Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Bezirksspott und Stadtteilhohn

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 39/2014

Liebe Frau Andrea,

in einer lachsfarbenen Zeitung (oder deren graugrüner Internetversion) las ich in einem Essay übers Vorarlbergersein die Ausdrücke “Seebrünzler” für die Bregenzer und “Süasslarschnitz” für die Dornbirner. Die Wiener sind da nicht so, oder? Gibt es solche Insulte auch bei uns? Von Bezirk zu Bezirk quasi? Und warum heissen die Dornbirner Süasslarschnitz?

Grüssi,
Benni Sagrader, 1040 Wien, per Email


Lieber Benni,

fangen wir im Westen an, wo Ihre Fragen beginnen. Der Spottname der Nichtbregenzer für die Leute aus “Breagaz” ist angesichts des dort anbrandenden Bodensees selbsterklärend. Etwas stärker verhüllt tritt uns “Süoßlarschnitz” entgegen, der Spottname für die Anrainer von “Dorabira”. Obwohl die größte Stadt Vorarlbergs eine Birne im Wappen führt, kommt ihr Name nicht von dieser, so die Toponymologen, sondern von “Torrin Puirron“ der Ansiedlung eines alemannischen Bauern namens Torro. Dessen ungeachtet bezieht sich die Schmähung “Süoßlarschnitz” auf eine süßlich schmeckende Birnensorte, die sich vorzüglich zum Dörren eignete. Deren Birnenschnitten, die “Schnitz” waren in der Gartenstadt besonders beliebt. Nach anderer Deutung bezieht sich die Bezeichnung, ähnlich dem Süssholzraspeln, auf den süßlichen Konversationsstil der Dornbirner. Werden diese doch auch “Braschlar” genannt, Prassler, nach dem Geräusch des Regens – Quassler also.

Das Wienerische hatte und hat als Schmelztiegel weniger Bedarf an geographischen Schmähungen. Abgesehen davon, dass Provinzler von den Wienern traditionell als Großkopferte sprechen, als Scheißweana und Weana Bazi (verkürzt aus der Figur des Lumpazivagabundus). Dennoch wollen wir ein paar Spottnamen aus dem Alten Wien in Erinnerung rufen. So hieß man die Grinzinger wegen der dort erzeugten Blutwürste Blunznstricka, die Sieveringer Bochbrunza, die Nussdorfer Wossarotzn und die Oberdöblinger - wegen des dort einst grassierenden Milchschwunds - Müchmarder. Die Pötzleinsdorfer galten als Fisolenbauern, die Stammerdorfer als Erdäpfelbehm. Wegen der steinreichen Seidenfabrikanten im heutigen 7. Bezirk, galt Lerchenfeld als der Diamantengrund. Die Bezeichnungen Mazzesinsel für den zweiten Bezirk und Boboville für die gentrifizierten Teile innerhalb des Wiener Gürtels sind frischeren Datums. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

21. September 2014 (0) Comments

To coq or not to coq au vin

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 38/2014

Liebe Frau Andrea,

bei meinem letzten Urlaub konnte ich feststellen, dass die Hennen auch auf französischen Misthaufen eindeutig die Mehrheit sind. Wo sind die Hähne? Enden sie wirklich fast alle als “coq au vin“ im Kochtopf? Oder handelt es sich auch hier mehrheitlich um “poules au vin“?

Au revoir! Josef Dollinger, 1070 Wien, per Email


Lieber Josef,

geht man von der Prämisse aus, dass jeder Misthaufen, ob in Frankreich oder in hiesigen Gefilden, von einem Hahn regiert wird, sieht es gut aus für Ihre Theorie. Es gibt mit großer Wahrscheinlichkeit mehr “coqs au vin“ in Kochtöpfen als auf Misthaufen. Wir müssen dabei aber eher an eine Rezession der Misthaufen als an eine Konjunktur der Gockel denken. Schlimmer noch, selbst in Frankreich, jenem Land, das den bunten Hühnermann als Nationaltier begreift, ist der Hahn als Speisevieh selten geworden. Die regional durchaus verschiedenen Originalrezepte sehen zwar einen einjährigen Hahn vor (der etwa 3 Kilogramm schwer sein soll) aber selbst Spitzenköche bereiten den “coq au vin”, wörtlich “Hahn in Wein” als “poule au vin”, als Huhn in Wein zu. Sind doch Hähne selbst auf gut sortierten Märkten nur mehr schwer erhältlich. Eine lukullische Notlösung stellt der fette “chapon“ (Kapaun) dar, der junge kastrierte Hahn. Das Dilemma verweist auf das Geschlechterverhältnis zwischen männlichen und weiblichen Hühnervögeln. Hähne leben, wie die männlichen Exemplare vieler Tierarten, polygam. Artgerechte Haltung sieht daher mehrere Hennen für jeden Hahn vor, die dieser nach Lust und Laune treten kann – so bezeichnet die Fachwelt den Kopulationsvorgang beim Federvieh. Für den Hahn ist die Reproduktion Schwerarbeit, je nach Rasse ist das Verhältnis von Hahn zu Hennen unterschiedlich. Schwere Hühnerrassen sollten im Verhältnis 1 (Hahn) zu 7 bis 10 (Hennen) gehalten werden, bei leichten Rassen kann ein Hahn hingegen durchaus 15 Hennen betreuen. In der Phantasie eines idealen Bauernhofs kämpfen mehrere Hähne um ihre Vormachtstellung unter den Hennen. In Realitas landen die weniger starken Hähne vor, nach, meist aber statt eines Hahnenkampfs im Kochtopf. Die fehlenden Hähne der von Ihnen besuchten Misthaufen dürften also alle dem gastronomischen Kreislauf zugeführt worden sein. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

14. September 2014 (0) Comments

Goldberger Vienna Wien Schreygasse 6

Message to the two nieces of Mr. Goldberger from Vienna, Schreygasse 6. You visited Vienna, Wien in 2003 searching for the former apartment of your grandfather Mr. Goldberger (Ph. Goldberger, Schneider, taylor):

Please contact me: Dr. Andrea Maria Dusl comandantina.dusilova@gmail.com

10. September 2014 (0) Comments

Du und Sie synchron

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 37/2014

Liebe Frau Andrea,

an einem der vergangenen Fernsehabende bin ich auf folgende Frage gestoßen: Wie wird bei der Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche entschieden, wann die beteiligten Personen sich siezen, und wann diese zum Du übergehen? Meine Versuche, diesbezüglich auf ein System zu stoßen (z.B. eine Kopplung mit der Verwendung des jeweiligen Nachnamens) scheiterten bisher kläglich.
Ich hoffe auf Ihre Hilfe.
 
Benjamin Mörzinger, per Email


Lieber Benjamin,

die Synchronisation von Kinofilmen und Fernsehserien (traditionell nur in Mitteleuropa und den romanischen Ländern durchgeführt) steht unter dem deutlichen Zwang ökononomischen Handelns. Mehr noch als die Produzenten der Stoffe haben die Verwerter von Filmen und Serien großes Interesse daran, ihre Kosten möglichst gering, ihren Gewinn möglichst hoch zu halten. Wir dürfen konstatieren, dass Filme und ihre künstlerische Intention (so denn eine vorliegt) unter Synchronisation eher leiden. Eine Ausnahme von dieser Regel erfuhr die britische Early-70ties-Krimiserie “Die Zwei” (Originaltitel: The Persuaders!), die nicht trotz, sondern wegen der schnoddrigen Synchronisation im Deutschsprachigen Kultstatus erlangte. Ähnliche erfolgreich waren die Ergebnisse sprachlicher Translationskunst im Fall der Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Filmen. Auf der Wasserscheide zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik tänzelt die Übertragung von englischen Anredeformen in das deutschsprachige Duzen und Siezen. Hier kann festgestellt werden: Je billiger die Serie, desto billiger die Synchronisation. Das Anredeproblem - im Englischen sind ja alle per Ihr (you) - ist dabei nur die Spitze eines Eisbergs sprachlicher Missverständnisse. Eine gewissenhafte Synchronsiation sollte die Originaldrehbücher, ja die Figuren-Backstories und die Entwicklung der Charaktere kennen, um im Einzelfall zu entscheiden, wie die gesellschaftlichen und hierarchischen Verhältnisse der Protagonisten zueinander liegen, wie die handelnden Personen einander ansprächen, wären sie nicht in der Bronx oder am Kapitol zu Gange, sondern in Duisburg-Hochfeld oder im Bundestag. Tatsächlich ist dieses Feld eines der ständigen Irrungen, was selbst österreichische Ohren bisweilen verstört. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

8. September 2014 (0) Comments

Gequetschten Quatsch kwetchen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 36/2014

Liebe Frau Andrea,

auf Facebook habe ich einen amerikanisch-englischen Test ausgefüllt, der ermittelt, welcher jiddische Begriff meinen Charakter am besten beschreibt. Heraus gekommen ist “kvetch”. Ein Querulant! Ich! Ist das arg? Ich solle Rechtsanwalt werden oder Journalist. Was glauben die!

Und vor allem, was glauben Sie?
David Barta, Wieden, per Gesichtsbuchdirektnachricht


Lieber Boris,

selbstverständlich habe auch ich diesen Online-Fragebogen längst ausgefüllt. Was soll ich Ihnen sagen, ich bin auch “a kvetcher”. Aber der Reihe nach. Der satrirische Multiple-Choice-Test “Which Yiddish Word Describes Your Personality?” wirbt mit dem Bild von Yetta Rosenberg. Die graublau dauergewellte Lady mit den fingerdicken 70ties-Brillen und dem glitzy Blazer (gespielt von Ann Morgan Guilbert) ist die senil-skurile, jedenfalls aber europäisch-anstrengende Großmutter von Fernseh-Nanny Fran Drescher und dem Vernehmen nach deren eigener Babe (jiddisch für Oma) nachgeraten. Das newyorkerische Verb “to kvetch” ist dem jiddischen “kwetschn” entlehnt. Als Substantiv bezeichnet es alle, die meckern, maulen oder nörgeln, langsam, ineffizient oder bürokratisch arbeiten, kleine Beschwerden aufblähen, ständig Ausreden für die eigenen Leistungen und Missfallen an denen der anderen finden. Unser Lexem kommt, obwohl vielfach behauptet, nicht von mittelhochdeutsch “quetzen, quetschen”, vom Auspressen also, wie es etwa in der Wienerischen Version der Ziehharmonika, der “Quetschen”, oder in der gleichlautenden Bezeichnung für das kleine Geschäft, den kleinen Handwerksbetrieb vorliegt, sondern von “quatschen”. Das lautmalerische Verb beschreibt “den Ton, wie er hörbar wird, wenn man mit Vehemenz in breiigen Schmutz stapft”. Einen weiteren Hinweis auf die Herkunft von “kwetch(e)n” liefert das Wort “Quatsch”, soviel wie Unsinn, Geschwätz, Gerede. Es kommt mit großer Wahrscheinlichkeit vom mittelhochdeutschen “quât”, Kot, Schmutz, Dreck, Unflat. Als Kwetcher (m.) und Kwetscherke (f.) befinden wir uns dennoch in guter Gesellschaft, berichtet doch Leo Rosten, Verfasser der Jiddischen Enzyklopädie von der Sichtung eines Buttons mit der Aufschrift: “Franz Kafka is a Kvetch.” www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

1. September 2014 (0) Comments

Nackte Zahlen zum Eiskübelwahn

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 34/2014

Liebe Frau Andrea,

alles badet in Eiswürfel. Wenn der Erfinder der Ice Bucket Challenge drei Personen nominiert hat, sind das am Tag 3 neun, am 4. Tag 27 und am Tag 10 bereits 19.683. Wenn keiner die Kette unterbricht, wären am Tag 22 bereits 10 Milliarden Personen nominiert, also mehr, als die Erde EinwohnerInnen hat. Wenn nur ein Teil davon auf YouTube geladen wird, wird doch damit das Internet kaputt. Und wieviel Energie benötigt die Produktion von Milliarden Eiswürfel? Was meinen Sie?

Liebe Grüße,
Siegi Lindenmayr, Alsergrund, per Email


Lieber Siegi,

die Kollegen der Los Angeles Times haben als Erfinder der Eiskübelherausforderung den 29jährigen ALS-Patienten Peter Frates ausgemacht. Der frühere Captain des Boston College Baseball Teams nominierte am 15. Juli einige lokale Sportler, sich eiskübeln zu lassen. Dann ging alles recht schnell und überaus öffentlich. Bis dato haben über 740.000 Spender an die 42 Millionen Taler an die Nervenforscher überwiesen – mehr als das Doppelte des üblichen Jahresspendenaufkommens. Soweit die guten Nachrichten. Das exponentielle Anwachsen von Spenden, Küblern und Beweisvideos sollte längst die gesamte Erdbvökerung erfasst haben. Wie jedes Pyramidenspiel knickt auch die Ice Bucket Challenge vor der normativen Kraft des Faktischen ein. Irgendwann laufen sich Schneeballsysteme tot. Die Anzahl der Aufnahmegeräte wäre dabei kein Hindernis. Weltweit gibt es nach Berechnungen der Softwareindustrie inzwischen mehr Mobiltelefone als Zahnbürsten. YouTube würde Eiskübelvideos jedes Erdenbewohners locker wegstecken. Pro Minute werden dort 100 Stunden Videomaterial hochgeladen, in einem Monat sind das 43.829.063.900 Stunden. Die reale Energiebilanz der gutgemeinten Aktion ist jedenfalls erschütternd. Die Produktion eines einzigen Eiskübels verbraucht etwa 1,43 Millionen Joule - eine Energiemenge, mit der gut 1,4 Millionen Tafeln Schokolade um einen Meter angehoben werden könnten. Klimaforscher haben den ökologischen Fußabdruck der "Ice Bucket Challenge" errechnet, er entspricht mittlerweile dem Energieverbrauch einer Kleinstadt. Tendenz steigend. Wir berichten weiter. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

25. August 2014 (0) Comments

Postmoderne Umziehstrategien

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 34/2014

Liebe Frau Andrea,

in Bädern gibt es keine getrennten Garderoben für Männchen und Weibchen (mehr), sondern nur einen gemeinsamen Umziehraum. Nachdem das An- und Ablegen der Schwimmkleidung aus meiner Sicht möglichst rasch und effizient von statten gehen soll, habe ich bisher noch nie die dafür vorgesehenen Umzugskabinen benützt, sondern mich immer im Garderobenraum vor meinem Spind aus- oder angezogen. Es hat sich darüber zwar noch nie jemand beschwert, dennoch bin ich mir nicht sicher, ob mein Vorgehen kulturell statthaft ist. Was meinen Sie?
 
Herzliche Grüße
Herwig Ziebermayr, per Email


Lieber Herwig,

vor jeder anderen wollen wir auch in diesem Fall die Machtfrage stellen. Warum passiert was, und wer dient wem? Hinter der Zusammenlegung getrennter Umziehbereiche stehen ökonomische Überlegungen. Im Falle privaten Badebetriebs die Gewinnmaximierung, in jenem öffentlich verwalteten die Verlustminimierung. In einer idealen Welt fänden wir wohl großzügige Kabinen vor, um uns darin vor den Blicken anderer mit den Textilien der Schwimmweltcouture zu gewanden. Mit moderaten Eintrittspreisen ist dies kaum zu vereinbaren. War die abschliessbare Mietkabine einst Standard für Wohlbetuchte und das Kästchen im Gemeinschaftssaal - nach Geschlechtern getrennt - den Finanzschwachen vorbehalten, schlug die postmoderne Profitwelt alles in eins. Mietkabinen rechneten sich nicht mehr, die Trennung der Geschlechter ebensowenig. Um ein Mindestmass an Intimität zu bewahren, sind in postmodernen Badeanstalten Umziehkabinen eingerichtet. Zur Statthaftigkeit Ihrer Umziehstrategie sei angemerkt, dass sich diese dem (fremden) ökonomischen Diktat unterwirft, indem Ihr Kleiderwechsel möglichst schnell vonstatten geht. Maskiert ist Ihr Vorgehen mit militärisch-sportlichem Habitus, worauf Ihre Begrifflichkeit “Spind” für das Kleideraufbewahrkästchen hinweist. Was ist zu tun? Gönnen Sie Sich den Luxus der Langsamkeit! Ziehen Sie Sich wie Napoleon um und nicht wie der gemeine Soldat. Verschonen Sie das eigene wie das andere Geschlecht mit dem Anblick Ihrer Unterwäsche und Reproduktionsorgane. Kommen Sie schon im Bademantel aus der Dusche! Seien Sie napoleonisch, seien sie elegant! www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

18. August 2014 (0) Comments

Insultan

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 16.8.2014.

Sultan Recep Tayyip der Einzigartige und Große entstammt nach allerhöchsteigener Aussage einer türkischen Türken-Familie, die aus der fremdländisch-georgischen Hafenstadt und Lotterhölle Batumi in die konservative Schwarzmeerperle Rize im Nordosten der Türkei migriert. Sultan Recep Tayyips Vater Ahmet Erdoğan ist Seemann. Der Vater aller Väter nennt den späteren Sultan nach dessen Geburtsmonat Recep, dem siebten Monat des islamischen Kalenders und gibt ihm mit Tayyip als zweiten Vornamen den Namen des Großvaters. Der Enkel aller Enkel wird am 26 Februar 1954 im alten Istanbuler Hafenviertel Kasımpaşa geboren und wächst mit drei Brüdern, einer Schwester und dem Cousin Danny ‘Talât’ Torosoğlu auf. Die allerhöchstfrühe Kindheit verbringt der Cousin aller Cousins in Riza, wo der Vater als Mitglied der türkischen Küstenwache das Schwarze Meer bewacht. Als der spätere Sultan 13 Jahre alt ist, kehrt die Familie aller Familien nach Istanbul zurück. Schon als junger Mann arbeitete der Sohn aller Söhne als Unternehmer, er setzt ökonomische Initiativen auf den Strassen der rauheren Instanbuler Gegenden, verkauft Limonade und Sesamkringel, um sich für seine späteren Aufgaben als Bürgermeister, Landesvater und Weltgegendbeherrscher zu kapitalisieren. Allerhöchstfrühe militante Erfahrungen auf dem Felde der Politik macht der Ökonom aller Ökonomen als Mitglied der türkisch-islamistischen Untergrundorganisation Akıncılar Derneği, des Vereins der Vorkämpfer. Gymnasialen Unterricht suchte der Vorkämpfer aller Vorkämpfer in der İmam-Hatip-Schulen für Vorbeter-Ausbildung und Predige-Kunst. Der Vorbeter aller Vorbeter weiß um die Wichtigkeiten eines weltlichen Studiums und schreibt sich an der Fakultät für Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften der Istanbuler Marmara-Universität ein. Bald entdeckt der spätere Sultan die Manneskraft in sich. Auf einer Konferenz trifft er Emine Gülbaran aus dem osttürkischen Siirt, der Stadt der handgemachten Wolldecken. Der Entdecker aller Entdecker verweist die Frau auf ihren Platz und zeugt ihr zwei Söhne und zwei Töchter. Der Rest des Sultans Fertigkeiten ist Geschichte.

16. August 2014 (0) Comments

Die Hutschnur des Scheichs

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 33/2014

Liebe Frau Andrea,

schon des längeren frage ich mich, welchen Ursprung die dicke schwarze Schnur hat, die Scheichs und manche andere orientalische Männer als Befestigung (?) ihrer Kopftücher tragen. Ist das regionale Kluft oder eine Art Rangabzeichen für Chefs?

Vielen Dank im Voraus und beste Grüße,
Lovisa Weiss, per Facebookdirektnachricht


Liebe Lovisa,

das gesuchte Modeaccessoire wird Agal (auch Iqal, Egal oder Igal) genannt, nach dem arabischen Wort iqāl (Band oder Schnur). Die meist schwarze Kordel besteht aus einem Wollkern aus Kamel- oder Ziegenhaar, um den sehr straff schwarze Fäden gewickelt sind. In der meistgebräuchlichen Variante ist die steife Schnur an den Enden verbunden und wird, zu einer Doppelschlinge geschlagen, dazu verwendet, das traditionell von Männern getragene Kopftuch Ghutra (auch Kufiya oder Shmagh) am Kopf zu befestigen. Der meist unsichtbarer dritte Bestandteil dieser orientalischen Kopftracht ist die unter dem Tuch getragene Taqiya, eine wollene Häkelmütze, ohne die das Tuch verrutschen würde. Das Tragen des Agals ist prinzipiell nicht an Standesgrenzen gebunden. Vom einfachen Bauern bis zum König kann ihn jeder tragen. Unterschiede gibt es allenfalls, was Design und Wert betreffen, sie markieren Zugehörigkeiten zu Clans und Stämmen und dienen der Illustration von gesellschaftlichen Unterschieden. Imposante, mehrfach geschlungene, an Kronen erinnernde Agals trugen Lawrence von Arabien, König Faisal und Frank Zappa (als Sheik Yerbouti). Trotz seiner weitgehend auf die arabische Welt beschränkten Verbreitung, hat der Agal europäische Wurzeln. Der Legende nach soll der Kalif angesichts des Zusammenbruchs der islamischen Herrschaft in Andalusien den Männer des Landes aufgetragen haben, als Zeichen der Trauer schwarze Kopfbänder zu tragen. Eine andere Version der Geschichte erzählt von wütenden Frauen, die sich aus Zorn über die mangelnde Bereitschaft ihrer Männer, den Islam zu verteidigen, die Haare ausgerissen hätten, um damit nach ihnen zu werfen. Die Männer sollen daraufhin aus Scham und Schuldbewusstsein die Locken ihrer Frauen um den Kopf gewickelt haben. Wahrscheinlicher als diese Sage ist jenes Erklärmodell, nach dem Beduinen schwarze Schnüre am Kopf trugen, um im Bedarfsfall ihre Kamele damit anzubinden. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

10. August 2014 (0) Comments

Fernsehen

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 9.8.2014.

In den späten 80erjahren des vorigen Jahrhunderts (wie das klingt!) geriet die Welt in Explosion und begann jenen Zustand anzustreben, in dem wir uns heute befinden. Die britische Premierminsterin Margaret Thatcher, eine ebenso eiserne wie frisurmutige Lady verkündete triumphierend, es gäbe keine solche Sache wie Gesellschaft. Es gäbe individuelle Männer und Frauen und dann gäbe es Familien. Hier begann das Schlamassel. Das Fernsehen drang in jede Pore unseres Daseins. Vielkanalig und lärmend. Adressiert an individuelle Männer und Frauen und was man Familien nannte. Das Fernsehen amerikanischen Schlages. Fernsehen, das sich rechnen musste. Die Quote begann über den Inhalt zu bestimmen, Qualität verlor sich in den Zufall. Bestimmend wurde die normative Kraft des Ökonomischen. Wie immer waren auch hier die Deutschen perfektionsgieriger als der Rest der Welt, sie überschwemmten den Sprachraum mit Tutti-Frutti-Titten-Shows, Brachialklamauk, Scheindebattenkränzchen und Sozialpornos. Für individuelle Männer und Frauen gab es Kochtipps von Küchenpersonen mit Hyperaktivitätsstörung. Rededuchfallpatienten bekamen eigene Sendungen. Der ORF antwortete mit einer Vertrottelungsoffensive. Versuchte sich an kauzigen Gewinnshows, betroffenheitslüsternen Reportagen, schnarchig-billigen Klamaukrevuen und deftigem Stadlhumpta. Das Nachrichtenfernsehen wurde mit dürftigem Erfolg zur CNN-Kopie hochgebürstet, die Sportberichterstattung zum Dauerblödeln verpflichtet. Wo früher Stille den Bildern Raum und Wirkung gab, wurde nun Lärm geblasen. Ausdauernder und nervenzerrüttender Hörmüll. Den öffentlich-rechtlichen Auftrag meinte man mit betulichen Familiensendungen und Hugo Portischs Nationalnabelschau zu bedienen. Und es ist schlimmer geworden. Dümmer, lauter, atemloser. Ich wünsche mir das alte Fernsehen zurück. Das Fernsehen vor Thatcherism und Reaganomics. Es muss ja nicht Rudi Carrell sein. Nicht Dalli Dalli. Nicht Peter Fichna und die Studiouhr. Nicht die Bundeshymne bei Sendeschluss. Nicht das Testbild. Aber warum eigentlich nicht?

9. August 2014 (0) Comments

Durchschlagend blindkopieren

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 32/2014

Liebe Frau Andrea,

jetzt bin ich doch schon gefühlte Jahrhunderte im Internet, bitte woher kommen die Email-Adress-Feld-Bezeichnungen “cc” und “bcc” eigentlich? Meine Auskennerfreunde erzählen mir Widersprüchliches. Bitte um Aufklärung!

Vielen Dank im Voraus und beste Grüße,
Christine Martin, per Email.


Liebe Christine,

wir dürfen davon ausgehen, dass Sie über die Adressfeldbestellung im gobalen Dorf besser Bescheid wissen, als sie hier zugeben und nur Affirmationen benötigen. Folgen wir den Medientheoretikern Marshall McLuhan und Friedrich Kittler und begeben uns aus Gründen der Veranschaulichung der Zusammenhänge auf die Stufe der Vorgängertechnologie. Bevor Kanzleien und Büros dazu übergingen, schriftliche Nachrichten per Email zu verschicken, bedienten sie sich weitgehend des maschingeschriebenen Briefes. Ein typischer Geschäftsbrief enthielt neben der Nachricht auch die Namen und Adressdaten von Sender und Empfänger. Um bei ausgehenden Briefen eine gleichlautende (und gleich aussehende) Kopie zu erhalten, verwendeten Sekretärinnen und Sekretäre sogenanntes Durchschlagpapier. Dies war ein dünnes Blatt, dessen Rückseite mit einer leicht abreibbaren, kohlehältigen Substanz beschichtet war. Das Durchschlagpapier wurde zwischen das zu beschreibende Blatt und den Durchschlag (die zu erzeugende Kopie) gelegt, gemeinsam in die Schreibmaschine eingespannt und mit dieser beschrieben. Jeder Anschlag drückte sich durch Papier und Durchschlag und damit auch ganze Texte. Auch handschriftliche Durchschläge waren möglich, soferne man nur fest genug schrieb. In Fällen von Bedarf nach mehreren Durchschlägen verwendete man für diese dünneres Papier, weil mit jeder zusätzlichen Schicht die Kopien blasser wurden. Im Englischen firmierte Durchschlagpapier (auch Durchschreibepapier oder Kohlepapier) als “carbon paper”. Die Durchschlagkopie war die “carbon copy”. An wen Durchschläge gingen, wurde im Brief auch vermerkt und mit dem Kürzel “cc” bezeichnet. Durchschläge, die an Ungenannte gingen, hießen intern “blind cc”, kurz “bcc”. Die IT-Technolgie “Email” hat diese anglosächsischen Distributionsbezeichnungen beibehalten. Im Sinne McLuhans Diktum, das Medium sei die Message, ist nicht der Text der Kern jeder Email, sondern die Adresssaten in “cc” und “bcc”. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

3. August 2014 (0) Comments

Quälgeister

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 2.8.2014.

Aus der Welt des Masochismus ist vieles bekannt. Rituale und Kostümierungen, Rollen und Werkzeuge. Sie sind längst und erfolgreich Gegenstand literarischer und filmischer Betrachtungen. Jenseits aller Bewertungen durch Teilnehmer am wissenschaftlichen wie am moralischen Diskurs haben sie Eingang in jenes Paradies gefunden, das wir gemeinhin als den Markt bezeichnen. Es gibt nichts, was nicht zu kaufen wäre auf dem Felde der kontrollierten Einschmerzung. Pessimistische Beobachter unserer gegenwärtigen (westlichen) Gesellschaftsordnung führen ins Treffen, dass der Markt selbst eine masochistische Grossunternehmung sei. Eine Konstante masochistischer Betätigung ist die ästhetisch überformte Lust an Schmerz und Unterwerfung, sei es als Kunst, Phantasie oder Geschäft. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, dass der unfreiwillige Namensgeber der Disziplin, der Jurist und Historiker Leopold Ritter von Sacher-Masoch ein Österreicher war, wir uns also im Mutterland der Lustqual befinden. Nirgendwo sonst, mit der vermuteten Ausnahme einiger Täler in Transsylvanien, wird gesellschaftliches Aufeinandertreffen mit der Verabreichung solch gefährlicher Mengen an Fusel vergütet, wie in Österreich. Jeder Anlass ist willkommen, den Stoppel aus einer übelriechenden, unetikettierten Flasche zu ziehen. Es gibt das Willkommensschnapserl für Ankommende und Heimkehrenden, das Griassdistamperl für Postler und Rauchfangkehrer, den Muntermacher für Arbeiter und Handwerker, das Pfiatistesserl für Abreisende und das Fluchtachterl für Nachhausewankende. Nicht dass sonst zuwenig getrunken würde. Kaum Eingang in die lustquälerische Ritualistik hat indes das Insekt gefunden. Es mag Fälle von Ameisensäure-Riech-Abusus geben und obsessive Spiele mit Honig, ja Ekelgrenzgänge mit Spinnengetier und Würmern, die Gelse ist jedenfalls kein Objekt masochistischer Phantasie. Gelsen sind sogar dem Qualfreunden zu unangenehm. Jüngst hat sich dem Blutsauger eine ebenbürtige Niedrigkeit hinzugesellt. Der allzeit störende und unvermeidliche Klugfernsprecher. Niemand mag seinen Störschmerz, nicht mal die Masochisten: Das Handy.

2. August 2014 (0) Comments

Kindertaugliche Schimpfwörter

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 31/2014

Liebe Frau Andrea,

da mein Töchterlein langsam der Sprache mächtig wird, stellt sich das Problem, welche Schimpfwörter ich aus ihrem Mund hören möchte. Babyworte wie Scheibenkleister finde ich blöder als das Original. Ich suche Alternativen zu "Scheiße/Fuck/Oasch" (genereller Ärger), "Oaschloch/Voitrottl"(für Mitbürger). In meiner Verzweiflung bin ich schon zu Erbstücken aus meiner Kindheit wie "Kreizsakarament", "Kruzinesa" und "Kruzifuchzgal"abgedriftet, bin mir aber nicht sicher, ob das im katholischen Kindergarten jemand hören soll. Können Sie mir bitte weiterhelfen?

Vielen Dank und liebe Grüße,
Viktoria Scherrer, per Email.


Liebe Viktoria,

Schimpfwörter und Flüche, wollen sie die damit Bedachten treffgenau erreichen und triebabbauend für die Anwendenden wirken, müssen auf der Messerschneide des Tabubruchs tänzeln. Die angeführten Erbstücke eignen sich bestens für Fluchen in katholischer Umgebung. Ich würde da jetzt nichts lindern, eventuell sogar zu Schärferem raten. Dass Sie die Flüche noch aus Ihrer Kindheit erinnern, beweist ihre semantische Kraft. Auch in der Vergangenheit haben sich besorgte Eltern um den Liebreiz der Sprache ihrer Sprösslinge gesorgt. Die Allermeisten unserer Schimpfwörter haben diesen Filter erfolgreich passiert. Hier würde ich mich keinen Illusionen hingeben. Fördern sie vielmehr die Fluchkünste Ihres Töchterchens. Im Bergwerk junger Begabungen können goldene Neologismen geschürft werden! In aller Kürze hier dennoch einige Vokabelvorschläge für generellen Ärger und Ideen zum Thema Insult. “Bam Oida!” und “Potztausend” wollen wir als Brückenköpfe klassenbewusster, aber nichtklagbarer Ärgerrufe verstehen. Auch “Karamba!”, “Donnerwetter”, “zum Kuckuck” und “Ei der Daus!” können Dienste am Felde der Harmlosigkeit leisten. Dünner ist das Vokabelheft der Beleidigungen, die treffen sollen, gleichwohl aber schmerzlos bleiben. “Versteher” und “Versteherin” mit vorgesetztem Konfliktobjekt attestieren wir momentan Konjunktur auch in der Vorschulstufe. Im Sinne postmodernen Denkens schlügen sich auch Schmähungen auf Metaebene gut. Sowas wie “Bravkind” oder “Elternstolz”. Ein Klassiker für Kinder und Erwachsene jeden Alters ist das doch sehr verletzende “Du Österreicher!” Ungegendert. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

27. Juli 2014 (0) Comments

Geschenke für Leute die schon alles haben

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 26.7.2014.

Geben ist seliger den Nehmen, wissen die Bibelkenner. Haben ist heiliger denn Wollen, sagen die Kapitalismusversteher. Was schenkt man jemand, der schon alles hat? Ein Seminarwochenende im Diskursrund? Das neue Buch von Umverteilungsprophet Thomas Piketty? Eine Nacht auf der Parkbank? Abgelaufenes Joghurt? Prince Charles konnte man vor nicht allzu langer Zeit noch mit dem Premierenerlebnis einer Taxifahrt überraschen. Der ewige Thronfolger des Vereinigten Königreiches wurde bei dieser Gelegenheit mit der für ihn völlig neuen Erfahrung konfrontiert, dass dem Großstadtmenschen gemeinhin Fahrpreis für die Ortsveränderung abgenommen wird. Bis dahin war Prince Charles bargeldlos durchs Empire getrampt. Berichte wie dieser lehren uns beständig, daß es auch auf dem Feld des Beschenktwerdens echte Profis gibt. Sie schmeissen zu präsentwürdigen Anlässen – Gebursttagen, Namenfesten, Hochzeitsanniversarien, Berufseintrittsjubiläen und anderen Feierstunden große Parties, deren Reinerlös den Stiftungsnehmern zukommt. Erfahrene Geschenkadressaten organisieren diese Jubelzusammenküfte nicht selber, sondern lassen planen. Stets findet sich ein willfähriges Logistiktalent. Im Vorfeld zirkulieren Geschenklisten und Geldtöpfe, um Bekannten und Freunden mit Gebersyndrom Gelegenheit zur Teilnahme an der Umverteilung zu geben. In der Regel wird nach oben verteilt, das heißt, Ärmere schenken Reicheren mehr als umgekehrt. Auch hier werden gesellschaftliche Binsenweisheiten plastisch: Wer schon hat, dem wird gegeben. Traditionell werden Geschenke am Tag der Bescherung auf Tischen aufgebaut. Schenkende werden so auch zu öffentlich Präsentierenden. Kaum jemand, der sich mit einem mickrigen oder geistlosen Geschenk einstellt, keiner möchte zum Spott der Anderen werden. Phantasielosen bleibt immer noch die Teilnahme am kollektiven Großgeschenk und das Abarbeiten der Kleinpräsenteliste. Wer diesen Prozess in seiner Dynamik durchschaut hat, wird sich nicht wundern, warum Reiche immer reicher werden, Arme immer ärmer. Es möge also dieser Appell ergehen: Schenkt endlich in die Gegenrichtung! 

26. Juli 2014 (0) Comments

Wenn der Kranführer mal muss

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 30/2014

Liebe Frau Andrea,

vor vielen Jahren habe ich den Steffl bestiegen. Oben angekommen habe ich den Turmwart gefragt, wie er das mit der Notdurft denn macht. Es gibt ja dort oben kein Klosett. Leider erhielt ich keine Antwort. Die Kranführer auf den Baustellen stehen ja auch vor dieser Aufgabe. Wie lösen die ihr Problem? Sie können es ja nicht so machen wie die Radfahrer der "Tour de France".

MfG, Christoph Patak, pEm.


Lieber Christoph,

die Entledigung flüssiger und halbflüssiger Stoffwechselprodukte gehört zu den grossen Menschheitsthemen. Gleichwohl ist dieses Feld von zahlreichen und wirkmächtigen Tabus verhüllt. Einer Gesamtbetrachtung muss sich diese Kolumne aus Platzgründen versagen, wir wollen uns heute nur mit Detailfragen beschäftigen. Die Radfahrer der Tour de France (und anderer Radrennen) haben zweierlei Strategien des Urinierens entwickelt, die eine ist die kollektive Pinkelpause des Feldes, die andere das Wasserabschlagen während der Fahrt. Kranführer und Turmwarte sind strukturell völlig anders exponiert. Weder befinden sie sich in einem Feld, noch fahren sie. Kranführer drehen sich allenthalben. Als einfachste (aber anstrengendste) Variante für Turmwarte und Kranführer, auf die Toilette zu gehen, darf der Abstieg und das Aufsuchen mobiler oder festinstallierter Einrichtungen gelten. Der Turmwart des Stephansdomturmes, dies ist hochkonfidente Information, hat an seinem Arbeitsplatz oben Zugang zu einem kleinen Klo. Besuchern wird dies verschwiegen. Vor der Installation stiller Örtchen waren auf Türmen Regenrinnen und Nachttöpfe in Verwendung. Als moderne Entsprechung letztgenannter Utensile gelten tragbare Kleinstaborte mit chemischer Geruchsneutralisation und moderne Taschen-Urinale, wie sie Segler und Flieger verwenden. Die Kranführerszene berichtet schon mal von technisch weniger Aufwändigem. Uriniert wird in der Regel in mitgebrachte PET-Flaschen oder Kanister, die in der Mittagspause diskret auf der Baustelle entleert werden. Auch das Abschlagen gegen die Gegenballaststeine hoch oben am Kran wird von Kranführern als gängige Praxis beschrieben. Bei Regen oder grosser Höhe wird schon auch mal aus der Kabine geludelt, so geht die Saga, natürlich nicht gegen den Wind. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

21. Juli 2014 (0) Comments

Wolkenkunde

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 19.7.2014.

Nephelokokkygia, zusammengesetzt aus den altgriechischen Wörtern nephélē (Wolke) und kókkyx (Kuckuck) ist jene Stadt in den Wolken, die sich die Vögel (angeleitet von zwei Großstadtexilanten) in Aristophanes’ gleichlautender satirischer Komödie bauen. 2227 Jahre später übersetzt der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer das Wort im Kapitel ‘Vernunft und Verstand’ seiner etwas kompliziert lautenden Schrift ‘Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde auf diese Weise’ als ‘Wolkenkuckucksheim’. Schopenhauer hat indes mit Stadtgründungen nichts vor, er wirft den anderen Philosophen seiner Zeit vielmehr vor, den Wohnort der Vernunft ebendort, in Wolkenkuckucksheim zu vermuten und überdies nur vom Hörensagen zu kennen. Wäre Schopenhauer nicht Hanseate gewesen, sondern Bayer, hätte er überdies nicht von Wolkenkuckucksheim gesprochen, sondern von Wolkenkuckucking. 

Wie auch immer, die mit auffallend vielen Deutschen besetzte deutsche Fußballnationalmannschaft hat aus Brazucaland den Wolkenkuckuckspokal (oder zumindest eine Kopie davon) mitgebracht. Die goldene Trophäe stellt zwei hysterische, sonst aber nackte und weitgehend geschlechtslose Kicker dar, die mit torjubelnd hochgerissenen Armen ein Schleierzelt aufspannen, in dem ein jacuzzigrosser Globus liegt. Profaner ausgedrückt und in die richtigen Dimensionen gerückt: Der wiedergewonnene WM-Pokal ist ein schlechtgeratener Eierbecher im Vogelstraussformat. Wiedergewonnen? Aber ja doch. Mit ‘Vernunft und Verstand’, wie die Fußballphilosophen unserer Zeit betonen, haben die Deutschen (auch wenn die meisten der Bundesbürger nur zusahen) in der Rekordanzahl von sieben gespielten Matches die goldene Gewinnplastik wieder nach Schland gebracht. Zum vierten mal. Diesmal aus dem aus dem Maracanã-Stadion in Rio. Auch wenn sie Arthur Schopenhauer nur für einen hessischen Zweitligisten hielten, würden die weltmeisterlichen Rasenvögel doch die ‘vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde auf diese Weise’ als zutreffende, wenn auch etwas kopfige Beschreibung ihres Titelgewinns aktzeptieren. Sie waren dort. In Wolkenkuckucksheim. Alle haben es gesehen. 

19. Juli 2014 (0) Comments

Religion und Sonnenstand

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 29/2014

Liebe Frau Andrea,

was macht ein Muslim oder eine Muslimin, wenn die Sonne im Ramadan weder auf noch untergeht? Sind die nördlichen Muslime oder Musliminnen nicht krass benachteiligt gegenüber ihren äquatornahen Brüdern und Schwestern ?

Mit freundlichen Grüßen,
Wolfgang Mähr, per Email.


Lieber Wolfgang,

als Fastenmonat oder Ramadan, abgeleitet von der arabischen Wurzel ramiḍa oder ar-ramaḍ, soviel wie “brütende Hitze”, wird der neunte Monat des islamischen Kalenders bezeichnet. Gläubige weltweit (ausgenommen sind Kinder, Kranke, Schwangere, Stillende, Menstruierende und Reisende) beachten den Ramadan als eine der fünf Säulen des Islam. Die Enthaltsamkeit beginnt mit Sonnenaufgang, endet mit dem Untergang des Zentralgestirns und erstreckt sich auf Essen, Getränke jeder Art, Rauchen und sexuelle Handlungen, in Fällen strengerer Auslegung auch auf Fluchen, Streiten, und vergleichsweise moderne Sünden wie Prokrastination. Weil der islamische Kalender ein Mondkalender ist, und ein Mondjahr zehn bis elf Tage kürzer ist als ein Sonnenjahr, wandert der Ramadan durch die Jahreszeiten. Heuer, die islamische Zeitrechnung schreibt das Jahr 1435, dauert der Ramadan von 29. Juni bis 27. Juli. Ein großes Problem für Migranten in den skandinavischen Ländern. Wollen sie den Ramadan einhalten, können es in Stockholm oder Helsinki schon mal 19 Stunden ohne Wasser und Brot oder eine lindernde Zigarette werden. Musliminnen und Muslime aus diesen hohen Breiten, vor allem aber solche aus Orten nördlich des Polarkreises - hier geht die Sonne im Sommer nicht unter - wandten sich aus begreiflichen Gründen an die religiösen Autoritäten. Es ergingen widersprechende Fatwas. Die liberaleren ägyptischen Theologen trugen den Gläubigen auf, sich im Falle einer länger als 18 Stunden währenden Tagesdauer nach den Zeiten der Heiligen Städte Mekka oder Medina zu richten. Orthodoxere Gelehrte aus Saudi-Arabien hingegen urteilten, die religionswirksamen Effekte fehlender Sonnenuntergänge seien streng einzuhalten, in der Wüste sei man auch nicht zimperlich. Versäumtes könne immerhin später nachgeholt werden. Das Dillemma am Polarkreis ist prolongiert. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

14. Juli 2014 (0) Comments

Sprünge der Saison

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 12.7.2014.

Sommer ist Sonne und Sommer ist Bad. Sonne und Bad aber sind Figur. Figur ist alles in einem richtigen Sommer. Umgekehrt ist alles Figur in einem Sommer voll Richtigkeit. Hier fangen die Probleme an. Die einen haben sie, die anderen sehen sie. Der Figur kann sich niemand entziehen. Im Idealfall wird sie als jugendverboten kurvenreich beschrieben und von knappen Bikinidreiecken mehr ent- denn verhüllt. Für den Begleiter sieht der Modehegemon den Cornettokörper vor. Als maskulines Badekleid von Rang gilt monentan noch die flattrige Schwimmbermudas unter Waschbrettbauch oder Sechserpack. Wir kennen diese Figurentypologie eines idealen Badegastpäärchens vor allem aus der Werbung. Im Freibadalltag kommt er nicht vor. Niemand hat also Figur, alle machen welche. Als Konsequenz dieser Zusammenhänge hat sich eine Volkssportart etabliert, die so variantenreich ist wie beliebt - das Beckenrandspringen. Im Beckenrandspringen offenbaren sich Tugenden wie Untugenden des Österreichertums. Eine traditionelle Förderungsmassnahme besteht darin, das Beckenrandspringen zu verbieten. Was verboten ist in Österreich, so haben wir es gelernt, wird umso lieber getan. Schon die Kleinkinder werden Von Vätern und Brüdern in kunstvollen Schwüngen ins Sommernass geworfen, kaum krabbeln sie heraus, werfen sie sich selbst von allen Ufern. Zahllos sind die Namen, die den Sprungfiguren gegeben werden. Die meisten heissen “Achtung!”, “Jetzt ich!” oder lautmalerisch “Booooombe” und werden in unmittelbarer Nähe älterer Schwimmender ausgeübt. Wo die ballistischen Benennungen versagen, wird geschrien und geprustet. Was in den weiten Ebenen der Badegeländes als adipöse Körpermehrleistung verstanden wird, gilt an der Absprungkante als Tugend. Je dicker die Figur, desto grösser die Wasserexplosion und der Eintauchknall. Man sollte das Phänomen nicht verurteilen. Zwischen Absprung und Impakt, jener Zeit und jenem Raum also, den wir “die Figur” nennen wollen, wird Freiheit produziert. Ein Phantasma, nach dem Bedarf besteht in diesem Land.

12. Juli 2014 (0) Comments

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