag. Täglich indes trage ich die Fackel der Aufklärung. Sie setzt nichts in Brand. Sie bringt Licht.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 17.1.2015.

17. Januar 2015 (0) Comments

Der Ofen der im Kreis geht

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 01.02.03/2015

Liebe Frau Andrea,

ein deutscher Kollege sorgte für Gelächter, als er sich bei einem Glas Rotwein einen Ofen anmachte und sich der Doppeldeutigkeit nicht bewusst war (er saß vorm Kamin). Ich konnte ihm den Ursprung dieser Redewendung nicht erklären, deshalb: Wissen Sie woher “einen Ofen bauen” als Synonym für Joint kommt?

Vielen Dank und liebe Grüße,
Thomas W., per Email

Lieber Thomas,

zunächst müssen wir klären, wovon wir hier in Wien überhaupt sprechen. Zugereiste und Neulinge auf diesem Feld (wir meinen strikt jenes der sprachlichen Beobachtungen) könnten sich schnell in Verwirrung verlieren. Als “Joint” verstehen wir gemeinhin eine selbergemachte Haschisch-Zigarette zum Zwecke des gemeinsamen Konsums. Ein Wiener Joint hat in unseren Breiten eine leicht konische Form. Sie wird vom Baumeister (unser erster Wienerischer Begriff) aus “Papers” (Zigarettenpapier aus der Trafik) und einem “Filter” (ein spiralig zusammengerolltes Stück Weisskarton) gefertigt. Als Füllung dient der Inhalt einer nichtparfürmierten Filterzigarette sowie die zentrale Ingredienz: Zerbröseltes Haschisch. Dies ist aus den Blütenständen der weiblichen Cannabispflanze gewonnenes und zu Platten oder Blöcken gepresstes Harz, von fahler brauner Farbe und bröseliger, manchmal leicht öliger Konsistenz, jedenfalls aber hierzuorte “Piece”, “Bröserl”, “Kit” oder “Shit” genannt. Selten werden Wiener Joints mit Gras (Marihuana) gefüllt, den getrockneten, meist zerkleinerten Blütentrauben und blütennahen, kleinen Blättern der weiblichen Hanfpflanze. Wichtges Merkmal Wienerischer Haschischkultur ist das Zusammendrehen der überständigen Papers-Anteile zu einem Schopf und das minutiöse Falzen eines endständigen Randes. Den solcherart zu einem Deckel gewordene Ende des Joints nennen die Wiener “Hütchen”. Mit einer Drehung unter Flamme wird die Falzung (der Rand) abgeglimmt und das Hütchen abgenommen. In Wien spricht man selten vom “Joint”, allenfalls vom “Joe”, mit grössere Häufigkeit aber vom “Gerät”. Unser “Ofen” ist ein gleichermassen gängiges Synonym, das vermutlich ursprünglich nur die selbergebaute Wasserpfeife bezeichnete, ein Gerät, bei dem Wasser als Kühlung (und Filter) dient. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

12. Januar 2015 (0) Comments

Aus gegebenem Anlass

Eine transzendente Instanz mehr zu achten, als auch nur das fremdeste Menschenleben, ist der Grund allen Übels. Ein Menschenleben zu opfern, oder ihm Schaden zuzufügen, um damit dem Gott zu huldigen, weil er sich missachtet und geschmäht fühlen könnte, ist pathologischer Wahnsinn. Dies auch nur aus irgendeinem Grund zu exkulpieren ist unser Problem. Verbunden damit, ja Grund dessen ist die Tatsache, dass wir institutionellem Gottglauben noch immer den Status einer Normalität geben. Würde ich im Namen Charlie Browns Brandopfer und Comicsegnungen oder sonstwelche seltsamen öffentliche Riten praktizieren, käme ich früher oder später in die Klapse. Das sollten alle Religiösen bedenken. Sämtliche. Es gibt keinen Gott. Es gibt nur Menschen und ihnen gehört sämtlicher Respekt. Wer also Mördern und ihrem spirituellen Umfeld ihren Allmächtigen zugesteht, gesteht nur die eigene Ohnmacht diesem Gott ein, der dadurch ein Gott der dies Erlaubenden wird.

11. Januar 2015 (0) Comments

Je suis Charlie

Aus ständig sich permutierenden Anlässen: Ich bin permanent am Nachdenken. Und noch lange nicht fertig. Ich habe noch nicht alles durchdacht. Insoferne bin ich nicht Teil eines "wir". Ich setze auch nicht dagegen. Ich trage die Fackel der Aufklärung. Sie bringt Licht. Sie setzt nichts in Brand.

Je-suis-Charlie.jpg

11. Januar 2015 (0) Comments

Schöswie Dscharli

Terror und Solidarität erreichen die Spitzen der Österreichischen Innenpolitik.

Khol-Blecha-Charlie.jpg

11. Januar 2015 (0) Comments

Das Jahr des Bartes

Andrea Maria Dusl für Standard vom 30.12.2014 (http://derstandard.at/2000009826164/Das-Jahr-des-Bartes)

Blutiger "IS"-Terror, internationaler Dauerkonflikt um die Ukraine und ein nicht immer optimal inszeniertes Gedenken an den Ersten Weltkrieg: 2014 ließ etliches zu wünschen übrig. Sechs Rückblicke. Texte: Andrea Maria Dusl, Marlene Streeruwitz, Philipp Blom, Cordula Simon, Doron Rabinovici und Tex Rubinowitz.

Das Jahr begann wie jedes andere auch. Man schwang das Silvesterbein, goss sich Jahresendplörre hinter die Binde und Blei in die Salatschüssel. Draußen krachte und knallte es, drinnen flogen die Vorsätze. Was man noch nicht wissen konnte: Das Jahr würde ein Durchwachsenes werden. Für alle. Ständig vermischte sich das Private mit dem Öffentlichen. Aus Eigenem wurde Fremdes, aus Fremdem Eigenes.

Gänzlich kalt ließ uns das winterwarme Sotschi. Die Eiseskälte Putins trug das heimelige Lächeln Karl Schranzens. Österreichs Olympiahelden fuhren auf falschem Schnee um richtiges Gold, nur der Herminator schwang ab und fand politische Worte für eine politische Sache. Man sollte ihn zum Außenminister machen. Ehrlich jetzt. Des tatsächlichen Außenministers größte Stunde war wohl das Treffen mit Amtskollegen und Fast-Burgenländer Kerry. Der Mann mit dem kantigen Kinn und dem dicken Terminkalender. Er schenkte dem jungen Kurz ein paar Minütchen auf dem Schwechater Flugfeld. Worum es ging? Um Fragen der Überwachung. Die Kürze des Gesprächs gab Auskunft über die Wichtigkeit, die Amerikas Außenminister dem österreichischen Außenministerchen zumisst.

Überwachung war das große Thema des Jahres. Überwachung auf Facebook, Überwachung auf Twitter. Überwachung der Gesamtmenschheit durch seinen Teiler USA, Überwachung Nichtrusslands durch Russland. Überwachung Russlands durch die Gegner seines Territorialerweiterungshungers.

Auch im Kleinen, im Österreichischen wurde überwacht. Etwa der Ex-Fußballvereinspräsident (er trägt Bart) durch die Feinde seiner Fußfesselfreiheit. Durch die Lappen der Überwachung gingen die Vorgänge an Bord und die Bahn von Flug MH370 der Malaysia Airlines von Kuala Lumpur nach Peking. Überwacht wurde schließlich der Indische Ozean. Welle für Welle wurde abgesucht. Alles wurde gefunden, von der Badeente bis zum Medusa-Floß, nur die verschwundene Maschine blieb verschwunden.

Einen Abgang wegen fehlender Überwachung der Finanzen machte Burgtheaterdirektor Bartmann, äh, Hartmann. Im Fallen riss er noch den Springer mit (er trägt Schnurrbart). Schachmatt hingegen war der König. Nach vier Jahrzehnten Großwildjagd übergab der hinkende Juan Carlos die Krone an seinen Sohn Felipe. Der trägt im Einklang mit dem Jahresmotto ganz selbstverständlich Bart und ist jetzt (mit 46 Lenzen) der jüngste König Europas. Auch was. An der Monarchen-Front tat sich neben Schwangerschaften und Geburten auch Unerfreuliches. Ein Bartträger mit unmerkbarem Namen rief sich selbst zum Kalifen aus und bestieg mit seiner Jihadtruppe (alle Bartträger) die Bühne der Grausamkeit.

Gegen den Bart sprach sich Europa aus. Im direkten Match um das Amt des EU-Kommissionspräsidenten gewann der Konservative Jean-Claude Juncker. Der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, Bartmann Schulz, unterlag.

Ein gutes Jahr war das Bartjahr für die Rasenkünstler aus Deutschland. Glatt rasierten sie Brasilien und Argentinien und wurden dann Weltmeister in der bestüberwachten Nebensache der Welt. Weniger geschmiert lief das Jahr für Vizekanzler und Finanzminister Michael Spindelegger. Er warf das Handtuch und verließ die Bühne der Politik. Vaupe-Chef wurde Django Mitterlehner, Finanzminister ein Millionär aus Vorarlberg (er trägt Schnurrbart).

Einen langen Bart hingegen hat das Milliardendesaster Hypo. Mit lethargischer Wut überwacht das Land das Wachsen unermesslicher Fehlbeträge. Außerirdisch und gut überwacht wurde auch das Schicksal der Sonden. Rosetta, die Begleiterin des Schweifsterns 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, entsandte den Lander Philae. Der putzige Kasten landete im Bart des Kometen, um sogleich wieder einzuschlafen.

Der zentrale Moment des Jahres war wohl der Phönixflug von Cönchen Wurst. Ewig werden wir uns daran erinnern, wo wir waren, als die Prinzessin von Bart Mitterndorf den Song Contest gewann. Ich saß an diesem 10. Mai mit zwei politischen Kapazundern auf einer Feldkircher Lesebühne. Für immer werden deshalb Josef Winkler, Robert Menasse, Bartdame Conchita Wurst und ich ein Sommerkleeblatt sein. What a rat pack!

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Andrea Maria Dusl, Regisseurin, Autorin und Zeichnerin, lebt in Wien.

30. Dezember 2014 (0) Comments

Meine Wünsche an die Jahresendpersonen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 51/52/2014

Jahresendperson-Cavaliere.jpgLiebe Fragende!

Diese Kolumne ist die letzte des Jahres. Der Torkelplanet hat seinen Umkehrschwung am Ende der Elipse bereits hinter sich. Seit 21tem Dezember werden die Tage wieder länger. Das Licht kommt zurück! Die Dunkelheit weicht. Die Zirbeldrüse jubiliert und stellt sich auf das ferne aber sichere Kommen des Frühlings ein. Durch die Innenstadt wälzen sich Vazierende aller Variationen. Verwirrte, Verirrte, Verliebte, Verlorene. Dazwischen Vorstädter und Verbrecher, Verkannte und Vermummte. Das Wetter ist valencianisch, die Preise venezianisch.

Am Ende des Jahres richtet sich Frau Andrea mit einer kurzen Liste von Wünschen an die Zuständigen. Im h.o. Salzamt haben sich zur traditionellen Entgegennahme des druckfrischen Desiderialpapiers die Adressaten desselben eingefunden. Die drei Herrschaften sind wohlbekannt und befinden sich in verschiedenen Graden der Auflösung: Kichernd und angeschickert die junge Dame im goldenen Engelskleid, blond die Locken, die Krone in ein Märchen von Haar gesteckt (das Christkind). In ihrem Schlepptau der dicke Alte mit dem weissen Bart, rotweissrot das Wams, ho, ho, ho, hicks, sein tumber Ruf (der Weihnachtsmann). In höflichem Abstand, trotz Illumination die liebende Nähe enger Bekannter beachtend, der elegante Herr in englischem Tuch. Genagelt sind seine Budapester, penhaligongetränkt die Wangen, konfettibestäubt die Schultern. (Es ist der Cavaliere Corrado di Molinalibera, Kennern dieser Kolumne als die Jahresendperson bekannt.)

Liebes Christkind, lieber Weihnachtsmann, sehr geehrte Jahresendperson! Ich darf Ihnen die Wünsche des Jahres überreichen und ersuche um allerdringlichste Durchführung derselben. Meine Forderungen sind:

1. Die Wiedereinführung der Zukunft, 2. Die Wiederkehr der Visionen. 3. Die Auferstehung der Sozialdemokratie (ohne Himmelfahrt). 4. Die Umverteilung von Oben nach Unten. 5. Die Trennung von Kirche und Staat. 6. Die Trennung von Staat und Bosheit. 7. Ein Musikgedudelverbot in Gaststätten und Geschäften. 8. Das generelle und unverhandelbare Zigaretten-Rauchverbot. 9. Die Einführung von 24-Stunden Delis nach New Yorker Vorbild. 10. Die Wiedereinführung von 13A-Doppelstockbussen.

www.comandantina.com Twitter: @Comandantina dusl@falter.at

21. Dezember 2014 (0) Comments

Des Wedels Sprengelwirkung

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 51/2014

Liebe Frau Andrea,

ausgehend von einem Gespräch über das Singen im Advent sind wir auf kirchliche Bräuche gekommen. Unter anderem auf das, ja wie heißt es eigentlich richtig, Besprengen von Dingen und Menschen mit Weihwasser. Bitte klären Sie uns auf! Wie nennt man das Gerät, mit dem der Pfarrer segnet?

Kirchentechnisch verunsichert, mit besten Adventgrüßen,
Karin Glander, Downtown Leopoldstadt, per Privateingabe

Liebe Karin,

das liturgische Gerät, von dem Sie sprechen, wird von katholischen Priestern, aber auch von Laien zum Besprengen mit Weihwasser verwendet. Im Einklang mit seiner Wirkungsweise hiess das Gerät ursprünglich Sprengel oder Sprengil. Umgangssprachlich zirkulieren die Ausdrücke Weihwassersprenger oder Weihwasserwedel. Relativ spät setzte sich hierzulande der lateinische Ausdruck des Sprengwedels durch: Aspergill, von Aspergillum, abgeleitet von aspergere, anspritzen oder bespritzen. Der meist silberne oder zumindest versilberte Weihwasserapplikator besteht aus einer durchsiebten Hohlkugel an einem handlichen Griff. Die hohle Kugel an seinem Ende kann geöffnet werden, um einen kugelförmig zugeschnittenen Schwamm aufzunehmen, der das Weihwasser aufnimmt und beim Segnungsakt mit einer sachte peitschenden Bewegung als Sprengsel entlässt. Ältere Versionen tragen statt der Sprengelkugel pinselartige Wedelborsten aus Tierhaar. Zur Aufnahme geweihter Flüssigkeit wird das Aspergill in ein Kübelchen mit Weihwasser getaucht, das in der liturgischen Fachsprache Aspersorium genannt wird und den Kunstwissenschaftern als Situla (Seidel) bekannt ist. Für den katholischen Aussendienst auf Friedhöfen, in Krankenzimmern oder bei der Weihe von miliärischem Gerät und Neubauten verwendet der Klerus gerne auch Taschengeräte. Mit dem sprachlichen Wechsel von Sprengel zu Aspergill profanierte der Begriff für das Gerät und übertrug sich auf den Wirkungsbereich des Pfarrers, Diakons oder Bischofs. Sein segnender Wirkungsbereich heißt seither Sprengel. Wir ahnen es: Auch in so säkularen Bezeichnungen wie Wahlsprengel verbirgt sich die Bezeichnung für den Weihwasserwedel! Man darf annehmen, dass kirchennahen Parteien diese sprachliche Nähe so bewusst wie willkommen ist. Klingeling! www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

14. Dezember 2014 (0) Comments

Satt oder dulo? Nimedu gar?

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 50/2014

Liebe Frau Andrea,

allerwerteste Comandantina, wenn ich hungrig bin, esse ich, danach bin ich satt. Wenn ich durstig bin, trinke ich, danach bin ich… ja, was? In keiner europäischen Sprache scheint es ein Trink-Pendant zu “satt” zu geben. Dasselbe habe ich jetzt auch für die chinesische Sprache festgestellt. Ist es möglich, dass die ganze Menschheit auf ein Eigenschaftswort für “flüssiges satt” verzichtet?
 
Untertänigst und höchst verunsichert, Josef Dollinger,
Wien 7, per Email


Lieber Josef,

das Problem ist nur scheinbar eines der Sprache. Vielmehr führt ihre Frage in einen Raum, der von Körperbedürfnissen und und kulturellen Praxen aufgespannt wird. Schon Ihre These, nach der es eine Ereignisabfolge Hunger-Essen-Sättigkeitsgefühl gebe, müssen wir als diffus zurückweisen, essen doch viele von uns, ohne vorher hungrig gewesen zu sein. Auch für Gefühle des Sattseins lassen sich keine allgemein gültige Aussagen treffen. Was ist “satt”? Jede Antwort zwischen “unhungrig” und “voll” wird Gültigkeit beanspruchen. Das schmerzhafte Gefühl echten Hungers wird in unseren Gesellschaften wohl eher mit der ernährungsproduktiven Lustform des Appetits verwechselt. Echter Durst, hervorgerufen durch Dehydrierung kann sich schon eher einstellen. Und in der Regel durch das Trinken von geschmacksneutralem Wasser gestillt werden. Gestillt also! Nach dieser Spracherfahrung müsste das Pendent zu “satt” eigentlich “still” lauten, oder “gestillt”. 1993, als die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden die Bevölkerung aufgerufen hatte, sich an einem Sprachspiel zu unserem Thema zu beteiligen, wurde dieser Begriff nicht anerkannt. Auch Neologismen wie “trinksatt” und “gelabt” wurden von der Gesellschaft zurückgewiesen. 1999 kam es abermals zu einer Suche nach dem Gegenwort zu "durstig". Der Duden-Verlag und der Tee-Hersteller Lipton hatten zu einem Ideenwettbewerb aufgerufen, der Seltsamkeiten wie "nimedu" (für "nicht mehr durstig") oder "dulo" (für "durstlos") hervorbrachte, aber auch Umdeutungen wie "gewässert", "gelöscht" oder "abgefüllt". Gewinnerin des Kontests wurde die fragwürdige Neuvokabel “sitt”. Es blieb seither still um “sitt”. Dann schon eher “dulo”. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

5. Dezember 2014 (0) Comments

Scham und Haare in der Bürste

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 49/2014

Liebe Frau Andrea,

in der Kolumne ihrer Kollegin Heidi List las ich von einem Haarfetischisten, der Kopf- und Schamhaare von Frauen (durch rechtswidriges Öffnen der Koffer von Fluggästen) aus deren Haarbüsten gesammelt hat. Wie kommen Schamhaare in eine Haarbürste? Nehmen manche Frauen ihre Schamhaare, auf welche Weise sie sich derer auch entledigen, im Koffer griffbereit mit? Und überhaupt: Eine Bürste für beides? Igitt. Da kann ich Frau Heidi List nur zustimmen. Bitte um (Auf-) Klärung, bevor ich eine Bürstenphobie bekomme oder nur mehr an Frauen mit Bürstenhaarschnitt Gefallen finde.

Mit freundlichen Grüßen
Peter Zejda, per Email

Lieber Peter,

zu den großen Themen der Menschheitsgeschichte gehört die Verehrung des Haares. Denken wir an Rapunzel, Medusa, Samson und die Beatles! Was den Anlassfall Ihrer Erschütterung betrifft, wissen wir (und die einschlägige Szene) nicht mehr, als dass die Polizei in Sydney die Wohnung eines Diebes durchsucht und dabei ungewöhnliches Diebesgut gefunden haben will: Eine große Sammlung von Plastiksäckchen mit den “Kopf- und Schamhaaren” von Frauen. Der Haarfetischist habe am Flughafen gerbeitet, lesen wir, habe die Koffer von Fluggästen geöffnet und aus diesem Fundgebiet Haare aus Bürsten gesammelt. Der Mann tat dies, so die Berichte, um sich damit sexuell zu erregen. Hier müssen wir einhalten. Zu unserem Bedauern (und dem der Aufklärung) liegt uns nicht die Eigenexpertise des Sammlers vor. Diese würde, so dürfen wir vermuten, ein anderes Bild zeichnen. Jenes des Langhaarsammlers, des Kollektors von Bürstenwolle. Zu einem überragend grossen Anteil wird die Sammlung unseres Haarfetischisten aus Haupthaar bestanden haben. Im Einklang mit sämtlichen Trends zu Schamrasur und Brasilian Waxing dürfen wir von einer winzigen Fundmenge an Schamhaar in Bürsten ausgehen. Eher ist an das Barthaar von Männern zu denken, die akzidentiell die Bürste der Partnerin für barbarische Zwecke missbrauchten. Diese These zeichnet das Bild eines tragischen Falles. Wir finden den Fetischisten in neuer Rolle wieder. Neben jener des “Diebes” auch als Opfer polizeilich falsch gedeuteter Sammlertätigkeit. Ein hoher Preis für eine harmlose Leidenschaft. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

30. November 2014 (0) Comments

Rede und Anrede

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 48/2014

Liebe, sehr geehrte Frau Andrea!

In dieser Anrede steckt schon meine Frage: “Liebe...” ist ja doch etwas intim, wir kennen uns ja gar nicht. “Sehr geehrte...” ist reichlich förmlich, wir sind ja nicht beim Finanzamt. Bei vielen Briefen, die geschrieben werden wollen, stehe ich vor diesem Problem. Gibt’s da noch irgendwas dazwischen? Hülfe es, in eine andere Sprache auszuweichen?

Mit Dank und Grüßen,
Brigitte Guschlbauer, Mödling

Liebe Brigitte,

zu den Herausforderungen postmoderner Kommunikation gehört die Einschätzung von Distanzen. Wer ist wer zu mir, wie spreche ich an und wie lasse ich mich ansprechen. Nicht leicht in Zeiten von IKEA-Du und öffentlichen Handyphonaten. In den hierarchischen Gesellschaften unserer Eltern und Großeltern war das Feld der Andrede noch einigermassen bestellt. Nach oben wurde gesiezt, nach unten geduzt, protokollarische Nähe verleitete zum Du, Ferne und Ungewissheit zum Sie. Die Anrede in Briefen folgte diesen Usancen. Sie sollte vor Vertiefung in den Inhalt sicherstellen, dass die Richtigen zur Lektüre eingeladen wurden. Die Anredeformel setzte in größtmöglicher Kürze auch den Ton des Schreibens fest. Von der reichen Palette an Förmlichkeiten und Direktheiten ist im Deutschen nur mehr die Polarität “Liebe, Lieber” versus “Sehr geehrte, sehr geehrter” übriggeblieben. Schon “geehrte” oder “werte” Angeschriebene gibt es kaum mehr, auch wenig Exzellenzen, Magnifizenzen, Hoch- und Wohlgeborene, Durchlauchten, Hoheiten und Majestäten. Dero Heiligkeiten gibt es nur ganz wenige. Wie also ansprechen? Im Freundlichkeitsfalle immer so, wie der/die Angesprochene angesprochen werden möchte. Ein Ratespiel, gewiß! Aber liegt hierin nicht auch Raum für unbewusste Botschaften? In Liebes- und Zornesdingen sprechen Sie an, wie ihr Herz befiehlt. Törichter! Angebete! Gebieterin! Schändlicher! Oida! Bei fremdsprachigen Liebesbezichtigungen gilt die Regel: Je romanischer, desto besser - lateinisch nur für Kundige. Poesie behielten wir nur Eingeweihten und Rätselfreunden vor. Kurz zur Adressierpolitik in dieser Kolumne: Die Floskel “Liebe Frau Andrea, ...” und das Hamburger Sie inszenieren in satirischer Weise eine Anrede-Kultur in der Tradition viktorianischer Kummerkolumnen. Bam! www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

23. November 2014 (0) Comments

Asiatische Atemschutzmaskerade

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 47/2014

Liebe Frau Andrea,

in den letzten Tagen sind mir in Wien verstärkt Asiaten mit Einweg-Atemschutzmasken aufgefallen. Das Tragen von Masken dieser Art mag an der Zeit liegen – wir denken an die beginnende Grippezeit, an Ebola, an den Trend zu Gesichts-Schönheits-OPs, an Halloween und den bevorstehenden Faschingsbeginn. Ich glaube nicht, dass alle der von mir gesichteten Personen aus dem feinstaubbelasteten Peking kommen. Warum also gerade Asiaten mit Masken und warum in Wien? Ihre Weisheit ist gefragt!

Bleiben Sie gesund!
Herzlichst, Martin Paul Dvorak

Lieber Martin,

Ihre Wünsche erreichen mich zu spät, ich habe seit dem Sommer an zwei unterschiedlichen Grippewellen teilgenommen und auch eine bakterielle Entzündung der oberen Atemwege hinter mich gebracht. Zur Sache. Als Stadt der Faschings- vulgo Karnevalsmasken darf Venedig gelten. In der Stadt ohne Straßen können wir immer wieder das Modell eine Larve entdecken, die fälschlicherweise als Verkleidungsutensil zum Einsatz kommt: Die Vogelmaske der Pestärzte. In deren spassiger Renaissance verbinden sich alle von ihnen erwähnten Motive des Tragens eines Gesichtsschutzes - die Schönheitsoperation mal ausgenommen. Die von Ihnen reportierten Sichtungen von Touristen aus Asien korreliert mit der Beliebtheit Wiens als Reisedestination - Schutzmasken tragende Ostasiaten begegnen uns auch in Prag, Berlin, London oder Paris. Das Mem maskentragender tokiotischer U-Bahn-Passagiere oder jenes von Radfahrern in chinesischen Millionenstädten befördert die Idee vom gesichtsschutzbedürftigen Asiaten. Vorherrschend ist hier der Gedanke, die Maske schütze neben dem Angehustetwerden vor Smog und Feinstaub. Warum also Masken in Wien, das dank vorherrschend starker Winde aus dem waldigen Westen als Weltstadt mit bester Luft gelten kann? Nun, Atemschutzmasken schützen nicht nur die Tragenden sondern auch deren Umgebung. Hilfreich ist dabei das Bild der Chirurgen, deren Atemschutz sie vorrangig nicht vor den Keimen der Patienten sondern ganz umgekehrt, diese vor jenen der Operateure schützt. Japaner, Koreaner, Thailänder und Chinesen schützen einander vor Ansteckung, nicht sich. Im Lichte gesundheitspolitischer Solidarität ist dies ein schöner Gedanke. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

16. November 2014 (0) Comments

Gif der Woche #1

Dusl-Gif-der-Woche-1-Torus.gif

12. November 2014 (0) Comments

Franziskusaudienz im Höllenkrater

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 46/2014

Liebe Frau Andrea,

2013 widmete die Presse dem neu gewählten Papst Franziskus einen Artikel: “Papst ohne Pomp?” Herrlich verstörend war der Text mit einem Bild illustriert, das Franziskus ganz klein vor einer riesigen Skulptur zeigt, er weiß gekleidet, die Skulptur riesig, schwarz und - ja, was eigentlich darstellend? Verschlungene Schlangen, die in einem hundsköpfigen Höllenfürsten gipfeln? Das Fegefeuer, die Hölle? Wieso sitzt der neue Papst vor dieser Skulptur? Und wo steht sie (Buenos Aires?) Wer hat sie erbaut? Das Bild hängt immer noch in unserer Küche, Bitte um Aufklärung!

Liebe Grüße, Gregor Birkhan, per Email


Lieber Gregor,

das herrlich verstörende an dieser Kolumne liegt in ihrer Unillustriertheit. Wir können uns hier nur der Sprache bedienen. Das von Ihnen vorgelegte, hochsymmetrische Bild zeigt vor enormer Kulisse neben Sparpapst Franziskus und zwei klerikalen Trabanten auch zwei grellkostümierte Landsknechte. Die Schweizergardisten verweisen auf den Ort, an dem wir uns befinden: Der Vatikan in Rom und ebendort die vatikanische Audienzhalle, nach ihrer Funktion als “Aula delle Udienze Pontificie“ und nach ihrem Bauherrn als “Aula Paolo VI“ bekannt. Die mächtige Einfunktionshalle aus Stahlbeton wurde 1971 vom italienischen Architekten Pier Luigi Nervi errichtet. Das Fassungsvermögen der Halle (sie liegt zum Teil auf extraterritorialem, nämlich italienischem Staatsgebiet) ist enorm. Bei jenen päpstlichen Mittwochmorgen-Generalaudienzen, die nicht am Petersplatz stattfinden, finden unter ihrer sanft geschwungenen, parabolisch gewölbten Decke 6327 Personen einen Sitzplatz. Stehend könnten bis zu 25.000 Besucher an einer Generalaudienz des Nachfolgers Petri teilnehmen. Als Bühnenbild dient der Audienzhalle seit 1975 eine hypertrophe Metallskulptur von enormen Ausmassen und ausgesuchter Hässlichkeit: Aus 40 Tonnen Bronze und Messing schuf der italienischen Bildhauer Pericle Fazzini auf 21 Metern Breite, sieben Meter Höhe und drei Metern Tiefe ein grausames Gußmetallgestrüpp mit dem Titel “La Resurrezione”. Das Kunstwerk stellt die Auferstehung Jesu dar, der sich aus dem Krater einer nuklearen Explosion erhebt. Die Arbeit an der monströsen Visualiserung katholischer Ängste dauerte sieben Jahre. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

9. November 2014 (0) Comments

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